Ich, die Bodyshamerin. Meine dunkle Vergangenheit als Klatschredakteurin

Illustration: Mallory Heyer.
Wie können Frauen nur so gemein über andere Frauen schreiben? Eine berechtigte Frage, die da aufkam im Zuge der Diskussion über die Frauenfeindlichkeit von Klatschmagazinen. Ich habe die Antwort darauf, denn ich habe für deutsche People-Magazine gearbeitet. Es stimmt schon, dass sich die Hefte unter anderem mit Bodyshaming verkaufen – mit Pfeilen auf Frauenschenkeln, mit Alliterationen des Grauens, mit No-Make-up-Bildern in unangebrachten Situationen oder fiesen Winkeln. Heute, mit 30 Jahren und einem Job, in dem ich Frauen in all ihren schönen Facetten feiern darf, kann ich mir diese Hefte nicht einmal mehr durchblättern. Es ist mir unangenehm, aber verschweigen möchte ich nicht, dass meine journalistische Laufbahn dort ihren Anfang fand. Ich bin ja der Meinung, dass es kaum Fehler gibt, denn jeder Schritt ist ein wichtiger Baustein fürs Leben. Weil ich nach dem Abitur bei diesen Magazinen gearbeitet habe, konnte ich in den darauffolgenden Jahren herausfinden, dass die Inhalte und die Verkaufe dieser Hefte nicht mir und meinem positiven Wesen entsprechen. Dass ich mir bewusst sein möchte, dass meine Zeilen bejahend sind und im besten Fall andere Frauen bestärken können.
Ich war jung und brauchte das Geld.
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Aber genug von meiner Vita, zurück zu der eingänglichen Frage. Unter dem Deckmantel „Wer das liest, fühlt sich besser, denn er oder sie sieht, dass andere auch unperfekt sind“ haben wir einfach geschrieben, was die Chefredakteurin brauchte, um sich die Hände zu reiben. Übrigens waren 90 Prozent Redaktionsmitglieder weiblich.

Wenn diverse Körperformen so gebrandmarkt werden, dann strampeln wir immer weiter im Hamsterrad des Frauen- und Körperhasses.

Uns alle könnte man im ungeschickten Winkeln finden und wir alle haben Stellen, die laut dieser Magazine „Schenkel-Schanden“, „Furchen-Fiaskos“, „Wabbel-Wellen“, „Dellen-Dramen“ sind. Aber das Schlimme daran ist weder, dass das so ist, noch dass es für andere sichtbar ist, das Problem ist der Umgang damit. Wenn diverse Körperformen so gebrandmarkt werden, dann strampeln wir immer weiter im Hamsterrad des Frauen- und Körperhasses. Überraschung: Man kann auch positive Alliterationen bilden. Würden diese Magazine die Bilder betiteln mit Zellulite-Zufriedenheit, Wabbel-Wohlbehagen, Schenkel-Stolz oder Antidiät-Augenweide - klingt vielleicht zunächst nicht ganz so catchy, aber hey, wir gewöhnen uns an alles – dann würde aus Bodyshaming in den Medien plötzlich Body Positivity.
Wer im Sommer am Zeitschriftenregal steht, sieht's: Das sogenannte Sommerloch, die Urlaubszeit der Promis, ist die Hochzeit des Vorführens. Entweder werden auf den Titeln Sommer-Diäten angepriesen oder „schändliche“ Strandfotos gezeigt. Ich habe einen Traum für alle vier Jahreszeiten: Ich wünsche mir so sehr, dass sich Häme schlechter verkauft als Bestärkung. Wo keine Nachfrage, kein Markt. Und andersherum.
Wir können alle den Wandel jederzeit beginnen: Zum Beispiel Schluss machen mit einer sinnlosen Diät, oder einen Job aufgeben, dessen Ursprung Negativität ist, oder aufhören zu lästern und anfangen, den eigenen Körper als Geschenk zu sehen. Dann freut man sich auch über den der anderen. Und bei so vielen Geschenken muss sich das Leben doch irgendwann wie eine einzige Party anfühlen, oder?
Illustration: Mallory Heyer.
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