Chefboss sind das neue feministische High Five der Popmusik

Mit ihrem sofort ansteckenden Mix aus Dancehall, Electro und Rap lassen Chefboss auf ihrem neuen Album „Blitze aus Gold“ nach allen Regeln der Kunst die Luft brennen. Und auch sonst nehmen die beiden Hamburgerinnen Alice Martin (Gesang) und Maike Mohr (Tanz & Choreographie) absolut kein Blatt vor den Mund. Wir trafen uns mit Chefboss zum Gespräch über das neue weibliche Selbstverständnis, Frauen im Musikbusiness und hanseatische Kopfnüsse.
Was ist denn eigentlich ein Chefboss?
Alice Martin: Alle Männer und Frauen, die einfach ihr Ding durchziehen und sich dabei nicht reinquatschen lassen. Der Name entstand ursprünglich aus einem Bauchgefühl heraus; es geht darum, das rauszuhauen und zu machen, was man für richtig hält.
Maike Mohr: Es steht jedenfalls nicht der Wille dahinter, krampfhaft zu polarisieren. Die Idee war nicht, als Frauen ein männlich aufgeladenes Wort „in Besitz“ zu nehmen. Ganz simpel ausgedrückt, hatten wir einfach Bock, uns so zu nennen.
Alice Martin: Anfänglich gab es teilweise verwunderte Reaktionen von Typen, die bei dem Namen Chefboss einen zweiten Bushido erwartet haben. Erfahrungsgemäß folgte aber nach dem ersten Schock eine positive Resonanz und die Einsicht, dass unser Name ziemlich stimmig zum Sound und zum generellen Erscheinungsbild passt. Der Name macht einfach derbe Sinn, wenn man das Gesamtpaket betrachtet.
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Die HipHop-Szene ist allgemein in Sachen Sexismus und Chauvinismus bekanntlich nicht gerade zurückhaltend – was habt ihr für Erfahrungen gemacht?Alice Martin: Es gab bisher nur ganz wenige dumme Kommentare von Typen. Einer hat über mich geschrieben: „Die redet ja wie ein Mann!“ In solchen Härtefällen kann ich aber leider auch nicht weiter helfen. Da müssen die Männer selbst schauen, dass sie sich noch ein wenig die Eier wachsen lassen. Das ist nicht mein Problem.
Selbstbestimmte Künstlerinnen sind in der deutschen Popmusik immer noch in der Minderheit. Wie nehmt ihr diesen Umstand wahr?
Alice Martin: Das ist uns erst später klar geworden. Für uns sind starke Frauen in künstlerischen Berufen selbstverständlich. Wir haben mit der Zeit erkannt, dass es manche Künstlerinnen im Musikgeschäft absolut nicht leicht haben. Wir selbst haben uns aber nie davon betroffen gefühlt. Wir haben niemanden um Erlaubnis gefragt, ob wir eine Band gründen dürfen. Man darf grundsätzlich niemals um Erlaubnis fragen, sondern muss von Anfang an auf den Tisch hauen, um Tatsachen zu schaffen.
Maike Mohr: Mir ist aufgefallen, dass wir auf Festivals sehr oft der einzige weibliche Act sind. Ich finde, es wäre ein schöner Gedanke, mit unserem Tun andere Frauen zu ermutigen, genauso ihr Ding zu machen.
Gab es in eurer Kindheit weibliche Idole, an denen ihr euch orientiert habt?
Maike Mohr: Nein. Für mich hat nie die Notwendigkeit bestanden, mich an speziell weiblichen Vorreiterinnen zu orientieren. Ich habe nicht das Gefühl gehabt, etwas nicht zu dürfen oder zu können, „nur“ weil ich eine Frau bin. Ich habe immer das gemacht, was ich für richtig gehalten habe. Ich hatte schon immer viele starke Frauen um mich herum, die ihr Ding durchgezogen haben. Sei es meine Mutter, die Mütter meiner Freundinnen oder andere tolle Frauen. Die Einflüsse aus meinem natürlichen Umfeld. Als wirkliche Idole würde ich diese Frauen aber nicht bezeichnen.
Alice Martin: Bei mir war es ähnlich. Ich habe mir kein bewußtes Beispiel genommen, sondern starke Frauen schon immer als ganz natürlich wahrgenommen.
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Euer Debütalbum „Blitze aus Gold“ ist ein klassisches Partyalbum, auf dem ihr mit politischen oder gesellschaftskritischen Botschaften eher sparsam umgeht. Keine Lust auf Message?
Alice Martin: Die Message sind wir selbst. Wir definieren uns nicht über den Widerstand gegen bestimmte Sichtweisen oder Meinungen. Wobei dies unabhängig vom Geschlecht ist. Die Botschaft ist: Wir stehen hier und geben keinen Fuck darauf, was andere vielleicht über uns denken. Deswegen müssen wir uns auch nicht wehren. Wir wollen alle an die Wand klatschen mit unserer Musik und unseren Shows. Bäm!
In einem älteren Interview habt ihr erklärt, ihr würde euch nicht unbedingt als Feministinnen betrachten. Hat sich daran mittlerweile etwas geändert?
