Wie anstrengend es wirklich ist, wenn Männer keine Abfuhr akzeptieren

Illustrated By Anna Sudit.
Vor ein paar Tagen hörte ich, wie eine Frau in meinem Alter und ein älterer Mann im Aufzug unseres Büros diskutierten, bis ich feststellte, dass sie nicht diskutierten, sondern dass sie ihn abwies. „Warum baggern Sie mich im Aufzug an?“, fragte sie ihn direkt. „Das ist ein Arbeitsumfeld. Halten Sie sich von mir fern.“ Das tat er, und war dann die restliche Zeit im Aufzug still. Als die Frau ausstieg, hatte ich das Bedürfnis, etwas zu sagen, aber „Was Sie gerade getan haben, war ziemlich cool“ hörte sich in meinem Kopf dumm an, und „Hey, alles in Ordnung?“ klang herablassend, sie hatte mich schließlich nicht nach meiner Meinung gefragt.
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Aber ihr Umgang mit dem Mann war cool – ruhig, direkt und effektiv. Sie war komplett anders mit unerwünschter Aufmerksamkeit umgegangen, als ich das für gewöhnlich tue.
Ich bin zuvorkommend. Ich lächle viel. Wenn ich in der Öffentlichkeit belästigt werde, sage ich nichts, außer man zählt mein gelegentliches „Fick dich“, dass ich vor mich hin murmle; wenn ich auf geschmacklose Weise konfrontiert werden, bleibe ich trotzdem noch freundlich. Weil ich will, dass du mich magst, auch wenn ich dich nicht mag. Ich will, dass du mich sexy findest, selbst, wenn ich dich zurückweise. Und diesen Impuls hasse ich.
Vor kurzem war ich mit ein paar Freunden unterwegs, als mich der Fremde, mit dem ich mich unterhielt nach meiner Beschäftigung fragte (in New York selbst nach 30 Sekunden ein gängiges Gespräch), also erzählte ich ihm, dass ich schreibe und worüber ich schreibe. Daraus zog er die Schlussfolgerung, dass ich noch Jungfrau sein müsse.
„Entschuldige bitte?“, antwortete meine innere Feministin. „Das ist absolut unangemessen, ich hol’ mir jetzt einen Drink, ciao“. Aber davon habe ich nichts laut ausgesprochen. Ich glaube ich habe gelächelt und mich, beinahe flirtend, gewehrt. „Das geht dich glaube ich nichts an, heh!“ And auch wenn ich mich bald darauf von der Unterhaltung befreit habe, blieb ich den restlichen Abend höflich zu diesem Charmeur, wenn unsere Wege sich kreuzten.
Illustrated By Anna Sudit.
Man könnte sagen, dass ich einfach gerne flirte. Oder man könnte sagen, dass ich biologisch (wie viel davon wurde mir in die Wiege gelegt?) und durch mein Umfeld (von Geburt an wird uns als Mädchen beigebracht, alles und jeden um uns zufriedenzustellen) dazu geneigt bin, von Leuten gemocht werden zu wollen, egal was ich von ihnen denke. Vielleicht macht es gar keinen Unterschied, ob man gerne flirtet oder gemocht werden will. Trotzdem fühle ich mich gespalten zwischen meiner Online- und Bühnenpersönlichkeit – gelassen und standhaft in ihrer Überzeugung, dass jedes Mädchen und jede Frau Kontrolle über ihr Schicksal haben und sich nicht mit Idioten, erst Recht keinen Fuckboys in Bars, rumschlagen sollte - und der Person, die ich in der Bar bin, die von genau diesen Fuckboys Zustimmung sucht. Geh weg, aber bitte mag mich. Magst du mich? Bitte lass mich in Ruhe, natürlich nur, wenn das okay für dich ist.
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Ja, wir leben noch immer in einer Welt, in der Ablehnung häufig Feindseligkeiten und sogar Aggressionen hervorruft, und es ist nicht immer sicher für eine Frau einem Belästiger auf der Straße oder einem potentiellen Verehrer ihre Meinung zu geigen. Aber Sicherheit und das Bedürfnis, jemanden zufrieden zu stellen, können voneinander getrennt werden. Wenn ich Artikel á la „Ich habe dies und jenes für so und so viele Tage getan und das ist passiert“ lese, denke ich, dass es für mich am schwersten wäre mit dem Lächeln aufzuhören. Lächeln ist mein Schmiermittel für soziale Interaktionen, meine Art mein Umfeld zufrieden zu stellen – inklusive und vor allem Männer: Ja, ich bin froh, hier zu sein, ja, was du sagst, ist interessant, und selbst wenn ich nicht mit dir schlafen will, liegt es nicht an dir. Ich muss wieder zurück zu meinen prüden Freunden, oder, es tut mir Leid, ich bin vergeben, aber in einer idealen Welt würde ich definitiv auf mein Herz hören und dir in dein Apartment folgen, versprochen.
Und dieser innere Monolog – Vielleicht gefällt mir der gerade nicht, aber mach dir keinen Kopf darüber, Hauptsache du fühlst dich wohl – kann auch einen Einfluss auf Sex haben. Er hängt damit zusammen, warum manche Frauen ihren Orgasmus vortäuschen, anstatt auszusprechen, dass das gerade nicht wirklich für sie funktioniert hat, und etwas anderes vorzuschlagen. Darum fällt es mir beispielsweise schwer Oralsex zu genießen. Stattdessen werde ich nervös, wenn ich noch nicht gekommen bin. Es ist der Grund dafür, warum ich nicht Das fühlt sich super an denke, sondern Verdammt, fühlt sich dieser Typ/diese Frau gerade wohl, sollte ich vielleicht einen Podcast für sie anmachen, damit sie sich nicht so langweilen, während sie mich lecken?
Es geht hierbei nicht nur um den sogenannten „male gaze“; dasselbe Gefühl habe ich auch, wenn ich mit einer Frau im Bett bin. Worum es geht ist ein interner Fokus – die Beschäftigung damit, wie mein Gegenüber mich empfindet, anstatt meinen eigenen Gefühlen Aufmerksamkeit zu schenken. Meghan Trainor’s neuer Song „No“ zelebriert das Wort „nein“, aber genau wie ich möchte sie das Wort „nein“ sexy überliefern. „All my ladies, listen up“, singt sie. „If that boy ain’t giving up, lick your lips and swing your hips, girl all you gotta say is no.“ Yes, girl, sei so sexy wie du willst, für dich und dein sexy Selbst. Aber ich frage mich, warum ich nicht das Lippen lecken und Hüften schwingen sein lassen und direkt zum Zurückweisen übergehen kann, oder zum „nicht so“, „Ich habe meine Meinung geändert“ oder „Halte dich von mir fern“.
Sich Sorgen darum zu machen, ob man unsexy wirkt – oder schlimmer, unsympathisch – wenn ich nicht voll und ganz begeistert von der Situation bin, ist anstrengend. Ich übe an meinem „nein“. Denn alles andere ist nur Zeitverschwendung.
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