Ein Seelenstriptease auf Instagram – gegen das Stigma von psychischen Erkrankungen

Wenn man Gina Nicolinis Instagram-Bilder sieht und die Beschreibungen ignoriert, dann sieht man eine überdurchschnittlich attraktive Frau. Den schlanken Körper tätowiert, langes blondes Haar, strahlende Augen, mehrere Piercings in dem femininen Gesicht mit den kräftigen Brauen. Wenn man sie trifft, ist der erste Eindruck nicht weniger positiv: Ein fester Händedruck, eine spontane Umarmung, die Stimme sanft. Hört man sie reden, weiß man sofort, dass man es mit einer Frau zu tun hat, die weiß, wovon sie spricht. Und sie spricht über Dinge, die aus ihrem erfolgreichen Instagramaccount so viel mehr machen als bloß irgendeinen Account. Liest man die Caption ihrer Bilder wird schnell klar, dass es hier um andere Dinge geht als um bloße Selbstdarstellung: Hier fallen Begriffe wie Recovery, Essstörung, Depression, Suizid, Klinik, Selbsthass.
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Es hat früh angefangen, dass ich mich selbst verletzt habe; so früh, dass ich es kaum realisieren kann.

Gina
Seit Gina denken kann, ist sie im Kampf mit sich selbst oder zumindest mit einem Teil von sich. „Es hat früh angefangen, dass ich mich selbst verletzt habe; so früh, dass ich es kaum realisieren kann“, erklärt sie mir bei einem Glas Wein. „Ich war fünf oder sechs Jahre alt. Richtig schlimm, also so schlimm, dass ich mich geritzt habe, wurde es dann mit zwölf oder 13.“ In der Zeit, als auch ihre Essstörung begann. Wenn die Essstörung schlimmer wurde, waren die Selbstverletzungen weniger dominant und andersherum. Mit 13 sitzt die Kölnerin das erste Mal bei einem Therapeuten. Heute ist sie 29 und hat ihr Leben im Griff. „Soweit man es eben im Griff haben kann, mit solch schweren psychischen Erkrankungen“, sagt sie. Wenn man genau hinsieht, dann sieht man sie vielleicht, die Schüchternheit, die Selbstzweifel, die Unsicherheit. Vielleicht aber auch nur, wenn man mit einer guten Menschenkenntnis gesegnet ist. Im Gespräch greift die Neu-Berlinerin, die die Kaderschmiede der Journalistik, die Henri-Nannen-Schule in Hamburg absolviert hat, sich immer wieder ins Haar oder an die Nase, weicht manchmal Blicken aus, lacht an Stellen, die für das Gegenüber schwer zu ertragen sind. Vielleicht ist es Galgenhumor; die Gewöhnung an ihre Geschichte, die ihr die Fähigkeit zu lachen geben, auch wenn manche Themen eher nicht so komisch sind.
Seit einem Jahr legt sie auf Instagram eine Art Seelenstriptease hin – und das ist in keiner Weise negativ gemeint: Noch immer gelten Themen, wie die, über die Gina spricht und postet, in vielerlei Köpfen als Tabuthemen. Viele Betroffene sind einsam, haben keine Ansprechpartner, niemanden, der ihnen die Hand reicht. Aber es sind diese Menschen, die Gina über ihren Account gini.eat.world erreicht. „Es ist unglaublich, wie viele Zuschriften ich von Leuten bekomme, die in ähnlichen Situationen sind“, sagt sie. Ich verstehe, was sie meint. Ich kenne etliche junge Frauen und Männer, in deren Familien die Worte Depression, Essstörung oder Suizid auf der Blacklist stehen. Die sich nicht ernst genommen fühlen, die allein sind, mit all ihren Gedanken. 
Bei Gina gipfelte der Selbsthass in einem von vielen Klinikaufenthalten, damals war sie 19. Es blieb nicht der Letzte, aber auch das gehört dazu: „Ich war irgendwann am Ende. Also bin ich ins Krankenhaus gefahren und habe gesagt: Hallo, hier bin ich. Ich kann nicht mehr und ich weiß nicht was sonst passiert“, erzählt Gina mir. Das ist der Punkt, an dem Krankenhäuser Patienten nicht mehr abweisen können. Es kommt mir befremdlich vor, dass jemand, der solch schwerwiegende Probleme mit sich, seinem Äußeren und seinem gesamten Sein hat, sich auf Instagram darstellt – mit all seinen Schwächen.
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Und damit schafft Gina es, einer Plattform, die eigentlich nur über das Visuelle funktioniert und damit immens oberflächlich ist, irgendwie Tiefe zu geben.

