Wie du vernünftig mit den AfD-Wählern in deiner Familie reden kannst: 6 Tipps

Politisch richten sich die Meisten im Laufe ihres Lebens nach ihren Eltern: Weil es sich eben doch durchschlägt, dass sie mit bestimmten Werten aufgewachsen sind. Weil die eigenen Eltern uns beeinflussen und ihre Moral und ihre Werte früher oder später meist dankbar angenommen werden. Idealerweise auch, weil die Meinung und die politische Gesinnung der Eltern oder der Familie im Generellen eine menschliche und richtige ist.
Richtig oder falsch ist ja in der Politik immer so eine Sache. Für mich persönlich ist eine Politik richtig, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht – und damit meine ich ganz klar: Mensch ist Mensch, egal ob arm oder reich, Frau oder Mann, Christ, Moslem, Jude oder Buddhist. Mich interessiert nicht, wo deine Wurzeln liegen, wie deine sexuelle Gesinnung ist oder ob du glaubst oder nicht.
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Mit dieser Einstellung blicke ich gebannt auf einige politische Bewegungen der heutigen Zeit. Berlin war immer Melting Pot, aber auch immer Zuhause vieler Rechter. In meiner Familie herrscht Einigkeit darüber, dass die aktuelle Flüchtlingspolitik Problematiken birgt. Genauso herrscht allerdings der Tenor vor, dass wir helfen müssen, dass Geflüchtete willkommen sind, dass wir als Gesellschaft die Kraft, die Mittel und den Willen haben, Menschen zu integrieren und sie willkommen zu heißen.
Schon seit ich denken kann, reichen meine Eltern Menschen, denen es nicht so gut geht wie uns, die Hand. Egal ob das Betroffene der Atomkatastrophe in Tschernobyl sind oder Obdachlose, denen man ein Straßenmagazin abkauft. An diesen Grundsätzen gibt es nichts zu rütteln und nicht im Traum fiele es einem von uns ein, auf die plumpe und menschenfeindliche Propaganda der Alternative für Deutschland reinzufallen.

Was aber, wenn im entfernten Familienkreis jemand plötzlich genau so jemanden mitbringt? Jemanden, der in erster Instanz nett wirkt, anständig, der fürsorglich ist, lustig und sympathisch und dann plötzlich eine Meinung offenbart, die ihn zum Feind am Esstisch meiner Familie macht?

