Amelia Umuhire: „Manchmal fühle ich mich weder deutsch noch ruandisch genug"

Ich treffe die erst 25-jährige Regisseurin Amelia Umuhire im belebten Kreuzberger Graefekiez zum Interview. Menschen haben sich es mit Decken vor dem Lokal gemütlich gemacht und wir nichts dagegen, es ihnen gleich zu tun. Wir bestellen uns eine heiße Zitrone und finden – die Köpfe über den dampfenden Gläsern zusammengesteckt – schnell noch so manch andere Dinge, auf die wir uns einigen können.

Ein aufregendes Jahr ging gerade zu Ende: Amelia hat ihre erste eigene YouTube-Webserie Polyglot abgedreht, die seitdem unter anderem als Best German Webseries beim Webfest Berlin und Best International Webseries beim Geneva International Film Festival ausgezeichnet wurde. Keine schlechte Bilanz für ein Projekt, das nicht nur mehr oder weniger spontan an einem Wochenende im April 2015, sondern dazu auch ohne jegliches Budget entstanden ist. Es ist die Geschichte von Babiche Papaya, einer Schwarzen Rapperin, die in Berlin ihren Weg sucht.

Dabei könnte es auch leicht ihre eigene sein: 1999 von Ruanda nach Deutschland gekommen, wächst sie zwischen Köln und Düsseldorf im 25.000 Einwohner großen Neukirchen am Niederrhein auf. Nach dem Abitur zieht es sie zum Studieren nach Wien, wo sie ihren Abschluss in Internationale Entwicklung absolviert. Ihrem Traum, als Regisseurin und Drehbuchautorin zu arbeiten, zu folgen, dafür fehlt es ihr zu dem Zeitpunkt noch an Mut. „Ich habe dort zwar auch zwei Semester Theater-, Film und Medienwissenschaften studiert, dachte aber damals noch, dass es unbedingt einer Ausbildung im Bereich Drehbuch und Regie bedarf, um wirklich eine Chance zu haben.“

Während viele ihrer Kommilitonen am Ende des Studiums bei Stiftungen oder NGOs landen, keimt in ihr nach wie vor der Traum, Filme zu machen. Sie zieht nach Berlin und wagt hier schließlich ihre ersten Gehversuche. „Im Ballhaus Naunystrasse gibt es im Rahmen der Akademie der Autodidakten regelmäßig Theater- und Filmprojekte. Dort habe ich die Chance bekommen, ohne den üblichen Erfolgsdruck einen Film zu realisieren.“ Die anschließende Arbeit hinter den Kulissen, bei Filmfestivals in Berlin und Ruanda, bestärkt sie in ihrem Vorhaben nur noch mehr. „Ich hatte immer das Gefühl, dass ich das auch könnte, habe mich aber nie getraut. Außerdem habe ich geglaubt, Regie sei nicht das Berufsfeld, das mein Umfeld von mir erwarten würde.“ Obwohl ihre Schwestern bereits in der Medienbranche arbeiten, hatten Amelias Eltern zu Beginn tatsächlich Vorbehalte gegenüber dem Berufswunsch ihrer Tochter. „Das lag aber eher daran, dass sie gemerkt haben, dass ich keine Ahnung hatte. Ich hatte Lust Filme zu machen, konnte aber nicht erklären, wie ich da hinkomme.“
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Fragen wie Wer bin ich?, Wo komme ich her?, Wo gehöre ich hin? sind so aktuell wie nie zuvor.


Bis sich die Karten vor anderthalb Jahren neu gemischt haben. Anlass für die erste Folge zu Polyglot im Frühjahr 2015 war ein Filmwettbewerb auf YouTube, bei dem sie damals zwar nicht als Siegerin hervorgegangen ist, der sie aber dennoch weltweit bekannt gemacht hat. „Als dann plötzlich auch Blogs und Magazine darüber berichtet haben, habe ich erst realisiert, dass es tatsächlich Leute gibt, die sich das gerne anschauen. Das hat mich angetrieben.“ Es folgten Einladungen zu internationalen, renommierten Filmfestivals, unter anderem dem Tribeca Filmfestival in New York und diverse Auszeichnungen. Der enorme Zuspruch verwundert nicht, denn Amelia thematisiert, was vielen jungen Menschen – mit und ohne Migrationshintergrund – auf der Seele brennt: die Suche nach Heimat und Identität. Fragen wie Wer bin ich?, Wo komme ich her?, Wo gehöre ich hin? sind so aktuell wie nie zuvor. Sie selbst habe die eine universelle Antwort auch noch nicht gefunden. „Ich glaube, ich komme ihr aber immer näher. Was wohl trotzdem immer bleiben wird, ist der innere Konflikt, ob mein Zuhause nun hier oder in Ruanda ist. Auch wenn ich weiß, dass das eine, das andere nicht ausschließt. Vielleicht ist Zuhause aber ohnehin kein Ort, sondern ein Gemütszustand. Ruanda ist sowas wie mein Sehnsuchtszuhause. Wenn ich nicht in Berlin bin, verspüre ich nie dieselbe Sentimentalität.“


