So schwierig ist es, als gleichgeschlechtliches Paar ein Kind zu adoptieren

Foto: Alexandra Gavillet, Collage: Ira Bolsinger
Für diese Geschichte wurde ein gleichgeschlechtliches Ehepaar interviewt. Dies ist ein Protokoll von Nina Ponath. Die Namen wurden von der Redaktion geändert.
Meine Frau und ich haben zwei Geschwisterkinder. Das ist so weit nichts Ungewöhnliches. Das vielleicht eher: Oskar und Justus haben aus biologischer Sicht nur denselben Vater. Ich bin die leibliche Mutter unseres Erstgeborenen, meine Frau Merle hat unser Nesthäkchen zur Welt gebracht. Später haben wir unsere leiblichen Kinder gegenseitig adoptiert.
Merle und ich wollten schon immer Kinder. Die Frage war nur: Wie? Als homosexuelles Paar ist es nicht einfach, ein fremdes Kind zu adoptieren. Natürlich haben wir das auch mal überlegt, aber dann hörten wir Horrorgeschichten von leiblichen Eltern, die nachträglich doch Anspruch an ihr Kind meldeten, dass diese Option für uns nie ernsthaft zur Debatte stand.
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Als lesbisches Paar sitzen wir ja auch gewissermaßen an der Quelle; es sind nun mal die Frauen, die Kinder austragen, und so fehlte uns nur ein Samenspender. Wir haben dann ganz einfach per Zufallsprinzip entschieden, wer den ersten Versuch startet – und das war ich.
Für uns war von Anfang an klar, dass wir eine richtige Familie mit gleichberechtigten Elternteilen sein wollen, einfach für den Fall, dass doch mal etwas sein sollte. Deshalb haben wir schon vor der Schwangerschaft entschieden, später zu adoptieren. Am einfachsten ist das, wenn der Vater auf die Vaterschaft verzichtet, deshalb entschieden wir uns für eine Samenspende aus Dänemark. Dort dürfen Männer anonym spenden, und nach dänischem Gesetz ist dadurch ausgeschlossen, dass später doch noch irgendwelche Ansprüche geltend gemacht werden.
Meine Frau und ich sind für meine Insemination nach Kopenhagen gefahren. Dabei wird der Spendersamen mit einer Art Spritze in der Gebärmutter platziert. Die Versuche liefen bei mir dann leider nicht ganz so reibungslos. Es stellte sich heraus, dass bei mir nur eine In-vitro-Fertilisation, also eine künstliche Befruchtung außerhalb des Körpers, möglich ist, weil meine Eileiter nicht richtig arbeiten. Dafür wird man über längere Zeit mit Hormonen behandelt, und das Ganze ist mit ziemlich viel Aufwand verbunden. Danach wurde ich direkt schwanger. Leider kam es nach wenigen Wochen zu einer Fehlgeburt. Das war ein furchtbares Gefühl, aber es zeigte auch, dass letztendlich die Natur und nicht die Medizin den Ausgang einer Schwangerschaft bestimmt.
Meine Schwangerschaft hat insgesamt über 12.000 Euro gekostet. Nicht, dass einem ein Eingriff das nicht wert wäre; trotzdem haben wir uns natürlich gefreut, dass die Befruchtung bei meiner Frau so viel einfacher war. Allein schon wegen der körperlichen Strapazen. Bei Merle klappte die Insemination auf Anhieb. Wir nennen unseren Zweitgeborenen deshalb manchmal auch liebevoll unser „Schnäppchenbaby“. Als Scherz, versteht sich.
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Die Geburt war, wenn man so will, bei beiden Kindern ganz „klassisch“. Meine Frau und ich waren jeweils bei der Zeugung und Entbindung unserer Kinder dabei, deshalb fühlten wir uns auch bei beiden Kindern gleich als „Mama“.

Für uns war von Anfang an klar, dass wir eine richtige Familie mit gleichberechtigten Elternteilen sein wollen, einfach für den Fall, dass doch mal etwas sein sollte

Uns war es dennoch wichtig, auch auf dem Papier als Eltern aufgeführt zu sein, damit wir beide das Sorgerecht haben. Wenn mal wirklich etwas Schlimmes passieren sollte, hätte es ohne Adoption für die andere Mutter keinerlei Verlinkung zum Kind gegeben. Das ist so richtig aufgefallen, als ich 2015 die Meldebescheinigung unseres zweiten Sohnes abholen wollte. Unser Zweiter war zu dem Zeitpunkt noch nicht von mir adoptiert, deshalb stand ich noch nicht in der Geburtsurkunde und man hat mich wieder weggeschickt. Das muss man sich mal vorstellen: Wir lebten als Familie mit zwei gemeinsamen Kindern zusammen, trugen einen gemeinsamen Nachnamen, ich hatte die ganze Schwangerschaft miterlebt und trotzdem waren wir nirgends offiziell zueinander zugehörig.
Bei der Adoption hatten wir es sicherlich einfacher als gleichgeschlechtliche Paare, die sozusagen ein „fremdes“ Kind bei sich aufnehmen. Wir mussten vorab nachweisen, dass wir gesund sind, wir wurden vom Jugendamt geprüft und mussten unsere Finanzen offenlegen. Ein sehr bürokratischer Prozess, aber machbar. Bei der zweiten Adoption ging es sogar noch schneller: die Dame vom Jugendamt kannte uns noch, wir wurden vom Richter vorgeladen und das ganze Prozedere hat dann maximal noch 90 Sekunden gedauert. Dabei hatten wir aber sicherlich den Vorteil, dass unsere Kinder schon im Haushalt waren und mit uns zusammenlebten. Warum sollte man sie uns also wieder wegnehmen? Es stand ja auch kein Vater in der Geburtsurkunde. Heute sind Merle und ich beide dort aufgeführt - als „Eltern“. Die Bezeichnung „Mutter“ und „Vater“ fällt bei uns weg.
Das einzige Mal, dass es wirklich auffiel, dass unsere Söhne zwei Elternteile und keinen Vater haben, war damals bei Oskars Geburt im Kreißsaal. Oskar kam per Kaiserschnitt auf die Welt, und nach der Geburt ist es so üblich, dass ein Elternteil beim Kind bleibt. Merle ist deshalb der Schwester, die Oskar bei sich hatte, gefolgt und hat ihn auf den Arm genommen. Irgendwann fragte die Schwester sie, wo denn der Papa von dem Kind sei. Als meine Frau dann erklärte, unser Sohn habe zwei Mamas, wurde die Schwester ganz verlegen. „Entschuldigen Sie bitte, ich dachte, sie seien eine Hebammenschülerin“, sagte sie. Daran sieht man doch eindeutig, dass so ein Bindungsgefühl von Mama zu Kind in Sekunden entstehen kann! Ganz egal, ob man die leibliche Mutter ist oder nicht.
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