Verhüten mit der Temperaturmethode? Diese Schwestern wollen mit ihrer App helfen

In der Schule lernen wir Jahreszahlen auswendig, genau wie Formeln oder große Namen – wir kennen die Gleichung von Einstein oder die Thesen von Luther, doch wenn es um unseren Köper und den weiblichen Zyklus geht, sind die Wissenslücken enorm. Einer aktuellen Studie zufolge wissen sechs von zehn Frauen nicht, wann ihr Zyklus beginnt und endet. Aber: Wir stehen an einem Wendepunkt, ja, es tut sich gerade so viel. Frauen sprechen über ihre Periode, setzen die Pille ab, stellen mehr Fragen und machen sich mehr Gedanken um Empfängnisverhütung und die körperlichen Folgen. Eine großartige Voraussetzung für Health Tech Start-ups wie Ovy. Die beiden Schwestern Lina und Eva Wüller aus Hamburg haben ein Unternehmen gegründet, das Zyklus-App und Basalthermometer verbindet und Frauen hilft, ihren Zyklus natürlich zu kontrollieren. Im Interview mit Refinery29 erzählen Eva, was Ovy von anderen Tracking-Apps unterscheidet und welche persönliche Anekdote den Wunsch geprägt hat, Frauen zu helfen, die im Zyklusdschungel nicht durchblicken.
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In der Entwicklung seid ihr auf Studien gestoßen, die besagen, dass viele Frauen nicht über ihren Zyklus Bescheid wissen. Hat euch das überrascht oder decken sich diese Zahlen mit eigenen Erfahrungen?
Das hat uns nicht wirklich überrascht. Wir haben uns mit sehr vielen Frauen ausgetauscht und vermuten, dass es daran liegt, dass viele Frauen bereits im jungen Alter wie selbstverständlich anfangen, hormonelle Verhütungsmittel wie zum Beispiel die Pille zu nehmen. Das ist natürlich sehr bequem und es gibt keine Notwendigkeit, sich mit seinem Körper und Zyklus zu beschäftigen.
Welche Zahl oder welcher Fakt bezogen auf den Zyklus hat dich selbst überrascht?
Im Zuge der Entwicklung haben wir viele Studien ausgewertet.​ ​Besonders ​interessant f​inden​ wir Ansätze, die sich auf Ernährung und Fitness im Zusammenspiel mit dem Zyklus bez​iehen.​ Das ist der Grund, weshalb wir einen Health Coach in die App integriert haben, der passend zur Zyklusphase individuelle Tipps liefert. Wir haben festgestellt, dass der weibliche Hormonzyklus die körperliche Fitness beeinflusst. In der ersten Hälfte des Zyklus - also vor dem Eisprung - sind Frauen viel leistungsstärker als in der zweiten Hälfte. Es macht also Sinn, seinen Trainingsplan der Formkurve anzupassen. Das Gleiche gilt für die Ernährung, da der Körper in den vier Zyklusphasen unterschiedliche Bedürfnisse hat. Durch eine „Ernährung nach Zyklus" können z. B. hormonbedingte Stoffwechselstörungen reguliert werden, die bei manchen Frauen sogar zu Unfruchtbarkeit führen. Das sind natürlich sehr spezielle Fälle. ​Wir denken​ aber grundsätzlich​, dass sich Frauen nicht einfach mit den Auf und Abs zufrieden geben müssen, sondern durch kleine „Zyklus Hacks" ihr Wohlbefinden optimieren können. ​Der Health Coach ​ist also ​eine Hilfe, die Zyklus-Ziele natürlich zu erreichen.
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Fundraising für ein Frauenprodukt in einer Welt, in der zu 99 Prozent Männer das Sagen haben, ist nicht einfach

Ihr verhütet beide mit der Temperaturmethode – ​was ist eure Erfahrung?
Für uns beide stand vor ein paar Jahren fest, dass die tägliche Einnahme von Hormonen aufgrund der möglichen Nebenwirkungen keine dauerhafte Option ist. Als Lina sich vor zwei Jahren bei einer Gynäkologin über alternative Verhütungsmittel informierte, wurde ihr geraten, ihren Zyklus anhand der Temperaturmethode zu verfolgen. Die Dokumentation mit „Zettel und Stift“ und bereits existierenden Apps erwies sich allerdings als sehr fehleranfällig und brachte nicht das gewünschte Ergebnis, da Lina kurz darauf schwanger war. Eva hat im Gegensatz dazu seit vielen Jahren erfolgreich mit der symptothermalen Methode verhütet - eine erweiterte Methode der Temperaturbeobachtung. Dabei werden die gemessene Temperatur und der Zervixschleim ausgewertet. Für uns beide stand daher fest, dass es nicht an der wissenschaftlich anerkannten ​Methodik lag, sondern an de​r​ fehleranfälligen Art der Dokumentation. Wir wollten dieses Problem lösen, indem wir Zyklus-App und Thermometer miteinander verbinden und den gesamten Prozess der natürlichen Zyklusverfolgung digitalisieren. Es ist definitiv unser Anspruch, das Produkt so weit zu optimieren, dass wir Frauen eine sichere, hormonfreie Verhütungsmethode bieten können​, vor allem in Kombination mit der Bluetooth-Hardware.​​
Warum war es euch wichtig, einen Health Coach in die App zu integrieren? Wieviel kann man als Frau mit Ernährung und Fitness fürs Wohlbefinden tun?
