#DirtyThirty: Wieso die ewige Frage nach Kindern nervt & eine Grenze überschreitet

Du musst nur den richtigen Mann kennenlernen. Warte mal, bis deine biologische Uhr zu ticken beginnt. Ohne Kinder weiß man gar nicht, was bedingungslose Liebe und echtes Glück bedeuten. Du wirst im Alter einsam und allein sein und das bereuen. Das sind nur vier Aussagen mit denen wir Frauen um die 30 uns regelmäßig konfrontiert sehen. Und, nein, solche Sprüche kommen nicht nur von den Eltern, Tanten, Großeltern – auch wenn die besonders bemüht sind, sich in der Richtung unangemessen zu äußern. Auch Kollegen, Freunde, alte Kommilitonen, ehemaligen Mitschüler oder Bekannte haben das Gefühl, spätestens ab dem 30. Geburtstag stehe es ihnen quasi zu, kinderlose Frauen ungebeten auf ihre offensichtliche Kinderlosigkeit hinzuweisen. Sicherlich ist das Thema Kinder ab 30 irgendwie präsenter als mit 21. Da war das Ganze für mich so weit weg, dass der einzige Gedanke, den ich daran verschwendet habe, die Pflicht zu verhüten war. Natürlich sind Kinder ein Thema, mit dem man sich als Frau schon allein wegen der in der Tat existierenden und langsam lauter werdenden biologischen Uhr irgendwann auseinander setzt. Dennoch ist das ein privates, ja vielleicht sogar intimes Thema, welches in erster Instanz niemanden außer einen selbst und vielleicht noch den Partner oder die Partnerin etwas angeht.
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Gerade weil das Thema Kinderkriegen derart sensibel ist, schmerzt es umso mehr, wenn zum gefühlt 100. Mal jemand fragt, wieso man denn bitte immer noch nicht schwanger ist.

Vor kurzen habe ich mich mit einigen Schulfreundinnen unterhalten. Einige von ihnen sind bereits verheiratet, einige haben schon Kinder, andere sind vielleicht verlobt, wieder andere nichts von dem. Und sie alle konnten unisono zustimmen, wie nervig und auch übergriffig die Frage nach Kindern ist. Eine sagt, wenn sie einen Abend bei einer Familienfeier oder einem Dinner mal nichts trinke, würde direkt gemunkelt, dass sie schwanger sei. Natürlich von denen, die bei jeder dieser Zusammenkünfte auch neugierig auf ihren Finger lugen, ob da denn endlich ein Ring zu sehen ist. Ich frage mich ernsthaft, wieso es für manche Menschen heute, im 21. Jahrhundert, noch üblich ist, dass Glück einer Frau auf Ehe und Kinder zu reduzieren. Ich finde beide Dinge zwar auch bis zu einem gewissen Maße toll, finde aber genauso, dass beides absolute Privatsache ist.
Ich kenne Paare, die versuchen seit Jahren ein Kind zu bekommen; es klappt aber einfach nicht. Das weiß nicht jeder – und pardon, aber das muss auch nicht jeder wissen. Für solche Paare, oftmals vorrangig für die Frauen, ist es nicht nur ein erheblicher Druck ständig solche Fragen zu hören, sondern nahezu traumatisierend. Gerade weil das Thema Kinderkriegen derart sensibel ist, schmerzt es umso mehr, wenn zum gefühlt 100. Mal jemand fragt, wieso man denn bitte immer noch nicht schwanger ist. Und der dadurch entstehende Druck kann ebenfalls einer der Gründe für eine ausbleibende Schwangerschaft sein.
Abgesehen davon ist die Entscheidung für ein Kind eine große Sache. Sie bedeutet lebenslange Verantwortung und Verpflichtung. Es ist eine Aufgabe, der man sich sicher sein sollte. Aber vor allem ist es eine, für die man sich entscheidet, ganz egal, was das Umfeld erwartet oder möchte. Was die neugierigen Fragen ebenfalls nicht berücksichtigen: Was ist, wenn man erst spät Mutter werden will? Oder gerade die finanzielle Sicherheit fehlt? Man nicht den richtigen Partner hat? Was, wenn man schlichtweg keine Kinder will?
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Jede Entscheidung betreffend Kindern verdient Respekt und Akzeptanz.

Frauen, die sich aktiv gegen Kinder entscheiden, werden oft als Provokation gesehen: Menschen bringen das mit Egoismus in Verbindung, weil sie meinen, die betreffende Frau wolle keine Kompromisse eingehen. Oder es wird den Frauen unterstellt, sie seien gefühlsarm, weil in der Gesellschaft noch immer das Märchen vorherrscht, Frauen MÜSSEN Muttergefühle entwickeln und einen Kinderwunsch haben. Aber das ist Blödsinn: In vielerlei Hinsicht ist ein Kinderwunsch auch anerzogen oder wird durch gesellschaftlichen Druck begünstigt. Die Gründe, wieso Frauen keine Kinder bekommen, sind vielfältig: Vielleicht ist die Frau krank, vielleicht kann sie sich ein Leben einfach nicht vorstellen, vielleicht auch der Mann
in der Beziehung keine Kinder. Studien zufolge gibt es nämlich deutlich mehr Männer, die sich aktiv gegen Kinder entscheiden. Und die werden deutlich seltener danach gefragt wieso. Wieso auch immer: Jede Entscheidung betreffend Kindern verdient Respekt und Akzeptanz. Denn es ist unser Körper und unser Leben und darüber entscheiden wir Frauen in erster Instanz selbst und nicht unsere Eltern, Nachbarn, Freunde oder Kollegen. Vielleicht fehlen auch einfach weibliche Vorbilder, die glücklich ohne Kinder sind, damit Menschen aufhören zu unterstellen, das könne gar nicht sein und man mache sich etwas vor.
Es ist ein bisschen so wie mit dem Sex: Haben Frauen viel Sex, gelten sie als Schlampen, während man zügellose Männer für tolle Hechte hält. Wer mich fragt, ob ich Kinder möchte, bekommt als Antwort ein: Vielleicht! Wem ich davon mehr erzählen möchte, dem sage ich ehrlich, dass ich gern Kinder hätte, dass es aber durchaus sein kann, dass sie schlichtweg nicht in mein Leben passen. Es mag sein, dass manche meinen, dass ich egoistisch sei. Und sicher hat es auch etwas damit zu tun, ob oder wann man bereit ist, Kompromisse einzugehen. Ich liebe meinen Job, ich habe tolle Freunde, eine Familie, die mir den Rücken stärkt (und der es übrigens piep-egal ist, ob ich mal Kinder kriege) und einen wunderbaren Partner. Mein Leben ist erfüllt und ich werde mich weder von der Gesellschaft noch von meiner biologischen Uhr zu irgendetwas zwingen lassen. Erst recht nicht von Sprüchen wie Werd’ erst mal 30. Bin ich. Und sehe das Thema nach wie vor so. #nopressure #mybodymychoice
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