„Twin Peaks“ kommt zurück: Die neue Muse von David Lynch über den Hype

Es ist das wohl am ungeduldigsten erwartete TV-Event des ganzen Jahrzehnts: Mit „Twin Peaks“ kehrt die amerikanische Kultserie von Regie-Ikone David Lynch am kommenden Sonntag nach mehr als 25 Jahren zurück auf die Bildschirme. Eines der geheimnisvollsten Gesichter des neuen Casts gehört der texanischen Schauspielerin und Sängerin Chrysta Bell, die Refinery29 einen kleinen Blick hinter die Kulissen des Mystery-Spektakels gewährte...
Du giltst seit einiger Zeit als Muse von David Lynch – wie wird man das?
Das weiß ich auch nicht. Ich kenne David seit vielen Jahren. Er ist mir in dieser Zeit zu einem engen Freund geworden, der immer einen guten Rat für mich hat; selbst in kompliziertesten Lebenslagen. Die Bezeichnung als Muse ist zwar schmeichelhaft, allerdings ist er wohl der letzte Mensch auf dieser Welt, der auf eine Muse angewiesen ist. David besitzt eine unglaubliche kreative Energie, die er auf tausend verschiedene Arten umsetzt. Ob in Form von Film, Musik, Prosa, Fotografie oder Malerei bis hin zu Design. Wenn ihm der Sinn danach steht, Möbel zu entwerfen, geht er einfach in den Keller und entwirft Möbeldesigns. Vielleicht inspiriere ich ihn dann und wann, aber als Muse würde ich mich nicht betrachten.
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Gab es etwas, das du von ihm gelernt hast?
Man kann sich wahnsinnig viel von ihm abschauen: Er hat das große Talent, einem ohne viele Worte andere Perspektiven aufzuzeigen und Probleme aus unterschiedlichen Blickwinkeln anzugehen. Außerdem hat er mir beigebracht, wie man durch Meditation zu innerem Frieden findet. Obwohl er bei seinen Produktionen am Filmset ständig von unzähligen Leuten umringt ist, strahlt er eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit aus.
Nachdem David Lynch deine ersten beiden CDs produziert hat, bist du nun erstmals unter seiner Regie als Schauspielerin zu sehen. Ein seltsames Gefühl?
Im Gegenteil! Mit meinem Engagement bei „Twin Peaks“ heben wir unsere Zusammenarbeit auf eine neue Ebene. Uns verbindet eine besondere kreative und natürlich zwischenmenschliche Freundschaft. Ich bin sehr happy, dass er mir durch die meine Rolle eine kleine Führung durch die „Architektur“ seiner Vision gewährt. Wenn er über den Schöpfungsprozess von „Twin Peaks“ spricht, dann nur sehr verschwommen und in Metaphern. Man kann die Essenz unmöglich in Worte fassen. Ich war als Teenie schon ab der ersten Folge fasziniert.
Du bist in einem ungewöhnlichen Elternhaus aufgewachsen.
Meine Mutter war Musikerin und betrieb mit meinem Stiefvater ein Aufnahmestudio. Mein biologischer Vater war ein sehr exzentrischer Mann, der in seiner Freizeit Heißluftballons flog. Ich habe ihn schon im Alter von 3 Jahren auf seinen Flügen begleitet. Außerdem gehörte ihm ein Stück Land in Texas, auf dem später uralte Gräber gefunden wurden. Nach seinem Tod vererbte er mir diesen historischen Friedhof, den ich heute gemeinsam mit meiner Mutter betreibe und dort Beerdigungen für Freunde und Verwandte ausrichte. Wir sind die Herrinnen des Totenackers (lacht).

Wie jeder Mensch reizt mich das Unbekannte, das Verbotene. Wobei es immer auf das Gleichgewicht zwischen Licht und Schatten ankommt.

