Andy Warhol gilt als Vorreiter von Plattformen wie Instagram. Stimmt das?

Foto: Ira Bolsinger
Bevor es Digitalkameras, Instagram und Selfies gab, gab es das Polaroid. Die kompakte Sofortbildkamera kam im Jahr 1937 auf den Markt und löste damals eine regelrechte Revolution aus. Noch nie zuvor hatte es die technische Möglichkeit gegeben, ein Foto umgehend nach der Entstehung anschauen zu können und in den Händen zu halten. Das Polaroid-Verfahren blieb über viele Jahrzehnte einzigartig – bis zur Erfindung der Digitalkamera.
Andy Warhol, einer der größten Pop Art Künstler des vergangenen Jahrhunderts, war ein begnadeter Chronist seiner Zeit und außerdem treuer Anhänger der Polaroid-Technik. Denn gerade der Fotografie, die im Kunstbetrieb das Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit einläutete, war Warhol sein Leben lang zugewandt. Er war praktisch ständig und überall mit einer Polaroid-Kamera ausgerüstet und fotografierte dementsprechend alles und jeden, der ihm in die Quere kam. Hunderte schnelle und spontane Schnappschüsse bilden in ihrer Gesamtheit betrachtet ein Art visuelles Tagebuch seines turbulenten Lebens. Im Prinzip war der Polaroid-Film für Andy Warhol das, was wir heute unseren Instagram-Feed nennen, auf dem wir ebenfalls unseren Alltag möglichst lückenlos abzubilden versuchen.
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Zu Andy Warhols Lieblingsmotiven zählten ohne Zweifel Menschen, ein Großteil seiner Aufnahmen sind Porträts. Als multimedial arbeitender Künstler hielt er sich am liebsten unter Gleichgesinnten auf, suchte die Nähe zum Inner Circle der New Yorker Kunst- und Musikszene, umgab sich aber auch gern mit dem internationalen Jet Set, dessen Protagonisten er oftmals mit heller Schminke im Gesicht so glamourös wie nur möglich zu inszenieren wusste. Übertreiben, das mochte er. Was Warhols Bilder ausmacht, ist die Mischung aus einer Ästhetik, die dem Massenmedium Polaroid entspringt, die er aber am liebsten in Kombination mit dem großen Hollywood-Glamour sah. Dafür wurde er seiner Zeit heftig kritisiert, denn man warf ihm vor, Kunst und Kommerz auf diese Weise rücksichtslos gleichzusetzen. Warhol hingegen hatte ein perfektes Mittel der Provokation gefunden. Provozieren, das mochte er auch.
Foto: Ira Bolsinger
Warhol fotografierte sich auch gern selbst, er verkleidete und verwandelte sich gern. Manchmal auch zusammen mit seinen Modellen. Vielleicht um zu zeigen, wie gut er vernetzt ist, wen er alles getroffen hat, wen er kannte. Früher nannte man das noch Selbstporträt, heute würden wir Schnappschüsse dieser Art als Selfie bezeichnen, die wir anschließend auf Instagram hochladen, um der Welt und unseren Followern zu erzählen, mit wem wir gerade abhängen.

Ist Andy Warhol der Vorreiter von Instagram?

Eine wesentliche Gemeinsamkeit, die Andy Warhol und Social Media Plattformen wie Instagram miteinander teilen, ist der Wunsch nach Popularität und Anerkennung, den man auch Andy Warhol attestiert. Und genau wie er, experimentieren auch wir heute mit unterschiedlichen Kompositionen, Ausschnitten und beliebten Retro-Filtern bei Instagram, um zwar perfekt auszusehen, aber natürlich so spontan wie möglich herüberzukommen. Die Motivation bleibt dieselbe: Wir wollen Aufmerksamkeit, wir möchten gefallen, wenn auch nur für kurze Zeit. Und schließlich passt auch hier wieder das wohl berühmteste Warhol-Zitat aller Zeiten ins Bilde: „In the future everyone will be world-famous for 15 minutes.“ Aus den veranschlagten 15 Minuten sind in Anbetracht der immer schneller werdenen Medienwelt wohl eher 15 Sekunden geworden. Trotzdem: Aufgrund solcher Äußerungen wird Andy Warhol immer wieder als Vordenker von Plattformen wie Instagram genannt. Und er hatte damit ja auch irgendwie Recht behalten.
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Viele Wegbegleiter Andy Warhols behaupten, dass er Instagram geliebt hätte. Von den ästhetischen und schnellen Bildbearbeitungstechniken sowie der Möglichkeit Bilder mit einer weltweiten Community zu teilen wäre ein Künstler wie er sicherlich angetan gewesen. Auch die ihm unterstellte Sucht nach Aufmerksamkeit würde Instagram in die Hände spielen.
Foto: Ira Bolsinger
Was ihn aber von einem Portal wie diesem getrennt hätte, war auf der anderen Seite sein Außenseitertum. Warhol war mutmaßlich homosexuell und galt als extrem exzentrisch. Zwar erfahren Homosexualität und Travestie heute mehr Toleranz als noch in den 50er und 60er Jahren – anstößige Szenen und Motive, zu denen Warhol einen Hang hatte, würden aber auch zu diesem Zeitpunkt von Instagram zensiert werden. Und damit hätte Warhol garantiert ein Problem gehabt. Denn wenn er eines nicht sein wollte, dann Konsens. Und Instagram bedient nichts eindeutiger als das.
Das große Angebot von verschiedenen Kunstfiltern aber, die in ihrer Optik der leicht ausgeblichenen und populär gewordenen Polaroidaufnahmen von früher ähneln, ist zweifelsohne eine Referenz an den großen Andy Warhol. Einen der bedeutendsten Chronisten des 20. Jahrhunderts.
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