Die Supernanny der Karibik rettet die Meere

Nicht einen, nicht zwei, auch nicht 15 oder 20, nein, gleich mehrere Tausend Schützlinge hat Francesca Virdis in ihrer Obhut. Täglich werden die Kleinen von ihr gehegt und gepflegt, bis sie in die große, weite Riffwelt entlassen werden können. Riffwelt? Ja, die Rede ist von Korallenkindern. Und Francesca ist ihre Supernanny.

Auf der Karibikinsel Bonaire hat die Meeresbiologin und Tauchlehrerin in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Buddy Dive Resort die Coral Restoration Foundation, eine Korallenaufzuchtstation, gegründet. Ein Herzensprojekt, dem Virdis ihr Leben gewidmet hat. Denn was zunächst vielleicht niedlich klingt, hat einen ernsten Hintergrund: Seit den 1970er-Jahren ist über die Hälfte der karibischen Korallenbestände abgestorben und innerhalb der nächsten 20 Jahre könnten sie komplett zerstört sein, wie die Studie „Status and Trends of Caribbean Coral Reefs“, die umfangreichste und detaillierteste ihrer Art, durchgeführt im Auftrag des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) und der Weltnaturschutzunion (IUCN), ergeben hat.

Als Kind fing die heute 38-Jährige an zu tauchen. Damals waren die Korallenbestände noch intakt, eine kunterbunte Unterwasserwelt, die in Zitronengelb, Giftgrün, Barbiepink und Milkalila schimmerte. „Nun muss ich beobachten, wie diese Welt immer mehr zerstört wird“, sagt sie. Die Gründe dafür sind vielfältig, wie sie erklärt: „Die Überfischung der Meere zum Beispiel. Zudem haben Korallenkrankheiten im Laufe der letzten Jahrzehnte wegen der immer schlechter werdenden Wasserqualität und der Umweltverschmutzung stark zugenommen. Auch die globale Erwärmung spielt eine große Rolle, weil sich dadurch auch das Wasser erwärmt und die Korallen absterben.“
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DIE GLOBALE ERDERWÄRMUNG SPIELT EINE GROSSE ROLLE, WEIL SICH DADURCH AUCH DAS WASSER ERWÄRMT UND DIE KORALLEN ABSTERBEN.

Francesca Virdis

Die Elch- und Hirschgeweihkorallen sind besonders stark bedroht. Und genau um die kümmert sich die Nanny in liebevoller Kleinstarbeit: Sie sammelt gesunde Korallen von verschiedenen Teilen der Insel und zerbricht sie in Fragmente, ihre Korallenkinder. Die befestigt sie dann an baumartigen Holzkonstrukten in geschützten Gebieten vor der seichten Küste der Insel, den Korallenkindergärten, wo die Kleinen wieder zu neuen, großen Korallen heranwachsen. „Man muss sich das wie eine Faust vorstellen, aus der Finger wachsen“, erklärt Virdis. „Bricht man die Finger ab, wachsen sie immer wieder nach – und die abgebrochenen Finger werden ebenfalls zu Fäusten mit mehreren Fingern. So entstehen immer mehr Korallen, die wieder zerteilt werden können. Ich klone sie quasi.“

Sind die Korallen groß und stark genug, wird ein Teil von ihnen an den Riffen ausgesetzt. Das innovative System der Meeresbiologin: Beide Korallenarten werden in unmittelbarer Nähe zueinander gepflanzt. So werden Kreuzungen provoziert, wodurch genetisch neuartige Korallenarten entstehen, die den heutigen Bedingungen besser angepasst sind und dadurch höhere Überlebenschancen haben. „Es ist eine Sisyphusarbeit“, gesteht Virdis, „aber ich liebe meine Babys!“ Angefangen hat sie mit 200 Korallenkindern. Heute sind es rund 6000. Ein unglaublicher Erfolg. „Ich kann es selbst kaum fassen“, so die Nanny stolz. „Aber ich habe noch einen langen Weg vor mir – und ich brauche Unterstützung.“


Aus diesem Grund hat die Tauchlehrerin einen neuartigen Tauchkurs, den sogenannten PADI Coral Restoration Diver Distinctive Specialty Course, ins Leben gerufen. Dabei lernen Taucher zunächst, wie sie sich verhalten müssen, damit sie das empfindliche Ökosystem nicht stören. „Kindergarten-Etikette“ nennt Virdis das. „Außerdem lernen sie, wie man Algen und Fressfeinde entfernt, die Fragmente richtig an die Bäume bindet, große Korallen wieder entfernt und aussetzt.“ Wer den Kurs absolviert hat, kann immer wieder mit anpacken. „Wenn jeder, der nach Bonaire kommt, nur einen einzigen Tauchgang der Coral Restoration Foundation widmet und 20 Korallen transplantiert – das wäre unglaublich! Dann reden wir von Tausenden Korallen, die jährlich neu ausgesetzt werden könnten.“

Die Zeichen stehen gut: Mittlerweile kommen immer mehr Tauchbasen auf Bonaire an Bord und die Regierung der Insel erwägt derzeit sogar eine finanzielle Förderung des Projekts. Wichtige Schritte, die Virdis ihrem Ziel immer näher bringen: „Ich will alle Riffe von Bonaire zu neuem Leben erwecken.“