Wenn ich mich nachts verfolgt fühle, dann nimmt mir das Heimwegtelefon die Angst

Foto: Abby Winters.
Angst beim Heimweg? Dafür gibt es jetzt eine Hotline. Es klingelt nur einmal. „Hallo, wie heißt du denn?“, fragt mich eine freundliche weibliche Stimme. Ich antworte ihr. „Ist es denn dein erstes Mal oder weißt du schon, wie es abläuft“, fragt mich die nette Dame in der Telefonleitung.
Tatsächlich ist es das erste Mal, dass ich den Dienst „Heimwegtelefon“ nutze. Aber es ist nicht das erste Mal, dass ich mich beim Nachhauseweg in den späten Abendstunden unwohl fühle. Das kann manchmal einen bestimmten Auslöser haben, manchmal auch ganz irrational sein. Aber es ist wohl ein Problem, mit dem jede Frau schon mal konfrontiert war, möchte ich behaupten: Wenn man nachts alleine auf den Straßen unterwegs ist, von der Dunkelheit überschattet wird und ängstlich darauf achtet, ob man Schritte hinter sich hören kann. Ein ungutes Gefühl kommt hoch. Ab sofort kann man in solchen Situationen deutschlandweit die 030/12074182, die Nummer des „Heimwegtelefons“, wählen.
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Hierbei handelt es sich um eine Telefonhotline, welche die Anrufer nachts auf ihrem Weg begleitet und ihnen Ablenkung bietet. Das mulmige Gefühl einfach wegtelefonieren, ist die Devise, Sicherheit bieten und dadurch eventuell Überfälle vermeiden. Sollte es tatsächlich zu einem Notfall kommen, kann die „Heimwegtelefon“-Mitarbeiterin sofort reagieren und die Polizei rufen.
Und da gehe ich nun zur späten Stunde die Straßen in Berlin Mitte entlang und telefoniere mit einer fremden Frau. Sympathisch ist sie. Bevor wir ins Gespräch einsteigen, fragt sie mich, wo ich mich genau aufhalte und tippt den Straßennamen parallel bei Google Maps ein. So kann sie meinen Weg genau mitverfolgen und checken, ob zu dem Ort Meldungen von Vorfällen vorliegen. Zwischendurch fragt sie mich immer wieder, wo ich mich genau aufhalte.
Und worüber redet man mit einer Fremden? Unter anderem über Rezepte, Mädelsabende oder Musik. In meinem Fall über den Wohnort. Sie erzählt mir, dass ihre Cousine in Berlin lebt, sie aber länger nicht mehr da war. Und so kommen wir langsam ins Gespräch. Natürlich bin ich neugierig und möchte mehr über das „Heimwegtelefon“ erfahren. Wie zum Beispiel, dass nicht nur Frauen den Service nutzen. Auch Männer rufen ab und zu an, wenn sie sich nachts nicht sicher fühlen. Die weiblichen Anrufer sind bis zu 35 Jahre alt, viele Teenager gehören dazu. Die Nummer ist also für unterschiedliche Altersgruppen interessant. Das Angstgefühl hat schließlich nichts mit dem Alter zu tun.
Der Heimweg fühlt sich viel kürzer an, wenn man mit jemandem telefoniert, finde ich. Mein Ziel ist fast erreicht. „Schon alleine deine Haltung, wenn wir sprechen, macht etwas aus“, sagt die ehrenamtliche Mitarbeiterin. Der Anrufer ist nicht mehr unsicher und entkommt somit der typischen Opferrolle – und er oder sie ist in Gesellschaft. Genau darauf setzen Frances Berger und Anabell Schuchhardt, die beiden Gründerinnen des „Heimwegtelefons“. „Wenn ich versuche mir vorzustellen, dass ich selbst jemanden angreifen wollte, würde das für mich einen Unterschied machen. Mein ‚Opfer’ ist dann nicht vollkommen alleine, sondern würde im selben Augenblick mit jemanden interagieren, sodass ich als Täterin schneller erwischt werden könnte“, erklärte Berger der „taz“.
Die beiden Frauen gründeten die Hotline 2014, 2013 lief die Testphase, in diesem Jahr wurden die Anrufzeiten ausgeweitet. Das Vorbild des Projektes ist ein ähnliches Angebot der Polizei in Schweden. Berger: „Die Idee hatten meine Freundin Anabell und ich zusammen.Irgendwann unterhielten wir uns darüber, dass wir beide nachts telefonieren, um uns sicherer zu fühlen. Sie hat sogar einen Notrufknopf am Handy, der einen Anruf simuliert. Und ich rufe meist meinen Freund an. Mit dem gab es dann schon manchmal Diskussionen, weil er müde oder genervt war. Aber er will ja auch, dass ich sicher nach Hause komme.“
Jetzt kann Berger die Nummer ihrer eigenen Initiative wählen. Mittlerweile soll die Hotline deutschlandweit gut genutzt werden. Laut der Website rufen unter der Woche fünf bis zehn Menschen pro Nacht an, am Wochenende sind es sogar 20 bis 25. Tendenz steigend. Auch ich bin an dem Abend sicher nach Hause gekommen. Und mit einem Lächeln.
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