Maike Mohr: Obwohl die Idee zu Chefboss nicht aus einem feministischen Selbstverständnis heraus geboren wurde, ist uns später klar geworden, dass das, was wir da tun, durchaus feministische Züge hat.
Alice Martin: Unsere Haltung ist klar: Wer hat nicht Bock auf eine Gesellschaft, in der Mann und Frau gleichgestellt sind, gleichberechtigt sind und für die gleiche Arbeit auch gleich bezahlt werden? Das ist in meinen Augen die normalste Einstellung der Welt, die man nicht mehr groß diskutieren muss. Normaler Menschenverstand, der nicht unbedingt feministisch geprägt ist. Doch wie bei jedem -Ismus gibt es auch beim Feminismus so viele verschiedene Ausprägungen. Wir sind nicht weniger feministisch, nur weil wir uns die Beine rasieren oder Tampons tragen. Feminismus darf nicht zum Dogma verkommen.
Die Schauspielerin Emma Watsonwurde gerade von für ihre freizügigen Fotos kritisiert, ihre Nacktheit würde dem Feminismus schaden. Eure Ansicht?
Maike Mohr: In meinen Augen gibt es als Frau einen großen Unterschied, ob man sich auszieht, weil man Bock darauf hat, oder ob man anderen gefallen will. Man kann den Unterschied deutlich sehen. Bei unseren Shows sind die Tänzerinnen und ich auch alle halbnackt auf der Bühne. Das Feedback war bisher immer sehr positiv, weil das Publikum erkennt, dass es um Kunst geht und nicht um billige Effekthascherei. Es kommt immer auf die Haltung an, die man transportiert. Wie ihre nackten Brüste dem Feminismus schaden sollten, kann ich nicht wirklich erkennen...
Alice Martin: Ich kann mich nur anschließen. Nacktsein und Feminismus stehen auch für mich in keinerlei Widerspruch.
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Alice, der Song „Zwei Sterne“handelt von deinen Multikulti-Wurzeln – eine Art Liebeslied an deine Herkunft?
Alice Martin: Hamburg ist meine Heimat. In bin in der Karibik geboren, aber in Hamburg aufgewachsen. Ich bin auch sehr hanseatisch unterwegs. Ein bisschen sachte, ein bisschen konkret, weißt du, Digger? Nicht immer gleich hyper-hyper. Ich habe den Text geschrieben, als ich frisch aus dem Urlaub in meinem Geburtsort Saint Kitts auf den Antillen kam. Ich wollte dieses besondere Feeling festhalten, Wurzeln in verschiedenen Kulturen zu haben.
Hamburg gilt als weltoffene und liberale Stadt – inwieweit spielen rassistische Erfahrungen eine Rolle in deinem Alltag?
Heute kaum. In der Grundschule hielt mir ein anderes Kind damals die Tür zu und meinte: „Schwarze kommen hier nicht rein“. Vielleicht habe ich aber auch nur eine gesunde Einstellung und nehme manche Dinge gar nicht wirklich wahr. Vielleicht habe ich auch schon früh angefangen, mich meinem Umfeld selbstbewußt als Alice zu zeigen und nicht als „die Halbschwarze mit dem Afro-Haarschnitt“. Ich habe ein Jahr in Polen gelebt; dort gab es viele unschöne Erlebnisse: Vom Schmähliedersingen über den Fuckfinger bis zum Anspucken und krasser körperlicher Gewalt war alles dabei. Das ganze Programm.
Wem platzt bei blöden Anmachen eher der Kragen?
Alice Martin: Mir. Wobei Maike auch sehr tough ist. Ich habe einmal mitbekommen, wie sie einem Dude so richtig in die Eier getreten hat. Maike hat eine höhere Toleranzschwelle und versucht noch ein bisschen auf easy zu machen, während ich sehr schnell kopfnussmäßig unterwegs bin.
Entspannter geht’s da auf dem Titeltrack eures Albums zu: „Blitze aus Gold“ beschreibt den perfekten Tag. Wie sieht der bei euch aus?
Alice Martin: Für mich bedeutet ein perfekter Tag, wenn sich die Umwelt der eigenen positiven Gemütsverfassung anpasst und man eins wird mit der Welt. Man wacht auf und denkt: Ich fühl mich ganz geil. Man geht raus, die Leute lächeln einen an, man hat einen smoothen Gang, den richtigen Swag und beim Bäcker bekommt man dann sogar noch ein Extra-Brötchen geschenkt. In solchen Momenten verschiesst man automatisch Blitze aus Gold!
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Und an Scheisstagen?
Alice Martin: Helfen nur Epic-Fail-Videos. Sehr oldschooler Humor; funktioniert aber.
Mit „Blitzlichtgewitter“,„Könige der Nacht“ oder „Mosaik“ habt ihr jede Menge Partytracks mit auf der Platte. Was muss eine gute Party haben?
Alice Martin: Vor allem korrekte Leute. Wenn die richtigen Leute zusammen kommen, ist die Location egal und die Mukke ist egal. Wir hatten auch schon wirklich geile Partys an der Tankstelle, während wir zu unseren Konzerten gefahren sind. Jemand hat einen Song auf dem Handy angemacht und alle sind fünf Minuten lang komplett ausgerastet...
Das Debütalbum „Blitze aus Gold“ erscheint am 17.03.2017 bei Universal Music.
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