Viele Filme über den Genozid hatten wenig mit dem zu tun, was wirklich passiert ist und waren lediglich die Sicht des Auslandes, weswegen es auch in allen Filmen, ausser bei Hotel Ruanda, immer einen weißen Helden geben musste

Auch wenn sie Berlin viel verdanke, hier ihre Kindheit hinter sich gelassen und den Schritt ins Erwachsenenleben gewagt habe, würde sie jederzeit nach Ruanda zurückgehen. „Da herrscht einfach eine andere Zugehörigkeit. Natürlich werde ich auch dort als fremd wahrgenommen, vielleicht ist viel aber auch meine eigene Unsicherheit. Manchmal bin ich in meinen Augen weder deutsch, noch ruandisch genug.“ Für ihren Traum, gäbe es in Ruanda sogar beruflich Perspektiven. Der afrikanische Binnenstaat hat seit einigen Jahren eine wachsende Filmszene zu verzeichnen, die sie nur zu gerne mit aufbauen würde. „Es scheint, als gäbe es bei den jungen Leuten den Wunsch, die Dinge wieder selbst in die Hand zu nehmen. Viele Filme über den Genozid hatten wenig mit dem zu tun, was wirklich passiert ist und waren lediglich die Sicht des Auslandes, weswegen es auch in allen Filmen, ausser bei Hotel Ruanda, immer einen weißen Helden geben musste.“ Vielleicht ist das auch der Grund dafür, warum Amelia mit ihrer Arbeit auch ein wenig als Sprachrohr für die Sichtweisen und Probleme ihrer Landsleute agieren möchte und warum Polyglot hierzulande weniger geklickt und gesehen wird, als im Ausland. Ärgern würde sie das aber nicht. „Es ging als Internetserie ja von Anfang an darum, Menschen auf der ganzen Welt zu erreichen. Ich freue mich, dass sie das erfüllen konnte. Woher diese Menschen kommen oder wer sie sind, ist erst einmal egal. In Berlin gibt es viele Schwarze Frauen, die die Serie gesehen haben und mich darauf ansprechen, das ist ein tolles Gefühl. Am Ende glaube ich, hat es schon alle erreicht, die es erreichen sollte.“
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Jede Sprache verkörpert eine komplett andere Welt für mich


Das Thema Identität spielt ohnehin eine große Rolle in ihrem Leben – privat und in ihrem künstlerischen Schaffen. „Ich finde es einfach spannend zu sehen, woraus sich ein Mensch zusammensetzt. Da spielt soviel mit rein: die Sprache, das Geschlecht, die Herkunft. Die eigene Identität definieren zu können, heisst im Umkehrschluss ja nur, zu wissen wo man hingehört. Aber ich glaube nicht, dass das Konzept wirklich noch zeitgemäß ist. In Zeiten, in denen die meisten von uns oft aus mehr als nur einem Kulturkreis kommen, werden unsere Identitäten ohnehin zunehmend individueller.“ Ob sie deswegen auch den Namen Polyglot, gewählt habe, was übersetzt soviel bedeutet wie „mehrsprachig“, will ich wissen? „Auch, ja! Das ist etwas, was mich seit jeher begleitet. Meine Schwester und ich sprechen untereinander nur deutsch, meine Mutter mit meinem Stiefvater französisch, wir miteinander Kinyarwanda (neben Französisch und Englisch die Amtssprache in Ruanda) und mit meinen Cousinen Französisch oder Englisch. Deswegen verkörpert jede Sprache eine komplett andere Welt für mich.“

