#DirtyThirty: Heute kein Sex – Wieso nicht immer Frauen die „Migräne haben“

#DirtyThirty: Maren Aline Merken ist 30 Jahre alt, Wahlberlinerin mit Herz für die Hauptstadt und dennoch ständig unterwegs. Ob auf Recherchereise im kunterbunten Indien, auf der Suche nach den neusten Foodtrends im lebhaften Johannesburg oder beim leicht chaotischen Familien-Kaffeeklatsch in ihrer Geburtsstadt Düsseldorf – sie ist neugierig, begeisterungsfähig, wortverliebt und gar nicht mal so spießig, wie sie selbst sich Ü30-Frauen als Teenager vorgestellt hat. Immer hungrig auf Neues feiert sie das Leben mit der 3 vorne – und versteht bis heute nicht, wie man Angst vor dem 30. haben kann.
Heute nicht, ich bin müde. Ich habe einfach tierisch Kopfschmerzen. Mein Tag war so stressig, ich will einfach nur schlafen. Ein vehementes Rücken-Zuwenden. Ein ablehnendes Wegdrücken der streichelnden Hand. So werden Frauen häufig dargestellt. Frauenmagazine machen Witze über diese Klischees, raten ihren Leserinnen aber dennoch, wie man dem Partner klar macht, dass man heute einfach keine Lust auf Sex hat. Schon als Teenager wächst man damit auf, dass es normal ist und Gang und Gäbe, dass Mädchen und Frauen nun mal weniger Lust haben. Vielleicht ist auch das der Grund, wieso einige Frauen sich den Schuh anziehen, stetig unter Druck stehen und meinen, sie müssten Sex haben wie andere Sport machen, weil sie eben nicht die sein wollen, die mal wieder keinen Bock hat.
Dabei ist das absoluter Blödsinn. Zum einen weiß man heute, dass Frauen einfach häufig in einem anderen Alter mehr Lust haben als Männer. Bei ihnen setzt das höhere Bedürfnis nach Sexualität einfach später ein, als bei Männern. Zum anderen kenne ich mindestens genauso viele Frauen, die genervt davon sind, dass der Partner regelmäßig keine Lust hat. Stress auf der Arbeit, wenig Zeit, eine Schwangerschaft, die ihn übervorsichtig macht, der Fakt, dass die Partnerin gerade ihre Tage hat – es gibt etliche Gründe, wieso Männer regelmäßig nicht wollen.
Werbung
Jetzt wird der Klischee-Mann lachen und seinem Kumpel auf die Schulter schlagen. „Keine Lust auf Sex: Was sind das denn für Memmen? Das ist bei mir noch nieeee vorgekommen“, dann lacht er hölzern und schüttelt vehement den Kopf. Und da ist es wieder: Das Klischee. Männer wollen immer. Und können vor allem immer. Ist ihr Trieb und ihr Naturell. Zum Glück gibt es heute viele Männer, die sehr wohl fernab dieser Klischees existieren. Die Gefühle zeigen, die gern und ausgiebig mit ihrer Partnerin über jedes Thema kommunizieren. Dennoch ist das „Keine-Lust-auf-Sex“-Thema oft ein Tabu. Peinlich, unangenehm, unmännlich. Wieso ist das so? Ist es das alte Frauen vs. Männer-Problem?

Frauen haben einfach häufig in einem anderen Alter als Männer mehr Lust auf Sex.