Gina erklärt es folgendermaßen: „Mein Leben war lange einfach nur miserabel. Und ich werde immer kämpfen müssen, weil bestimmte Dinge nun zu meinem Leben gehören, wie zum Beispiel die starken Medikamente, die ich nehmen muss, um auf der Spur zu bleiben“, sagt sie. „Wenn ich mit dieser Erfahrung nur ein Gefühl an andere Betroffene weitergeben kann, nämlich nicht allein zu sein, und dass es völlig okay ist, anders zu sein, dann ist es das wert.“ Und das schafft sie. Ginas Followerzahl steigt stetig, ihre Bilder bekommen etliche Likes und hunderte Kommentare, in denen Follower Verbundenheit zeigen, sich bedanken, Bewunderung ausdrücken und erleichtert sind. Dass da jemand ist, der irgendwie ist wie sie und sie versteht. Auch wenn dieser jemand kilometerweit entfernt an einem Handy sitzt und eigentlich eine Fremde ist. Der kleinste gemeinsame Nenner sind die gemeinsamen Probleme, der größte hoffentlich der Wille zu kämpfen. 
Und damit schafft Gina es, einer Plattform, die eigentlich nur visuelle Eindrücke abfeuert und letztlich oberflächlich ist, irgendwie Tiefe zu geben.
Gina ist jeder Lebensform gegenüber tolerant. Über die antirassistische Szene ist sie in ihrer Jugend langsam in einen links orientierten Freundeskreis gerutscht und hat sich irgendwann näher mit Themen wie Veganismus, Feminismus und Genderidentitäten beschäftigt. Und irgendwo in dem Chaos dieser Welt ihre Bestimmung gefunden. Sie ist eine, die anderen hilft. Eine, die anderen sagt, dass es okay ist, Hilfe anzunehmen, es ist okay, Tabletten zu nehmen, okay, anders zu sein, anders zu lieben. Wichtig ist, dass man kämpft und nicht aufgibt.

Jemand, der an einer Depression erkrankt ist, liegt nicht unbedingt jeden Abend weinend im Bett.

Das Äußere der Journalistin passt auf den ersten Blick nicht zu jemandem, der seinen Körper nicht mag. Die vielen, teilweise bunten Tätowierungen schreien förmlich:„ Hey, hier bin ich, seht mich an!“ Die Gelnägel geben dem roughen Ersteindruck einen klassisch-femininen Touch und auch die Kleidung der Endzwanzigerin ist nicht unbedingt das, was man landläufig als unauffällig bezeichnen würde. Im Ganzen macht aber auch das Sinn: „Die Tattoos sehe ich als Verschönerung meines Körpers, den ich nie wirklich mochte. Außerdem verstecken sie die vielen tiefen Narben meiner Selbstverletzungen“, sagt Gina. Sie ist nicht nur attraktiv und nett, sondern auch noch klug. Ich bin nachhaltig beeindruckt.
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Ich persönlich finde es außerdem unglaublich wichtig, dass psychische Erkrankungen, Kämpfe, die man mit sich selbst austrägt, und auch Schwächen ein Gesicht haben. Jemand, der an einer Depression erkrankt ist, liegt nicht unbedingt jeden Abend weinend im Bett. Und wer eine Essstörung hat, sieht nicht unbedingt aus wie jemand, der kurz vorm Verhungern ist. Und nur weil man auf Instagram etliche Selfies postet, heißt das noch lange nicht, dass man sich selbst schön findet. Es tut fast ein bisschen weh, wenn man hört, wie groß Ginas Zweifel manchmal sind. Denn was man sieht, ist vor allem eine schöne, kluge Frau, die viel zu sagen hat. Die stark ist; viel, viel stärker als die Stimmen, die an ihr zweifeln. Daran kann sich jeder von uns ein Beispiel nehmen.
Informationen zu den Themen Depression und Suizid im Kontext von Jugendlichen und jungen Erwachsenen liefert zum Beispiel der Berliner Verein Freunde fürs Leben e.V..
Hier listet die FRND-Website unter anderem Möglichkeiten, wo Betroffene Hilfe finden können.
Alle Bilder zur Verfügung gestellt von Gina Nicolini.
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