Diese verschiedenen Welten spiegeln sich auch inhaltlich in ihrer dreiteiligen Serie wieder. Während der Schauplatz der ersten und zweiten Folge noch Berlin ist, spielt die dritte Folge in London, die als Abschluss der Trilogie noch einmal eine universellere Thematik anreisst. „Die dritte Folge haben wir ziemlich unmittelbar nach den Paris-Anschlägen im vorletzten Jahr gedreht, um die Verunsicherung ins Bild zu bannen, die solche Ereignisse mit sich bringen. Hysterie und Paranoia machen die ohnehin schon beengten Umstände in einer Stadt nur noch enger. Es wird feindseliger, das Mißtrauen gegenüber den anderen wächst.“


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Dabei sei das Anderssein per se gar nicht das Problem, sondern oft die Reaktionen von Außen. „Teilweise geht mir das – entschuldige die Wortwahl – wirklich auf den Sack, weil ich mein Dasein nicht über Rassismus definieren möchte, aber er ist halt ein Teil davon. Vor allem ein Teil meiner Familiengeschichte.“ Diese Geschichte fand mit dem Genozid, der sich 1994 in Ruanda ereignete, leider einen traurigen und fragwürdigen Höhepunkt. Sie selbst hat kaum Erinnerungen daran, die wenigen mischen sich oft mit Geschichten, die sie einmal gehört und dann zu ihren eigenen gemacht habe. Das hindere sie aber nicht, die gegenwärtigen Ereignisse in Europa und die wachsende Fremdenfeindlichkeit mit alarmierendem Argwohn zu betrachten. „Wir sind alle extrem manipulierbar geworden. Oft sind es ja immer wieder die selben verwackelten Bilder in den Nachrichten, die uns Angst machen sollen. Und so werden wir immerhin genug radikalisiert, um in Folge eine rechtsradikale Partei zu wählen.“

Ich kann mir nicht mehr vormachen, dass mein Geschlecht und meine Hautfarbe keine Rolle spielen, das werden sie immer tun und ich für Menschen entweder unsichtbar, oder aber extrem sichtbar sein

Trotz all der Probleme, die das „Anderssein“ leider manchmal noch immer mit sich bringen, sieht sie sich vor allem als die, die sie ist: sie selbst! „Ich kann mir nicht mehr vormachen, dass mein Geschlecht und meine Hautfarbe keine Rolle spielen, das werden sie immer tun und ich für Menschen entweder unsichtbar, oder aber extrem sichtbar sein. Oft ist letzteres der Fall. Manchmal ist das deprimierend, manchmal motivierend. Am Ende ist es aber einfach die Realität.“ Und sie fügt hinzu: „Ich will mich auch gar nicht beschweren, weil ich weiss, wie gut es mir geht und wie privilegiert ich bin.“

Und während eine ganze Generation in Europa kollektiv auf der Suche nach neuen Lebensformen und gesellschaftlichen Mustern ist, kämpft Amelia auf ihre ganz eigene Art und hat dafür eine universelle Sprache gefunden: die der Kunst. „Kunst kann wirklich etwas verändern, das reizt mich so an ihr!“
Auch wenn Amelia für Polyglot keine Fortsetzung plant, wird man in Zukunft noch viel von ihr sehen, lesen und hören. „Ich konzentriere mich jetzt auf neue Projekte, die auf dem Erfolg der Serie aufbauen können. Seit November teile ich beispielsweise sehr persönliche Gedanken in einer monatlich erscheinenden Kolumne für das Missy Magazine.“ Außerdem habe sie gerade mit ihrem experimentellen Kurzfilm Mutabo in London Premiere gefeiert und ein Drehbuch zu einem 30-minütigen Film fertig geschrieben. Auch darin wird es um die Identität der Schwarzen Community gehen, nicht aber ohne eine universelle Botschaft zu transportieren. „Am Ende ist es wichtig, sich in andere hinein fühlen zu können, auch wenn man bestimmte Situationen oder Alltagsabläufe nicht kennt. Ich werde auch zukünftig mit Nischen-Protagonisten und Geschichten arbeiten, die aber genauso gut in der Masse funktionieren. Es gibt etwas universell Gültiges zwischen all unseren Identitäten, ein Band, das uns zusammenhält. Daran muss ich einfach glauben, wenn ich das weitermachen möchte.“
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