Im Laufe eines menstruellen Zyklus schwanken unsere Geschlechtshormone, was dazu führt, dass wir uns ​in gewissen Phasen leistungsstärker und -schwächer fühlen. Der integrierte Health Coach enthält einen Vier-Wochen-Plan mit Fitness​- und Ernährungstipps ​und hilft Frauen dabei, ​sich trotz der Hormonschwankungen wohl zu fühlen. Wir geben z. B. Anregungen, welche Yoga-Übungen gegen PMS helfen oder mit welchen Nährstoffen man Heißhungerattacken entgegenwirkt. Damit ist Ovy nicht nur eine Zyklus-App, sondern ein ​begleitet die Frau als Health Coach, ihre Ziele zu erreichen.
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Immer mehr Frauen setzen sich mit der Einnahme der Pille auseinander und setzen sie ab. Wie erklärt ihr das?
Der Trend geht auf jeden Fall in diese Richtung und genau dabei wollen wir die Frauen unterstützen. Wir beobachten, dass sich viele Frauen intensiv mit ihrer Gesundheit auseinandersetzen und das Bewusstsein für Ernährung und Fitness immer weiter zunimmt. ​Für viele passt das einfach nicht mehr mit der täglichen Einnahme von künstlichen Hormonen zusammen.​ ​Außerdem leisten die Medien aktuell sehr viel Aufklärungsarbeit rund um das Thema Pille und sensibilisieren die Frauen, die Einnahme von Hormonen kritisch zu hinterfragen.
Foto: Ovy.
Denkt ihr, der Zyklus und die Regelblutung einer Frau sind irgendwann keine Tabuthemen mehr?
Ja, daran glauben wir fest. Schon jetzt wird viel mehr über ​die​ Themen​ Periode, natürliche Verhütung und unerfüllter Kinderwunsch gesprochen als noch vor wenigen Jahren​. In den USA sind die Frauen da sogar noch einen Schritt weiter: Mittlerweile teilen viele prominente Vorbilder ihre persönlichen Erfahrungen und vermitteln anderen Frauen das Gefühl, nicht alleine mit den Probleme dazustehen. Wir möchten mit Ovy diese öffentliche Diskussion gerne mitgestalten und Tabus brechen. Darum reden wir auch offen über unsere Erfahrung.
Zwei Schwestern gründen ein FemTech-Start-up – was waren oder sind Herausforderungen?
Wo sollen wir da nur anfangen? Die größte Herausforderung ist sicherlich, dass wir gleichzeitig App und Hardware entwickeln. Das ist mit sehr viel Risiko verbunden und für viele Investoren ein rotes Tuch. Womit wir bei der zweiten Herausforderung sind: Fundraising für ein Frauenprodukt in einer Welt, in der zu 99 Prozent Männer das Sagen haben, ist nicht so einfach, da sie keinen Bezug zum Thema haben. Außerdem ist Ovy ein Medizinprodukt, das nicht mal eben so in den Markt geworfen wird, ​sich dann beweist ​​oder eben nicht​,​ und im Zweifel wieder vom Markt genommen wird. Unser Thema ist hochsensibel, erfordert sehr viel Research und hat lange Entwicklungszyklen. Da braucht man einen sehr langen Atem und muss viele Rückschläge in Kauf nehmen.
Wann wird das Bluetooth-Thermometer kommen?
Das wird aktuell noch entwickelt. Um die App in den Markt zu geben, sind wir mit der ersten Generation der Thermometer gestartet, die bereits erhältlich sind. Wir haben den Anspruch, unser Produkt über mindestens sechs Zyklen zu testen und da ein Zyklus im Durchschnitt 28 Tage dauert, ist das natürlich recht zeitaufwendig. Das Problem, das wir lösen wollen, ist so sensibel, dass wir einfach eine perfekt getestete Hardware in den Markt geben wollen, die gleichzeitig als Medizinprodukt zertifiziert ist. Da auch viele externe Partner involviert sind, können wir zum jetzigen Zeitpunkt keinen ​konkreten Termin nennen.
Warum war es auch wichtig sowohl die App als auch die Hardware als Medizinprodukte zertifizieren zu lassen?
Ein Medizinprodukt ​zu entwickeln bedeutet, dass man strengen Auflagen folgen muss. Jeder Schritt in der Entwicklung muss dokumentiert und nachgehalten werden. Das erfordert einiges an Mehraufwand, aber unser primäres Ziel ist es natürlich, der Nutzerin ein gutes und sicheres Gefühl bei der Nutzung von Ovy zu geben.
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