Wieso Atomic Blonde beweist, dass wir keinen weiblichen James Bond brauchen

Photo: Courtesy of Focus Features.
Achtung: Dieser Artikel enthält kleine Spoiler zu Atomic Blonde.
So, hier ist mal eine kontroverse Meinung: Ich möchte keinen weiblichen James Bond.
Nicht, weil ich glaube 007 sei eine Macho-Rolle, die eine Frau nicht spielen könnte. Im Gegenteil, ich bin mir sicher eine Frau könnte sehr wohl Daniel Craig's einen Tritt in den Hintern verpassen. Aber muss sie dazu in die Fußstapfen von Crocket & Jones Schuhen treten?
Und genau jetzt kommt Atomic Blonde daher, der neue Spion-Thriller unter der Regie von David Leitch, in dem Charlize Theron die Hauptrolle der Lorraine Broughton spielt, einer britischen Agentin, die dringliche Informationen aus dem Berlin anno 1989 filtern muss, kurz bevor die Mauer fällt.
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Wie auch Bond arbeitet Broughton für das MI6, den britischen Geheimdienst. Und ja, auch sie ist eine undurchschaubare Person. Hier enden aber die Gemeinsamkeiten auch schon, auch wenn der gute Chris Hemsworth etwas anderes behauptet. Broughton ist nämlich keine weibliche Version eines Spions, sie ist eine Spionin, basta.
Bevor Wonder Woman alles verändert hat, neigten Frauen in Filmen dazu, in drei Kategorien zu fallen: die Geliebte, die heiße Nerdin, die irgendwann zur Geliebten wird und die harte Tante, die, nach einer Reihe von werden-sie-oder-werden-sie-nicht und laschen Kampfszenen, endlich lernt zu lieben. Und, wenn ich ganz ehrlich bin, so sehr ich Wonder Woman auch liebe, nicht mal sie konnte dem magischen Bann Chris Pines widerstehen.
Das erste Ma, an dem wir Broughton sehen, liegt sie mit ihrem in blauen Flecken bedecktem Körper in einer Badewanne, die mit Eiswürfeln gefüllt ist. Sie klimmt aus den kalten Tiefen empor, steigt auf den Marmorboden, lässt einige Eiswürfel in ein Glass fallen und schenkt sich selbst einen Wodka On The Rocks ein. Später im Film werden wir sehen, dass ihre blauen Flecken von einer der brutalsten Kampszenen in der Filmgeschichte stammen. Das ist keine Frau, die gerettet werden muss. Das ist keine Frau, die sich an einen Mann hängt, egal wie schnuckelig James McAvoy als Punk-Rock-Bandit auch sein mag. Tatsächlich ist ihr Schwarm eine Frau, die unfassbar coole Sofia Boutella, was an sich nicht monumental sein, aber eben auch kurz mal angemerkt sein sollte bei einem Mainstream-Film wie diesem.
Das ist eine Frau, die ihre Kampfszenen in einer Reihe glamouröser Rollkrägen, Miniröcke und hautenger Boots absolviert – natürlich flache Boots, sie ist ja keine Masochistin. High Heels werden nur als Waffe eingesetzt. Sie versteckt ihre blauen Flecke auch nicht, trägt sie stattdessen wie eine Rüstung, weil sie andere Leute davon abhalten, sie ständig anzusprechen.
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Broughton ist nicht die weibliche Version eines Spions. Sie ist eine Spionin, basta.

Ich verstehe den Drang, Broughton mit Bond zu vergleichen. In vielerlei Hinsicht sind sie aus dem selben Holz geschnitzt. Sie sind emotional unerreichbar, lädiert und unfassbar chic. In einem Interview mit dem W Magazine im Juni hat Theron selbst die Verknüpfung erkannt: „Lorraine ist ein bisschen so wie Bond. Er trinkt viele Martinis, oder? Geschüttelt, nicht gerührt, oder wie auch immer das geht. Ja, Lorraine und James sind gleichermaßen verkorkst, vielleicht sollten sie heiraten, vielleicht sollten sie ein Baby haben. Es wäre auf jeden Fall ein interessantes Baby!”
Mit Verlob, Frau Theron, ich muss widersprechen. Bond kämpft gegen zwei Dinge an: die schlechten Typen und seine eigenen Dämonen. Aber als Frau bringt Broughton einen neuen Feind ein: das Patriarchat. Eine krasse Superspionin zu sein hält Broughton nicht davon ab, unterschätzt und objektiviert zu werden. Ich habe ernsthaft aufgehört zu zählen, wie oft sie „suka”, das russische Wort für „Bitch”, genannt wurde.
Vielleicht ist der befriedigendste Teil von Atomic Blonde der, wie sie auf all das reagiert. Sie setzt nicht einen Schlag gegen einen einsamen Bösewicht an, nur um dann nicht zu treffen, hinzufallen und ihm den Sieg zu überlassen. Sie nimmt sich eher fünf super trainierten KGB-Offizieren an und setzt sie methodisch außer Schach bis sie selbst nicht mehr stehen kann. Sie ist nicht unbesiegbar – der Kampf fordert seinen Tribut – aber sie ist auch keine Vorzeigebösewichtin. Es sind wirklich Jubelrufe bei der Prämiere im Kino gefallen, als sie einen besonders störrischen Feind ausgeschaltet hat und sie mit ausdruckslosem Gesicht fragte: „Bin ich jetzt eine Bitch?”
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Einen starken, weiblichen Charakter zu spielen ist für Charlize Theron ein alter Hut, immerhin hat sie in Mad Max quasi Tom Hardy als Furiosa die Show gestohlen. In einem Interview mit unserer Refinery29 Arianna Davis erklärte Theron die Wichtigkeit solcher Rollen und wieso sie sich zu ihnen hingezogen fühlt. „Ich glaube das ist so [dass ich mich zu diesen Rollen hingezogen fühle], weil ich wirklich glaube, dass wir Frauen so sind,” sagt sie. „Wir können viel mehr als das, wie man uns in Filmen darstellt. Und wir bekommen nicht den richtigen Zuspruch dafür, dass wir so viel gewuppt bekommen. Also versuche ich wirklich meine Rollen so aussehen zu lassen, dass sie Frauen so repräsentieren, wie ich denke, dass wir wirklich sind.”
Das sind auch nicht nur hohle Worte: Theron hat so intensiv trainiert, dass sie ihre zwei Zähne abgebrochen hat. Und genau das ist es, wieso ich so stark gegen einen weiblichen 007 bin. Es ist nicht, weil ich denke, Idris Elba würde eine Chance verdienen (er verdient sie!), oder weil Daniel Craig gerade erneut für die Rolle gecastet wurde, obwohl er vorab verlauten ließ, er würde sich eher erhängen als nochmals in die Rolle zu schlüpfen. Es ist, weil wir schlichtweg keine weibliche Version eines männlichen Charakters brauchen. Wir brauchen eine ausgewachsene, komplexe Frau, die für sich steht. Und Atomic Blonde liefert uns genau das.
Atomic Blonde ist ab dem 24. Juli in den deutschen Kinos zu sehen. Man schaut den Film wegen des Feminismus und bleibt wegen des grandiosen Soundstracks.
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