Hast du selbst Angst vor dem Tod?
Nein. Ich bin eher fasziniert von diesem perfekten Kreislauf von Werden und Vergehen. Ich glaube an das Konzept der Transformation: Wenn die Lebensenergie sich vom Körper trennt und andere Formen annimmt. Mein Vater war der Erste, den wir auf unserem Friedhof zur irdischen Ruhe gebettet haben. Trotzdem ist unsere Verbindung dadurch keinesfalls beendet. Ich stelle mir vor, dass die Seele, oder wie auch immer man es nennen mag, nach dem Tod der sterblichen Hülle eins wird mit diesen purpurnen Sternenansammlungen, die die Raumsonde „Hubble“ kürzlich in einer entfernten Galaxie entdeckt hat.
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Dein kommendes Album „We Dissolve“ beschäftigt sich ebenfalls mit dieser Auflösungsthematik.
Die Idee der Transformation zieht sich durch viele meiner Songs. Den Albumtitel könnte man sowohl mit dem Begriff „Tod“, als auch mit dem Verschmelzen mit einem anderen Menschen oder dem Hinübergleiten in einen anderen Bewusstseinszustand übersetzen. Ich spüre intuitiv, dass es noch andere Welten und andere Daseinsformen gibt. Man muss nur auf seine innere Stimme hören, die einem automatisch mitteilt, was sich richtig und harmonisch im Einklang mit dem Universum anfühlt. Intuition ist wie ein Muskel, den man trainieren und für die Dinge sensibilisieren kann, die sich nicht mit unseren klassischen fünf Sinnen wahrnehmen lassen.
Besonders sensibel scheinst du für alles Unheimliche zu sein!
Wie jeder Mensch reizt mich das Unbekannte, das Verbotene. Wobei es immer auf das Gleichgewicht zwischen Licht und Schatten ankommt. Ich bin zwar ein Nachtmensch, liebe aber das Licht. Auch David wird üblicherweise mit dem Düsteren, Makabren assoziiert. Ich glaube, dass auch er gerne mit seiner dunklen Seite spielt, weil er im Grunde ebenfalls ein Lichtmensch ist.
David Lynch ist als Meister des Paradoxen, des Surrealen und des subtilen Horrors berühmt. Glaubst du an das Konzept von Himmel und Hölle?
Ja, wobei ich diese Begriffe nicht als Orte, sondern als Bewusstseinszustände definiere. Die Hölle bedeutet für mich Isolation. Wenn man den Kontakt zur Außenwelt verloren hat und ganz alleine mit seinen negativen Gedanken in einem schwarzen Loch sitzt. Es gibt viele Künstler, die sich in diesem mentalen Ausnahmezustand sehr wohl fühlen und in ihrem Leid kreativ aufblühen; ich brauche dagegen den Austausch und die Kommunikation mit der Welt.
Auf „We Dissolve“ kollaborierst du mit einer Reihe bekannter Musiker aus Formationen wie „Portishead“, „Yes“oder „Sunn O)))“. Auch eine Form der Kommunikation.
Auf dem Debütalbum habe ich noch Davids Texte zu meinen Melodien gesungen; auf der neuen Platte stammt alles von mir. Meine Gedanken, meine Emotionen, meine Seele und mein Herzblut. Die Band hat mir geholfen, meinen Ideen Leben einzuhauchen. Ich würde den Stil als Portishead meets „James Bond“ bezeichnen.
Eine sehr weibliche Version von „James Bond“...
Obwohl ich mich manchmal auch wie ein Mann benehme, trage ich doch sehr viel weibliche Energie in mir. Ich liebe weibliche Formen. Der weibliche Körper ist wunderschön. Mich haben schon immer starke Frauen fasziniert: Ich liebe den glamourösen Look von Rita Hayworth und die kraftvolle Stimme von Annie Lennox. Auch Tori Amos hat mich schon früh geprägt. Ich mag ihre fast schon schizophrene Art, in den Liedern mit ihren Gefühlen umzugehen und dabei auch in Kauf zu nehmen, Grenzen zu überschreiten.
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Wie entstehen deine ätherischen, surrealen Songkompositionen?
Mein Songwriting ist ein sehr geheimnisvoller Prozess. Es fühlt sich an, als würden die Lieder zu mir kommen und sich mir zu erkennen geben, wenn die Zeit reif ist. Manche schlummern am Meeresgrund, andere warten vielleicht auf irgendwelchen Gebirgsspitzen, bis der richtige Moment gekommen ist. Mit den Songs gebe ich meinen Hörern einen Schlüssel in die Hand, die Tore zu meinem Reich zu öffnen. Eintreten müssen sie selbst. Auf eigene Gefahr natürlich...
„Twin Peaks“ läuft am 22.05.2017 in Deutschland auf Sky an. Chrysta Bells Album „We Dissolve“ erscheint am 09.06.2017 bei Kobalt.
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