Der Fall "Weinstein"zeigt, dass Vertuschungen in Hollywood keine Seltenheit sind

Photo: John Phillips/Getty Images.
Harvey Weinstein ist einer der erfolgreichsten und bekanntesten Film- und TV-Produzenten in Hollywood und unter anderem für Blockbuster wie „Gangs of New York“, „Shakespeare in Love“ verantwortlich. Jetzt sprechen Hollywoods Frauen und machen öffentlich, dass Weinstein sie sexuell belästigt hat. Angelina Jolie arbeitete nach den Übergriffen auf sie nie wieder mit ihm und warnte ihre Kolleginnen. Auch Gwyneth Paltrow wurde von ihm zu „gegenseitigen Massagen“ eingeladen, die sie jedoch mutig ablehnte. Immer mehr Frauen trauen sich jetzt, ihre Erlebnisse öffentlich zu machen. Treffender als Margaret Atwood kann man die Thematik kaum zusammenfassen:

„Männer haben Angst, dass Frauen sie auslachen. Frauen haben Angst, dass Männer sie umbringen.“

Dass dieses Zitates den Nagel auf den Kopf trifft, zeigt eine Audio-Datei, die der New Yorker veröffentlicht hat Darauf sind Weinstein und das italienische Model Ambra Battilana Gutirrez zu hören. Die junge Frau wird darauf von Weinstein massiv unter Druck gesetzt, in sein Hotelzimmer zu kommen. Sie wiederholt immer wieder, dass sie sich nicht wohlfühle, weil er sie in der Vergangenheit bereits ohne ihre Zustimmung an der Brust berührt habe. „Blamiere mich nicht in diesem Hotel, ich bin hier sehr oft“, hört man ihn sagen. Er sorgt sich um seinen Ruf, die hat Angst vor Verletzungen, die er ihr hinter geschlossenen Türen zuführen könnte, ganz abgesehen von den mentalen Schäden.
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Jetzt, wo der Tsunami an Anschuldigungen und Kommentaren nicht mehr aufzuhalten ist, beginnt die Konversation. Über den Mut der Frauen, gegen einen der mächtigsten Männer Hollywoods vorzugehen aber eben auch darüber, dass die sexuellen Übergriffe Weinsteins seit vielen Jahren innerhalb der Branche ein offenes Geheimnis waren.
Schockierend ist vor allem die Anzahl der Menschen, die an der Vertuschung beteiligt gewesen sein sollen.
- Der New Yorker berichtete, dass Manhattans Staatsanwalt Cyrus Vance, Jr. beschloss, Weinstein nicht anzuklagen, obwohl er auf dem besagten Audiomitschnitt zugibt, Gutierrez ohne ihre Zustimmung an der Brust berührt zu haben. Vance erhielt von Weinsteins Anwälten Geld, nachdem die Anklage fallen gelassen wurde. Hmm…
- Außerdem berichtet das Magazin, dass Gwyneth Paltrow von ihrer eignen Agentur CAA, die zu den renommiertesten der Branche gehört, zu einem Treffen mit Weinstein in ein Hotelzimmer geschickt wurde. Kann es wirklich sein, dass sie die junge Gwyneth wissentlich zu ihm schickten?
- Die ehemalige New York Times Reporterin Sharon Waxman gibt an, dass Matt Damon und Russell Crowe eine ähnliche Story zu Weinstein, die bereits im Jahr 2004 erscheinen sollte, gezielt verhindert haben. Damon hat die Vorwürfe dementiert.
- Die Redakteure aller großen Newsorganisationen in den USA sind hauptsächlich männlich und legen demnach ihren Fokus nicht auf diese Art von Story. Auch weil sie auf direktem oder indirektem Wege mit dem Hollywood-Riesen in Verbindung stehen. Jake Tapper ist Korrespondent beim Sender CNN und kommentierte, dass es einen Grund dafür gab, warum Ronan Farrow, der Verfasser der Weinstein-Story seine Arbeit im New Yorker veröffentlichte. Sein eigentlicher Arbeitgeber NBC wollte mit der Geschichte nichts zu tun haben.
