Ein Job für starke Frauen: Als Tätowiererin in Berlin

Sehen wir der Tatsache ins Auge: Der aktuell vorherrschende Tattoo-Trend hört nicht auf. Auch wenn Mutter zuhause seit Jahren sagt Mach das nicht Kind, bald ist das unmodern und dann kriegste das nie mehr weg oder der Arbeitgeber meint, Tätowierungen seien unseriös und eine Verschandelung des Körpers. Tatsache ist: Wir sind im 21. Jahrhundert angekommen und Tätowierungen gehören bei vielen Menschen einfach zum Körperbild dazu. Sie sind Schmuck, Ausdruck des Charakters, Erinnerungen an geliebte Menschen – und so viel mehr. Mit der Etablierung des Tattoos und damit auch der Kunst, die dahinter steckt, rückt auch der Beruf des Tätowierers mehr in den Fokus. Bestand früher noch das Klischee alle Tätowierer seien männlich, bärtig, harte Jungs und irgendwie zwielichtig, gibt es heute immer mehr Frauen im Business. Doch wie wird man eigentlich Tätowiererin? Und wie sind die Reaktionen darauf? Wir haben uns mit jemandem unterhalten, der es wissen muss. Lena Jürgens ist 25, Tätowiererin, kommt ursprünglich aus Flachsmeer in Ostfriesland und wohnt seit Januar in der Hauptstadt.
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Wenn man Lena das erste Mal sieht, ist der Beruf der Tätowiererin mit das Letzte, woran man bei ihr denkt. Klar, sie hat ein paar Bilder auf dem Körper – aber nicht unglaublich viele und diese auch nicht sehr dominant. Sie kleidet sich recht dezent, wirkt eher schüchtern und lieb, als rebellisch und abgebrüht. Wo ist die raue Stimme, die Kippe im Mundwinkel, die Jackie-Coke in der Hand? Da spricht aus mir wohl ganz klar das Vorurteil.
Wie ist sie also zum Tätowieren gekommen? Nach ihrem Abitur wusste die attraktive Blondine nicht so richtig, was sie mit sich anfangen sollte. Eine Ausbildung? Studieren? So richtig sicher war sie sich nicht. Bis ein Freund ihr von einem Tattoostudio erzählte, das auf der Suche nach einer Auszubildenden war. „Ich hatte absolut nichts mit Tattoos oder Piercings am Hut “, sagt Lena heute. Irgendwie gefiel ihr die Idee trotzdem, sie zeichnete ein kleines Portfolio, gab es ab, hatte ein Probezeichnen. „Ich war ziemlich nervös und auch etwas eingeschüchtert vom voll-tätowierten Chef mit langem Bart, Glatze und Bikerstiefeln“, lacht sie. Da ist es wieder das Klischee – und es gibt sie offensichtlich noch, die für viele typischen Tätowierer. Nach einem zweiwöchigen Praktikum, etlichen Vorlagen, die gezeichnet wurden und den ersten Versuchen beim Piercen, stand es dann irgendwann fest: Lena wird Tätowiererin. „Beim Tätowieren habe ich das erste Jahr nur zugeguckt, Fragen gestellt, auf Kunsthaut geübt, bin manchmal echt verzweifelt“, erinnert sich die junge Frau. „Das erste Tattoo lief dann jedoch erstaunlich gut und ich habe gemerkt, dass man wirklich nur auf echter Haut ein Gefühl fürs Tätowieren bekommen kann.“ Nach drei Jahren in dem Studio in Papenburg, ihrer Ausbildung und der schnell folgenden Selbstständigkeit packte die Ostfriesin die Koffer und machte sich auf ins große Berlin.
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„Die menschliche Vielfalt, die Berlin mit sich bringt, hat mich sehr gereizt“, erzählt sie mir im Art Visions Studio in Steglitz, in dem die selbstständige Tätowiererin einen Platz gemietet hat. „Vom oftmals recht engstirnigen kleinen Dörfchen in die Multikulti-Großstadt. Total aufregend!“ Aber eben auch anders. Die Berliner Schnauze – gerade in einem Business wie dem Tätowieren – kann ganz schön hart sein.
