Armes Deutschland – So hart ist es für alleinerziehende Mütter wirklich

Foto: KHOLOOD EID.
Weiß die Regierung nicht, wie es in Deutschland wirklich aussieht oder will sie es nur nicht kommunizieren? Der Armuts- und Reichtumsbericht 2017 der großen Koalition, das Dokument über die Lebenslagen in Deutschland, verärgert nämlich viele. Oder besser gesagt, ignoriert er die ärmlichen Zustände Einiger. So liest sich das Ergebnis, als ginge es allen in diesem Land gut. Von extremer Armut und Chancenungleichheit will man in der Analyse nichts wissen.
Der 5. ARB richtet den Blick stärker auf die gesamtwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhänge von Armut, Reichtum und Ungleichheit. Und obwohl zahlreiche Umfragen besagen, dass laut der Deutschen die Armut wächst, besagt der Bericht, dass Deutschlands Wirtschaft wächst, die Arbeitslosenzahlen und das Armutsrisiko sinken.
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Christoph Butterwegge, Armutsforscher und Bundespräsidentenkandidat der Linken, hat in der „Zeit“ die Bundesregierung für ihre beschönigende Wortwahl kritisiert. Er sagt auch, dass andere Wirtschaftsinstitutionen der Regierung widersprechen: Die Europäische Kommission, die OECD, der Paritätische Wohlfahrtsverband, die Hans-Böckler-Stiftung – sie alle warnen vor der wachsenden sozialen Ungleichheit. Vor allem die alleinerziehenden Mütter sind in Deutschland schlechter gestellt, als im Bericht benannt.
„Der Anteil der Menschen, die materiellen Entbehrungen ausgesetzt sind, lag stabil auf einem niedrigen Niveau mit einem Rückgang am aktuellen Rand. Demgegenüber lag der Anteil derje- nigen, die wegen eines vergleichsweise niedrigen Einkommens als armutsgefährdet gelten, in den vergangenen Jahren etwa auf gleichem Niveau und hat sich zuletzt allenfalls leicht erhöht. Steuer- und Sozialtransfers reduzieren das Armutsrisiko vor allem von Kindern und jungen Er- wachsenen bis 24 Jahre, Alleinerziehenden und Arbeitslosen erheblich, teilweise um die Hälfte. Bezogen auf die Bevölkerung insgesamt beträgt die Reduktion rund ein Drittel", heißt es im Armutsbericht. Klingt doch erst mal gut – und das ist das Problem. Die Realität sieht anders aus.
Alleinerziehende haben ein beinahe dreimal so hohes Armutsrisiko wie die Durchschnittsbevölkerung.
In den letzten zehn Jahren hat sich die Situation der Ein-Eltern-Familien sogar weiter verschlechtert: 42 Prozent der Alleinerziehenden bezogen 2014 ein Einkommen, das weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens entsprach. Das sind 6,6 Prozent mehr als 2005. Bei Paarfamilien ist das Armutsrisiko im selben Zeitraum um 11,7 Prozent gesunken. In 89 Prozent der Fälle sind es die Mütter, die die Verantwortung für die Kinder überwiegend allein tragen. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann Stiftung.
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In Deutschland ist jede fünfte Familie alleinerziehend. Konkret wachsen 2,3 Millionen Kinder in Deutschland ohne beide Elternteil auf. Ihnen droht häufiger ein Leben in Armut als Gleichaltrigen, die mit beiden Elternteilen zusammen leben. Die Hälfte der Alleinerziehenden erhält überhaupt keinen Unterhalt für ihre Kinder. 25 Prozent bekommen weniger als ihnen zusteht. Die Folge: Knapp eine Million Kinder Alleinerziehender in Deutschland leben von Hartz IV.
Wie soll es also zu Reformen und finanzieller Hilfe für Mütter kommen, wenn die Wahrheit gar nicht offiziell aufgelistet ist? Warum ein Armutsbericht, wenn die Armut gar nicht aufgezeigt wird?
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