Kurze Haare & Keilabsätze: „Da stehen die Jungs nicht drauf!“

Du willst dein Augen-Make-up dramatischer haben als eine Folge Grey’s Anatomy? Mädchen, du bist doch viel zu hübsch für so viel Schminke! Du trägst lieber weite Pullis als enge Kleider? Das ist aber nicht so vorteilhaft, meine Liebe! Du hast kurze Haare? Puh, bist du dir ganz sicher, dass du nicht lesbisch bist? Frauen und ihr Aussehen stehen immer unter Beobachtung. Aber wer sagt eigentlich, was schön ist?
Die Standards für gutes oder schlechtes Aussehen sind immer noch überraschend oft von männlichen Vorstellungen geprägt. Wenn man sich im Freundeskreis über Modetrends unterhält und ein Mann dabei ist, kommt irgendwann die Aussage: „Ach, auf sowas steh' ich gar nicht! Kein Mann, den ich kenne, mag diese aufgetakelten Tussis oder diese krassen Klamotten! Wir Jungs mögen es eher natürlich.“. Klingt ja erstmal nett und ist wahrscheinlich auch irgendwie als Aufmunterung gedacht. Leider ist das Gegenteil von gut immer noch gut gemeint. Warum glauben Männer, dass es Frauen interessiert, ob sie ihr Aussehen gut finden? Weil sie Macho-Arschlöcher sind? Oder weil die Gesellschaft Männer in der Annahme bestärkt, dass ihre Vorstellungen ausschlaggebend für die Attraktivität von Frauen sind?
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In Büchern, Filmen, Werbungen – schlichtweg allen Medien – sind Frauenfiguren zu sehen, die schön sind. Und das trifft nicht nur auf das „Popcornkino“ zu. Dass Teenager-Mädchen nicht wirklich so aussehen wie Megan Fox in den Transformers-Filmen, dürfte sich mittlerweile in die letzten Ecken durchgesprochen haben. Aber ist das Aussehen von Emma Stone in La La Land eine realistische Darstellung einer Mittzwanzigerin? Oder repräsentiert sie in dieser Rolle eine gezähmte, geschönte Natürlichkeit, die immer begehrenswert sein muss?

Frauen und ihr Aussehen stehen immer unter Beobachtung. Aber wer sagt eigentlich, was schön ist?

In der 90er-Jahre-Serie Die Nanny macht die Hauptfigur Fran Fine mal einen Witz darüber, dass sie froh ist, wenn dieser „Trend zur Natürlichkeit“ endlich vorbei ist, denn es sei ganz schön anstrengend, natürlich auszusehen. Und jeder, der schon mal „Easy Alltags-Make-up“-Tutorials auf YouTube gesucht hat, weiß, was damit gemeint ist: Der frische Look von Emma und vielen anderen Schauspielerinnen ist nicht unter einer Stunde Arbeit und ohne zahlreiche teure Produkte zu haben. Diese „natürliche Schönheit“ gilt aber quasi als das Minimum, das jede Frau, die in den Medien dargestellt wird, erfüllen muss.
Auch in der Frauenmode wird nach diesem Grundsatz gearbeitet. Selbst Alltagskleidung soll möglichst Problemzonen kaschieren und Vorzüge zur Geltung bringen statt praktische Funktionen zu erfüllen. Ein Beispiel, das jede Frau kennt, sind wohl Taschen an Kleidungsstücken. In die Taschen einer Skinny Jeans für Frauen passt gerade mal ein Feuerzeug, mit viel Glück vielleicht noch etwas Kleingeld. Manche Jacken und Blazer für Frauen haben sogar oft nur „angedeutete“ Taschen, die nur aufgenäht, aber nicht funktionsfähig sind. Der Grund: Gefüllte Taschen beulen aus und tragen auf.
Man verweigert Frauen lieber, funktionsfähige Kleidung zu haben, als unschön zu sein. Das hört auch nicht bei Taschen auf. Wer schon mal einen warmen Wintermantel, bequeme Schuhe oder ein nicht sexualisiertes Halloweenkostüm gesucht hat, weiß, dass man oft nur in Männerabteilungen das richtige, weil funktionierende Produkt findet.
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Trägt man dann Kleidung, die funktioniert, also warm hält, bequem ist oder einfach nur verhüllt, wird man nicht für seine praktische Veranlagung gelobt. Eher steht der Vorwurf im Raum, sich „gehen“ zu lassen. Man wird auch – ungefragt – immer wieder darauf hingewiesen, dass das „den Männern“ doch nicht gefalle. Geht man den umgekehrten Weg und versucht, die gesellschaftlichen Konventionen zu beachten, macht man es aber auch nicht zwingend richtig. Die hohen Schuhe, die „vorteilhafte“ Kleidung, das Make-up und die Wallemähne sind dann kein Zeichen für Schönheit, sondern für Eitelkeit. Und auch hier wird die Gesellschaft nicht müde werden, immer wieder zu sagen, dass „die Männer“ doch so aufgetakelte Frauen nicht mögen.
Die Gesellschaft hat diesen schmalen Grat der weiblichen Schönheit lange geformt. Die Basis ist dabei immer, was „die Männer“ begehrenswert finden. Dass es sowas wie „die Männer“ nicht gibt; dass Frauen auch selbst Vorstellungen und Bilder davon haben können, was sie schön finden, das spielt in dieser Diskussion keine Rolle. Es werden lieber Problemzonen definiert, als wären weibliche Körper Kriegsgebiete. Es wird Druck ausgeübt, um Frauen in bestimmte Formen zu pressen, als wären sie Lehm und keine Menschen.
Was man als Frau da machen sollte? Auf die gesellschaftlichen Vorstellungen scheißen und das Leben als wilde Exzentrikerin leben? Spätestens, wenn ihr euren Schwiegereltern vorgestellt werden sollt, bei einem potenziellen Arbeitgeber sitzt oder in einem wichtigen Meeting überzeugen wollt, fragt ihr euch, ob ihr euch nicht doch lieber unterordnen und „normschön“ kleiden wollt. Aber bedeutet das, dass man aufgegeben hat? Nein. Es bedeutet nur, dass es ein langer, langer Kampf ist und es keine einfachen Antworten, nur ein paar Ratschläge gibt.