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Auf Tattoo Conventions zum Beispiel, da trifft man viele verschiedene Tätowierer, und da merke ich manchmal auch noch wie einige denken ah, die ist hier wohl Mädchen für Alles – die sind dann sehr erstaunt wenn ich mich an die Maschine setze.

Lena, 25, Tätowiererin
Aber in Berlin kann man eben auch tun und lassen was man will, tragen was man möchte – die Stadt ist tolerant und auch deswegen Wunschziel so vieler Kreativer und Querdenker. Das hat auch Lena gemerkt: „Ich denke, man kann hier mit jedem nur erdenklichen Stil Fuß fassen. Es gibt immer Abnehmer für deine Kunst“, weiß Lena nach einem halben Jahr in der Hauptstadt. „Wenn du was drauf hast und dich gut verkaufst, kannst du ziemlich groß werden. Natürlich ist Berlin voll von Tätowierern und nicht nur von guten. Pfuscher gibt es überall, da gilt es, sich gut zu informieren.“ Aber wie ist das denn nun eigentlich als Frau in der als hart verschrienen Tattoo-Szene, in der jeder zugehackt von oben bis unten ist, sagt, das täte doch gar nicht weh und das Credo gilt je abgefreakter, desto besser? Lena lacht und verdreht ein bisschen die Augen. „Auf Tattoo Conventions zum Beispiel, da trifft man viele verschiedene Tätowierer, und da merke ich manchmal auch noch wie einige denken ah, die ist hier wohl Mädchen für Alles – die sind dann sehr erstaunt wenn ich mich an die Maschine setze. Bei weiblichen Kollegen ist da manchmal komischerweise mehr dieser Konkurrenzgedanke.“ Sie persönlich hat in ihrer Vergangenheit fast ausschließlich positive Erfahrungen gemacht – wurde von den Männern in ihrem Ausbildungsstudio nett aufgenommen und auch oft nach ihrer Meinung gefragt. Nach einer Meinung gefragt wird man als Tätowierer sowieso oft. Ein bisschen so wie als Frisör, wo einen jeder fragt, welcher Schnitt einem wohl stünde. Aber neben eigentlichen Fragen zu Tattoos rückt auch immer wieder der Beruf an sich in den Mittelpunkt. „Als ich vor einigen Jahren in der Szene angefangen habe, wurde ich oftmals belächelt, blöd angemacht oder einfach nicht für voll genommen“, erinnert Lena sich. Das hat sich heute gewandelt. Tätowieren ist plötzlich echt ein Job. Und ein angesehener.
Das merke auch ich. Ich bin zwar nur tätowiert, sitze also auf der anderen Seite des Stuhls im Studio, aber in meinem Freundeskreis gibt es bereits mehrere Menschen, die das Tätowieren zu ihrem Beruf gemacht haben. Andere, die vorher ganz andere Berufe ausgeübt haben – einer zum Beispiel Klempner – sind heute stolze Besitzer eines eigenen Studios.
