Brit Marling: Hollywoods Heldin der anderen Art

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Netflix-Serien habe ich schon einige gesehen. Manche mit viel Spannung, andere nur als Zeitvertreib. Bei „The OA“ wusste ich lange nicht, worauf ich mich einlasse. Ein blindes Mädchen, das sieben Jahre verschwunden ist, dann zurückkehrt und plötzlich wieder sehen kann. Ihre Erlebnisse behält sie für sich – nur einer Gruppe von Teenagern und einer Lehrerin im mittleren Alter vertraut sie sich an. Ihre Geschichte, zwischen Realität und Wahnsinn, zwischen Tragik und Hoffnung. Ein Martyrium. Ein Mysterium. So wie es OA selbst ist.

Gespielt wird sie von Brit Marling. Mit ihrem hübschem und ebenem Gesicht, den blonden langen Haaren, der perfekten Figur. Doch schnell wird klar, dass die Schauspielern mehr ist als nur ihr vielleicht makelloses Aussehen. Sie ist kein Produkt Hollywoods, kein Star, der erst auf dem roten Teppich so richtig scheint. Marling, so könnte man es sagen, strahlt von innen etwas aus, das sie selbst zum Mysterium macht. Und dieses lohnt sich, zu erkunden.

Nachdem ich die Serie „The OA“ mit vielerlei verschiedenen Emotionen beendet hatte, machte ich mich auf virtuelle Spurensuche. Noch immer gefesselt von der der Geschichte und der Umsetzung, fand ich heraus, dass Brit Marling, nicht nur die Hauptdarstellerin ist, sondern zusammen mit ihrem Langzeit-Geschäftspartner Zal Batmanglij auch das Drehbuch schrieb. Es war nicht das erste Mal, dass die US-Amerikanerin eine Geschichte erzählte, die sich in Welten begab, die unser Verstand nicht erklären kann. Unter anderem war sie auch als Drehbuchautorin für den Film „Another Earth“, in dem eine zweite, unentdeckte Erde auftaucht, und „Sound of my Voice“, in dem Marling eine mysteriöse Frau aus der Zukunft spielt, tätig.

Und da ist es wieder, das Mysteriöse, welches nicht nur Marling selbst, sondern auch ihre Figuren verkörpern. Figuren, die sie bedacht auswählt. Als sie als Kind ins Kino ging, sah sie keinen Typ von Frauen, dem sie im realen Leben über den Weg lief. „Ich habe daran gedacht, was es für ein Kampf ist, ein junges Mädchen in dieser Welt zu sein“, sagte Marling in einem Interview mit The Guardian. „Und das macht mich entschlossen, interessante Frauen zu spielen.“ Das tat sie auch. Rollen in Horrorfilmen zum Beispiel lehnte sie hingegen ab. „Es fällt mir schwer, ein Teil von, oder überhaupt daran zu denken, ein Erscheinungsbild zu sein, das Frauen unterdrückt hat.“ Und so kam der Stein ins Rollen: „Ich dachte, der einzige Weg, um selbst navigieren zu können, was richtig ist, ist, herauszufinden, wie man Geschichten erzählen kann.“

Bei der Geschichte über OA ließ sie sich von einer Begegnung inspirieren. Auf einer Party sprach die Schauspielerin und Drehbuchautorin mit einer Frau, die eine Nahtoderfahrung hatte. „Sie hat eine Schwelle überquert“, erzählte Marling der New York Times. „Als ob sie den Tod konfrontiert oder eine Konversation mit ihm hatte, was ihr ermöglich hat, lebendig zu sein – mit einer gewissen Ausstrahlung, die sich wie von einer anderen Welt anfühlt.“ Marling machte aus OA einen verletzlichen und zugleich starken Charakter. Eine weise Frau, rätselhaft und irgendwie anders.

Ich komme nicht drumherum, als genau das auch in Brit Marling selbst zu sehen. Zum Beispiel, wenn ich voller Neugierde ihr Instagram-Profil erkunde. Keine Spur von Red-Carpet-Outfits oder den perfekten Selfies mit dem perfekten Make-up, wie man es sonst von anderen Schauspielerinnen kennt. Stattdessen finde ich Bilder aus der Natur, die so geheimnisvoll wirken, wie Marling selbst, Kunst und Eindrücke aus ihrem Leben, die trotzdem nichts preisgeben. Plötzlich wird Social Media zu einem Tool, um ihre ganz persönliche Geschichte zu erzählen, ohne sie dabei zu offenbaren. Bei Twitter schrieb Marling einmal: „Ich kann nicht schlafen. Ich gehe in meinem Pyjamas durch die Straßen. Ich fühle etwas Extremes, aber auf welcher Seite des Spektrums?“ An einem anderen Tag twitterte sie: „Ein Himmel voller Gefühle, er kann sich selbst nicht zum regnen bringen.“

Doch genau das ist so erfrischend – besonders in einer Welt, in denen Frauen oft zu Vorbildern werden, weil sie herausragend schön oder modisch sind. Marling ist mehr als das. Sie ist ein Rohdiamant, der sich selbst formt.
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