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Diese Geschichte zeigt beispielhaft, was Komplizenschaft bedeutet. Es waren keine hirnlosen Idioten, die unwissentlich einem Mann geholfen haben. Viele von ihnen wussten genau, was sie taten und wo sie die Frauen hinschickten. Aber mit so vielen Involvierten ist es schwer, all jene, die Mitschuld tragen, zur Verantwortung zu ziehen.
Im Fall von sexueller Belästigung ist doch so, dass es letztendlich um Macht geht. So wird ein*e Praktikant*in oder Assistent*in, der*die etwas davon mitbekommen hat, sich aus Angst vor Konsequenzen nicht unbedingt trauen, etwas zu sagen. Gleiches gilt für Schauspielerinnen, sie sind ersetzbar, denn hinter ihnen warten tausende nur auf ihre Chance.
Trotzdem gibt es gewisse Kreise in der Branche, die nichts über die Weinstein-Sache wussten, wie beispielsweise Meryl Streep, Judi Dench oder andere ältere Schauspielerinnen, deren Beziehungen zu Weinstein eher auf Augenhöhe stattgefunden haben mögen. Der toxische Zusammenhalt unter Männern gemischt mit dem ausgeklügelten Plan, alles zu vertuschen, funktionierte über Jahrzehnte so gut, dass selbst Hollywoods Adel, darunter Jolie und Paltrow, stille Opfer waren. Er dachte, er würde damit durchkommen. Bis jetzt.
Wenn all das summiert, tut sich eine ganz andere Geschichte auf; eine, die von unverfrorener Misshandlung, Machtmissbrauch und der Objektivierung von Frauen handelt; eine, die verdächtig nach Vertuschung aussieht und gefüllt ist mit mächtigen Männern, die andere mächtige Männer und ihre Lebensstile decken. Auch wenn dieser Fakt schwer zu verdauen ist, gibt es ein Licht am Ende des Tunnels: Das ist nun öffentlich und Frauen denken sich solche Dinge nicht aus.
Lange Zeit waren Frauen Teil der „Verrückt“-Narration. Wenn sie das Thema Belästigung ins Gespräch brachten, wurde ihnen entweder gesagt, dass sie aus einer Mücke einen Elefanten machten oder schlichtweg lügten. Ging es um Diskriminierung, die sie und ihre Kolleginnen daran hinderten, im Job aufzusteigen, wurde ihnen Hochnäsigkeit nachgesagt. So enden Karrieren schneller, als sie überhaupt starten konnten.
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Leider wirft der Weinstein-Fall doch mehr Fragen als Antworten auf. Was sollen die Assistent*innen und Mitarbeiter*innen am unteren Ende der Hierarchie tun, wenn sie solche Dinge beobachten? Selbst wenn sie ihren Vorgesetzen etwas gesagt hätten, was hätten sie getan? Wer in den Medien ist in die Vertuschungen noch involviert und in welchen anderen Branchen geschieht es? Welche anderen einflussreichen Männer sind darin verwickelt? Wo steht die nächste Besetzungscouch, nachdem Weinsteins entdeckt wurde? Und was ist mit all den mächtigen Frauen, die aus Angst um ihre Posten nicht für andere Frauen einstehen?
Neben all den abscheulichen Details, passiert hier eben auch eine gewaltige Sache: Diese Verschwörung, die du denkst du erkennen, ist nicht ausgedacht. Es ist nicht alles bloß in deinem Kopf. Sie dehnt sich viel weiter als nur auf eine Industrie oder eine Firma aus. Fakt ist, du bist nicht verrückt, keine dieser Frauen ist es. Sie wussten nur, was alles auf dem Spiel steht.
Lily Herman, ist mitwirkende Redakteurin bei Refinery29. Ihre Arbeiten erschienen in Magazinen wie Teen Vogue, Glamour, Allure, TIME, Newsweek, Fast Company und Mashable. Die hier dargestellten Meinungen sind die ihren.
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