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Berlin aber ist ein hartes Pflaster. Hier tätowiert plötzlich gefühlt jeder – und nicht nur im Studio: Auf Partys, PR-Events, Ladeneröffnungen oder einfach bei sich zu Hause. Tätowieren und tätowiert werden ist mittlerweile en vogue und im Mainstream angekommen. Das birgt Vor- und Nachteile. Schön ist, dass die Gesellschaft toleranter wird, das Tattoos nicht mehr das miese Image von Knast, Randgruppe und Außenseiter haben. Der Trend zieht aber auch viele Menschen an, die es schlichtweg nicht können. Die zuhause Leute verschandeln, die vielleicht keine Ahnung haben oder günstig ihre Haut verschönern wollen. Aufpassen also! Das gilt nicht nur für den, der ein neues Bild auf dem Körper tragen will, sondern auch für diejenigen, die mit dem Beruf des Tätowierers liebäugeln. „Sucht euch ein vernünftiges Studio, das hygienisch einwandfrei arbeitet. Eine ordentliche Bewerbung macht auch viel her. Die meisten denken, es reicht ein einfacher Dreizeiler, dabei erwarten viele Studios vollständige Bewerbungsunterlagen mit Lichtbild, Lebenslauf und so weiter“, rät Lena Jürgens. „Man darf zu seinen Arbeiten stehen, auch wenn sie nicht perfekt sind. Man lernt noch so viel dazu, auch was das Zeichnerische angeht. Meine Schnörkel sahen damals eher aus wie Tentakeln. Es geht immer besser, man darf nur nie aufhören sich steigern zu wollen.“ Ob man dabei eine Frau oder ein Mann ist, ist eigentlich egal – zumindest mittlerweile. Das war sicher nicht immer so, aber die Szene öffnet sich, wird immer toleranter und innovativer. „Mittlerweile kann man es als weibliche Tätowiererin mit der gewissen Portion an Talent genau so weit bringen wie ein männlicher Tätowierer“, sagt Lena selbstbewusst. „Solange die Arbeit stimmt, ist es egal, welchem Geschlecht du angehörst. Entweder du bist ein guter oder ein schlechter Tätowierer. Mann oder Frau spielt da keine Rolle.“
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Wenn man Lena so reden hört, schwächt das den ersten Eindruck doch sehr ab. Sie sieht vielleicht aus wie das nette Mädchen nebenan, weiß jedoch beruflich ziemlich genau was sie will und was eben nicht. Eine starke Frau, oder? Lena schmunzelt. „Ich denke, dass ich auf einem ganz guten Weg bin, wenn ich mich so mit meinem früheren ich von vor einigen Jahren vergleiche“, sagt sie grinsend. „Allein durch diesen Job, habe ich sehr viel mehr Selbstbewusstsein und fühle mich stärker und belastbarer. Es ist wohl ein Entwicklungsprozess. Ich bin noch nicht am Ende der Leiter – aber definitiv auf dem richtigen Weg.“
Das würde ich glatt unterschreiben. Wenn man sie so ansieht, dann werden viele Vorurteile weggewischt und der Beruf klingt plötzlich wie ein ganz normaler Job, verliert ein bisschen dieses aufregende und verruchte. Und sie bringt uns weg von dem Bild ein Tätowierer verschandelt manchen Menschen den Körper. Auch davon gibt es sicherlich welche. Lena aber hat Grundsätze. Es gibt auch Dinge, die sie niemandem tätowieren würde: Pusteblumen, aus denen Samen fliegen, die dann zu Vögeln werden. Unendlichkeitszeichen. Politische Motive. Den Namen des Partners, wenn man nicht mindestens 30 Jahre verheiratet ist. Das finde ich gut. Schließlich trägt man als Tätowierer auch eine Verantwortung. Und von starken Frauen bin ich sowieso Fan. Lena auch. Mindestens von zweien: „Freulein Fux finde ich unglaublich toll! Nicht nur wegen ihres sehr eigenen Stils und den tollen Tiermotiven, die sie sticht, sondern auch wegen ihres großen Umweltbewusstseins und ihrer Liebe zur Natur. Ein Tattoo von ihr steht auch noch auf meiner Liste“, sagt die 25-Jährige begeistert. Und fügt hinzu: „Und ich bewundere meine gute Freundin und ehemalige Arbeitskollegin Nadja Wolters. Sie hat mir das meiste was ich übers Tätowieren weiß beigebracht. Sie ist eine großartige Tätowiererin und eine noch großartigere Person. Nadja macht nun im Sommer ihren eigenen Laden in Papenburg auf. Ich hab keinen Zweifel daran, dass er super laufen wird!“
Lena soll euch etwas unter die Haut stechen? Kein Problem! Ihr findet sie bei Facebook, Instagram und bei Art Visions Tattoo, Muthesiusstraße 5, Berlin Steglitz.
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