Denn wenn jeder glaubt, ein Recht darauf zu haben, euer Aussehen zu kommentieren, ist jeder Akt der Selbstliebe keine Eitelkeit, sondern ein Stück Revolution.

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„Sei du selbst!“, ist ein bescheuerter Kalenderspruch und nur möglich, wenn man weiß, wer man ist. Für all jene, die keine Ahnung haben, wer sie sind, bleibt nur: Probiert euch aus. Falls man feststellt, dass die hippen, kurzen Haare einem jeden Morgen das Gefühl geben, die Bezwingerin der Welten und cooler als Charlize „Furiosa“ Theron zu sein: Go for it, girl. Und vergesst bloß nicht, jedem ins Gesicht zu lachen, der glaubt, es interessiere euch auch nur einen Moment, was er für eine Meinung dazu hat.
Sollte es aber so sein, dass ihr lieber Haare bis zum Hintern habt: Rock on. Und vergesst bloß nicht, jedem ins Gesicht zu lachen, der glaubt, es interessiere euch auch nur einen Moment, was er für eine Meinung dazu hat. Denn wenn jeder glaubt, ein Recht darauf zu haben, euer Aussehen zu kommentieren, ist jeder Akt der Selbstliebe keine Eitelkeit, sondern ein Stück Revolution.
„Seid füreinander da“, klingt auch erstmal nach einer Floskel aus dem Pfadfinderlager. Aber irgendwann erwischen einen die blöden Kommentare zum (un-)passenden Aussehen an einem schlechten Tag. Und man kann nicht lachen oder einen sarkastischen Kommentar zurückschießen. Stattdessen spürt man einen Kloß im Hals und möchte losheulen. Aber dann ist da die andere Frau, die sagt: „Ach? Ich wusste gar nicht, dass ein Penis einen automatisch zum Experten für Mode macht“. Nicht alle Heldinnen tragen Capes. Und es ist okay, manchmal die fast weinende Frau zu sein, solange man immer einmal mehr die Superheldin für andere ist.

Es ist okay, manchmal die fast weinende Frau zu sein, solange man immer einmal mehr die Superheldin für andere ist.

Da aller guten Plattitüden-Dinge drei sind: „Ihr seid mehr als euer Aussehen“. Hier folgt jetzt kein Absatz darüber, dass die wahre Schönheit von innen kommt und nur innere Werte zählen. Eher soll eine simple Wahrheit noch einmal klar ausgesprochen werden: In dunklen Zeiten ist es nicht das Leuchten eurer Schönheit, das euch warm halten wird. Es ist das Feuer, das in eurer Brust brennt: für euren Job, eure Familie, eure Hobbies.
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Und falls es euch beruhigt: Diesem Feuer ist es ganz egal, was die Jungs davon halten.
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