Warum Menschen in Syrien ihre letzten Worte auf Twitter teilen

Seit Beginn des Konflikts nutzen Aktivisten und Zivilisten die sozialen Netzwerke, um auf die verheerenden Folgen des Krieges in Syrien, der bereits Millionen von Menschen das Leben und das Zuhause gekostet hat, aufmerksam zu machen.

In dieser Woche nutzten viele von ihnen die Social Media-Kanäle, um sich scheinbar endgültig von ihren Followern – und der Welt – zu verabschieden.

Nachdem eine Streitmacht der Regierung in den vergangenen Tagen den Beschuss der Stadt Aleppo wieder aufgenommen hatte, um die Rebellen zu bekämpfen, finden sich mehr und mehr dieser bewegenden Nachrichten in den Social Media-Feeds.
Werbung
Die in der Stadt gefangenen Aktivisten wollen in diesem gnadenlosen und nicht enden wollenden Krieg noch einmal das Wort an die Öffentlichkeit richten.

„Diese Welt hat ein Problem“, erklärt Monther Etaky, ein 28-jähriger Journalist und Graphikdesigner. „Diese Welt will nicht, dass wir als freie Menschen leben.“

Soziale Netzwerke wie YouTube, Twitter und Facebook haben die Diskussion um den Syrienkonflikt stark geprägt. Kein Krieg zuvor ist wohl so genau dokumentiert wie dieser, finden sich im Internet doch zahlreiche Amateurvideos und Aufnahmen, die die Schrecken des Krieges in jedem noch so grausamen Detail zeigen. Den Aktivisten kommt damit eine bedeutende Rolle zu. Knapp sechs Jahre nach Ausbruch des Konflikts scheint ihr Vorhaben, die Welt zu mobilisieren und eine Änderung zu bewirken, jedoch gescheitert.

Die höllischen Leiden der syrischen Bevölkerung müssen aufhören.

UN-Komissar für Menschenrechte Zeid Ra'ad Al Hussein
„Warum schweigen sie? Hier werden Menschenleben ausgelöscht“, twitterte Abdulkafi Alhamdo, ein Aktivist und Englischlehrer. Später schreibt er: „Das ist meine letzte Nachricht. Ich danke euch allen. Wir haben viele Momente geteilt. Die letzten Tweets waren die eines emotionalen Vaters. Mach's gut #Aleppo.”

Später meldete sich Alhamdo mittels der Videostreaming-App Periscope noch einmal live zu Wort und informierte darüber, dass die Truppen der Regierung nun einmaschierten.

„Das ist das Ende“, sagt er. „Ich hoffe ihr behaltet uns in Erinnerung.“

Die siebenjährige Bana Alabed, die das Kriegsgeschehen gemeinsam mit ihrer Mutter ebenfalls regelmäßig via Twitter dokumentiert hatte, erklärte ihren mehr als hunderttausend Followern, dass nun der Zeitpunkt gekommen war, an dem es sich endgültig entscheiden würde, „ob sie leben oder sterben werde.“
Werbung
Ihr Mutter Fatemeh war zuvor mit einem letzten Apell an die Social Media Community getreten, man möge ihr und ihrer Tochter helfen, endlich aus dieser Hölle zu entkommen.

„Meine letzte Nachricht – seit letzter Nacht sterben wieder Menschen. Ich bin überrascht, dass ich noch twittern kann und noch immer am Leben bin“, schreibt sie.
Bana Alabed, 7.
Vonseiten russischer Truppen, die das Regime von Präsident Bashar al-Assad bei dem Angriff unterstützt hatten, heißt es, dass der Militäreinsatz am späten Dienstagabend beendet worden sei und die Regierung nun wieder die Oberhand in Aleppo habe.

Doch das Geschehene - der Tod tausender Zivilisten – hat die Welt nachhaltig erschüttert. Der UN-Sicherheitsrat hat am Dienstag eine Notfallsitzung einberufen, um auf ein „Ende des Blutvergießens“ zu drängen.

„Die Welt schaut nach Aleppo – wir dokumentieren die Gewalt, die den Menschen dort angetan wird, und wir sind überzeugt, dass die Verantwortlichen eines Tages zur Rechenschaft gezogen werden”,
erklärt Zeid Ra'ad Al Hussein, hoher UN-Komissar für Menschenrechte. „Wir müssen dafür sorgen, dass das passiert. Die höllischen Leiden der syrischen Bevölkerung müssen aufhören.”

Noch ist das Leid aber lange nicht überstanden. Aber auch wir können etwas tun.

Spendet an Hilforganisationen:

Das Rote Kreuz, Ärzte ohne Grenzen und die Weißhelme, eine Gruppe von Freiwilligen, die dabei helfen, Menschen aus den Trümmern zu bergen, sind nur einige wenige Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Menschen in Syrien das Leben zu retten.

Unterstützt syrische Geflüchtete, die dem Krieg entkommen sind:

Millionen Menschen mussten ihr Zuhause verlassen. Die Mehrheit der Flüchtlinge sind Frauen und Kinder. Für die meisten ist der Kampf aber noch immer nicht vorbei und sie brauchen daher unsere Hilfe. Die Flüchtlingskomission der UN versorgt geflohene Familien mit Unterkünften, Nahrungsmitteln und dem Nötigsten, was sie zum Leben brauchen und wir können sie dabei unterstützen. Das International Rescue Committee, eine internationale Hilfsorganisation für Flüchtlinge und Kriegsopfer, bietet außerdem die Möglichkeit, einer einmaligen Spende oder einer monatlichen Unterstützung für die Familien.

Tragt es in die Welt hinaus:

Kehrt der Zerstörung und dem Leid nicht einfach den Rücken. Teilt die Geschichten, um euer Umfeld auf das Grauen aufmerksam zu machen und zum helfen zu bewegen.
Werbung