Das Problem bei dem Verneinen von Intimität ­– egal ob von Männlein oder Weiblein initiiert – ist ja vor allem das Gefühl der Ablehnung. Es geht dabei nicht um ein blödes „Ich will dich nicht“-Spielchen. Manchmal steckt einfach nur Stress dahinter, vielleicht hat der andere etwas auf der Seele, vielleicht ist der Kopf gerade einfach voll mit anderen, wichtigeren Sachen. Vielleicht steckt aber auch etwas anderes, etwas größeres dahinter, was man nicht einfach so lösen kann. Selten jedoch der Fehler des anderen, aktiven Parts. Dann hilft es vor allem zu kommunizieren. Wer abgelehnt wird und nichts darüber weiß, sucht den Fehler schnell bei sich. Findet mich der andere vielleicht nicht mehr attraktiv? Genüge ich ihm nicht? Ist unser Sex langweilig oder schlecht? Mache ich etwas falsch?
Jetzt würde der ein oder die andere sagen, naja, aber Sex baut doch Stress auch ab. Mag ja sein, aber das ist nicht für jeden so. Dem oder der einen hilft es verschwitzt durch die Laken zu turnen und so alle anderen Gedanken weit von sich weg zu stoßen, andere können sich dann vielleicht einfach nicht auf die schönste Nebensache der Welt konzentrieren und ziehen sich zurück.
Werbung
Als ich Anfang 20 war hatte ich eine Fernbeziehung. Die war bis zu einem gewissen Grad toll und der Sex war bombig, vermutlich auch weil es der erste richtig gute Sex meines Lebens war – das davor war dann doch eher eine Kombination aus Ausprobieren, Dinge machen, die sich halt gehören, und wildem Rumgestochere. Irgendwann hat mein Freund immer öfter zugemacht. Meine Hand weggedrückt, ist nicht auf eindeutige Äußerungen eingegangen und hat mich oft ohne körperliche Nähe oder Intimität einschlafen lassen. Mich hat das sehr getroffen. Zum einen haben wir uns durch die Entfernung nur relativ selten gesehen und zum anderen war vorher alles anders gewesen. Ich fragte mich, ob ich irgendeinen Fehler gemacht hatte. Erst war ich wütend und habe Druck gemacht – mit dem man natürlich nicht weit kommt, das weiß ich heute auch ;-). Irgendwann hab ich dann auch zugemacht. Und dann irgendwann, ist der Knoten geplatzt und wir haben darüber gesprochen. Er meinte, dass er das Gefühl habe, ich mache das zum Marathon. Dass es mir nicht darum ginge mit ihm zu schlafen, sondern meine Liste abzuhaken. Und irgendwie hatte er Recht. Wir haben uns tendenziell einmal im Monat gesehen, was auch bedeutet hat einen ganzen Monat ohne Sex, ohne Nähe zum Partner, ohne Intimität. Wenn wir uns dann gesehen haben, habe ich vorher schon überlegt, wie oft es dazu kommen könnte. Quasi wie vorschlafen unter der Woche, wenn man weiß, am Wochenende stehen zwei super Partys an, die man mitnehmen will. Das hat nicht nur mit sexueller Lust zu tun gehabt, sondern sicherlich auch mit dem Faktor Nähe. Wer sich so selten sieht, wie wir damals, will dem anderen in den raren Momenten dann umso näher sein. Das extreme Nähe nicht immer Sexualität heißen muss, muss man als junger Mensch erst lernen.

Wichtig dabei ist, dass „man“ sowohl der weibliche als auch der männliche Part in einer Beziehung sein kann. Dass wir weg müssen von diesen Klischees Männer ticken so und Frauen so.

Der Grund für keine Lust auf Sex kann vielfältig sein: Es kann etwas nicht stimmen in der Beziehung. Es kann etwas nicht stimmen, im Leben des einen Partners, was einfach Vorrang hat, vor körperlicher Nähe. Man kann aber auch einfach müde oder kaputt sein. Wichtig dabei ist, dass „man“ sowohl der weibliche als auch der männliche Part in einer Beziehung sein kann. Dass wir weg müssen von diesen Klischees Männer ticken so und Frauen so. Weil dann müssten Frauen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen ja komplett enthaltsam leben und Männer in gleichgeschlechtlichen Beziehungen kaum noch aus dem Bett kommen – beides halte ich für gemachten Blödsinn. Wichtig ist, dass wir mit unseren Partnern kommunizieren, dass wir erklären, wieso wir keine Lust haben. Und deutlich machen: Das ist nicht die Lust auf dich, die fehlt, sondern eher Lust auf den Akt selbst – aus welchem Grund auch immer. Denn was an Situationen wie diesen am schlimmsten ist, ist definitiv der Faktor Ablehnung und das Gefühl, das diese Ablehnung in uns auslöst.#talkaboutit
Werbung