Als ich Teenager war und mein Interesse am anderen Geschlecht wuchs, hatte ich ein Gespräch mit meiner Mutter. Da ging es um Toleranz und Akzeptanz und ich erinnere mich noch genau daran, dass sie mir sagte: „Du kannst jeden Jungen mit nach Hause bringen, den du willst. Er kann Punk sein, Streber, Musiker, Schulabbrecher, angehender Student, Buddhist, Deutscher, Mensch aus einem anderen Kulturkreis. Nur eins darf er nicht sein: rechtsradikal. Das könnte ich nie akzeptieren.“ Weise Worte, aber auch solche, denen es nicht bedurft hätte. Meine eigene politische und menschliche Meinung wäre nie mit jemandem konform gegangen, der Menschen aufgrund ihrer Religion, Ethnie oder Hautfarbe ablehnt. Was aber, wenn im entfernten Familienkreis jemand plötzlich genau so jemanden mitbringt? Jemanden, der in erster Instanz nett wirkt, anständig, der fürsorglich ist, lustig und sympathisch und dann plötzlich eine Meinung offenbart, die ihn zum Feind am Esstisch meiner Familie macht? Ich sage euch: The struggle is real – passieren kann das offensichtlich überall.
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Beim Durchscrollen meines Facebook-Feeds habe ich mich zuletzt fast an meinem Wasser verschluckt. Da postet Betreffender ein offensichtliches Propagandabild aus einer dubiosen Quelle: fadenscheinig formuliert, aber frei übersetzt mit der Aussage „Deutschland den Deutschen“. Flüchtlinge werden bevorzugt. Der Deutsche an sich kommt zu kurz. Neben meinen Werten und Moralvorstellungen habe ich auch beigebracht bekommen, Courage zu zeigen. Nicht den Mund zu halten. Im analogen Alltag, wie auch im virtuellen Raum. Vielleicht gerade im virtuellen Raum, der zurzeit immer mehr Menschen dazu ermutigt, Aussagen zu tätigen, die sie früher nicht gewagt hätten zu äußern – und zwar völlig zu Recht. Ablehnung und Hass scheinen salonfähig geworden zu sein.
Auf meinen Hinweis hin, dass die Person bitte reflektieren solle, was da geteilt wird und woher das Posting stammt (geschlossene Gruppe mit Deutschlandflagge und altdeutscher Schrift, in der Videos von Steinigungen aus Saudi-Arabien verbreitet werden, um den barbarischen Charakter des „gemeinen Moslems“ zu zeigen), kommt ein banales „Es herrscht Meinungsfreiheit in Deutschland und ihr werdet auch noch aufwachen!“ – aufwachen woraus frage ich mich? Aus meinem prädestinierten Leben, von dem ich gern etwas abgebe und das sich in keinster Weise geändert hat, durch den Zuzug Geflüchteter in den letzten Jahren? Aus der Illusion, dass in meiner Familie nur Menschen existieren, die eine für mich vertretbare Meinung haben? Den Wecker habe ich gehört. Ich lasse mich auf eine Diskussion ein und spätestens bei Kommentar drei stockt mir der Atem: Woher das Posting stamme, sei doch egal. Selbst wenn Hitler es persönlich gepostet hätte – es sei nun mal seine eigene Meinung. Das spätestens war der Punkt, als aus dem Gedanken, dass es da einen Zuzögling in unserer Familie gibt, der offensichtlich nicht reflektiert und intelligent genug ist, um menschenverachtende Propaganda zu erkennen, ein Problem wurde. Eins, das niemand in meiner Familie akzeptieren kann. Dagegen halten fiel nach einem denkbar dummen Kommentar wie diesem leicht, was mir flugs mit dem Entfernen aus der Freundesliste quittiert wurde. Dieser Akt hat mich nicht nur stumm gemacht, sondern ratlos.
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Wie reagiert man auf Menschen, die nicht nur einfach anderer Meinung sind, sondern Menschen ablehnen, generalisieren, rassistisch und hasserfüllt sind? Rassismus beschränkt sich nicht auf rechte Nischen. Er begegnet uns überall. In Schule und Beruf, im Alltag, im Freundeskreis und offensichtlich auch in der Familie. Wir können überall etwas dagegen tun: Indem wir etwas dagegen sagen. Indem wir uns der Auseinandersetzung stellen, und eben nicht den Mund halten und in Schockstarre verfallen. Überzeugte Rassisten oder Nazis werden ihre Meinung vielleicht nicht durch ein Gespräch ändern oder sich einfach so überzeugen lassen: Aber sie spüren den Gegenwind. Und du kannst Zuhörer gewinnen und begeistern. Für Solidarität und Gleichheit, für Akzeptanz und Toleranz, für eine Gesellschaft die offen ist für Neues.
Ein paar Tipps, die sicherlich helfen:
1. Kommunikation ist alles!
Ich weiß, es ist schwer, sich die teils simplen und propagandagetränkten Kommentare und Argumente zu Gemüte zu führen, aber Ausgrenzung und Blockade führt zu nichts. Nur wer diskutiert, kommuniziert und argumentiert kann überzeugen.
2. Informiere dich!
Fadenscheinige Argumente und unfundierte Hetze kann man am besten mit Fakten entkräften. Eine tolle Übersicht über stetig aufkommende Argumente und Aussagen von Rechten und Fakten, um diese zu entkräften, findest du hier.
3. Konkret werden und Parallelen ziehen!
Viele Menschen, die Andersdenkende ablehnen, sind nie mit diesen in Berührung gekommen. Sie sehen Geflüchtete und Ausländer allgemein als gefährliche Masse und nicht als Individuen und Menschen, wie euch und mich. Wenn ihnen doch mal ein Schicksal nahe geht, argumentieren sie mit Einzelfällen. Das ist in Ordnung: Auch man selbst ist ein Einzelfall! Wie also würden sie reagieren, wenn sie flüchten müssten? Was, wenn ihre Zukunft oder die ihrer Kinder bedroht ist? Parallelen ziehen hilft!
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4. Ängste ergründen
Angst ist der häufigste Antrieb für Hass! Hinterfragen: Wovor hast du Angst? Was haben dir diese Menschen getan? Hast du in deinem Alltag Nachteile dadurch? Aufklärung hilft dabei, Angst zu bewältigen.
5. Schaffe dir Verbündete
Beteilige deine Familie, Freunde, Kollegen am Gespräch! Greife auch ihre Argumente auf oder fordere Äußerungen ein. Das nimmt dem Rassismus die Plattform und schiebt die Aufmerksamkeit jemand anderem zu.
6. Bleib ruhig!
Wer ruhig und fundiert argumentiert, kommt besser gegen das Gegenüber an, vor allem wenn dessen Argumente so dünn sind, wie die meisten der Rechten. Lass dich nicht provozieren und punkte mit Fakten.
#refugeeswelcome #onelove
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