Der Moment der Wahrheit: Warum ich Pizza hasse

Illustrated by Louisa Cannell.
„Tut uns leid, dass ihr Überstunden machen müsst – und macht euch keine Sorgen, wir haben für Essen und Getränke gesorgt!“, so lautet es in der Email. Keine Details, nur „Snacks“. Und trotzdem weiß jeder, was gemeint ist. Wenn du etwas tun sollst, das eigentlich bezahlt werden sollte, dann kriegst du statt Geld eben Essen. Und genau genommen immer dasselbe Essen: Pizza. Zehn fettgetränkte Kartons Pizza stehen dann da.

Aber wisst ihr was? Scheiß' auf Pizza.

Richtig gelesen: Ich hasse Pizza. Ich HASSE Pizza. Ich mag auch keine Kinder und keine Katzen. Hunde sind okay.

Die meisten haben mittlerweile wahrscheinlich schon mit den Augen gerollt und gedacht, was für ein mieser Charakter ich eigentlich sein muss. Aber ich meine es ernst: Pizza ist nicht so gut, wie alle immer anzunehmen scheinen. Wirklich nicht. Kein bisschen. Pizza – und Brot – werden meiner Meinung nach zu unrecht völlig überbewertet und ich verstehe den Hype nicht.

Sind wir doch mal ehrlich: Es handelt sich bei der vermeintlichen Leibspeise jedes Zweiten um geschmolzenen Käse (argh) auf Brot, mit etwas Tomatensauce dazwischen. Meinetwegen ist das erst einmal gar nicht so tragisch. Aber es scheint so, als würde immer irgendwo irgendjemand gerade AUSRASTEN, weil Pizza DAS BESTE auf der Welt ist und gerade universal anwendbar zu sein scheint: Pizza auf Kleidung, Pizzatattoos, Accessoires mit Pizza. Pizza ist zum Identitätsmerkmal geworden. Ich habe weit mehr als nur 1 Online-Datingprofil gesehen, das in der „Über Mich“-Sektion „Pizza“ zu stehen hatte. (Wofür ich dankbar bin, weil ich – Überraschung – kein Bedürfnis nach einem Mann habe, der seinen Charakter mit „Pizza“ beschreibt.)

Neben der furchterregend langweiligen Rezeptur (weil: Käse, Brot, Tomate, wirklich?), gibt es noch weitere Gründe für meine Abneigung. Ich glaube zum Beispiel fest daran, dass Pizza einfach der kleinste gemeinsame Nenner ist. Sie ist nicht sonderlich teuer, aber auch nicht das trashigste Essen in der TK-Truhe. Noch dazu wird sie oft auf Zusammenkünften angeboten, weil man mit Pizza schnell und ohne viel Aufwand oder Kosten viele Menschen schnell satt bekommt. Sie liefert ein solides Preis-Leistungs-Verhältnis. Mein Problem mit diesen Zusammenkünften: Es handelt sich dabei meist um Umzüge, Renovierungen oder Kindergeburtstage. – Kinder! – Alles Anlässe, die mit furchtbar viel Arbeit und Hingabe verbunden sind. Und damit, dass die Pizza meist nicht sonderlich gut ist. Sie ist einfach da.

Ein weitere Punkt sind die nostalgischen, völlig überromantisierten Assoziationen: Die meisten verbinden damit Kindheitserinnerungen oder den Gedanken an einen gemütlichen Abend mit gutem Film, gutem Wein und absoluter Freiheit. Und es tut mir schrecklich leid, das sagen zu müssen, aber spätestens nach der Uni ist man raus aus dem Pizza-Alter.

An meiner Oberschule gab es dieses eine Mädchen. Sie hat Babygläschen geliebt. Ständig aß sie irgendeinen ekelhaften Brei. Das Essen stank, die leeren Gläser klirrten auf dem Boden ihres Rucksacks herum. Jeden. Verdammten. Tag. Dieses Klirren. Ich wette, sie LIEBT Pizza.
Illustrated by Louisa Cannell.
Ich klinge vielleicht nach einem hasserfüllten, gluten- und laktoseintoleranten Misanthropen – und wisst ihr was? Genau das bin ich auch. Aber ich will noch etwas loswerden, bevor ihr euch all die Carb-Freiheiten der Welt nehmt und mit Fett befleckten Shirts davonrennt: Sie ist schier ungesund.

Ich arbeite beim Fernsehen, es kommt also häufiger mal vor, dass in am Set mit mehreren Dutzend Menschen stehe. Wir arbeiten oft länger als geplant, spontan oder zu ungewöhnlichen Zeiten. Da ist Pizza als schnelles, leichtes, und vor allem sättigendes Grundnahrungsmittel doch eine der praktischsten Optionen. Sie ist keineswegs gesund, aber sie schafft es. Und die Arbeit lässt sich im Notfall eben auch furzend und stickend hinkriegen. Aber was mich ultimativ nervt, ist diese Doppelmoral. Ständig sieht man Menschen Pizza essen, die makellose Haut und keinerlei Gewichtsprobleme haben. Wohlgemerkt ein zu recht kritisiertes Schönheitsideal. Aber diese Menschen bekommen von genau denen, die sie ständig mit Pizza füttern, ebendieses eingetrichtert: „Gib mir dein schönstes Lächeln während du in die 4-Käse-Pizza beißt, aber sehe dabei bitte aus, als würdest du den ganzen Tag nur Spinat, Möhren und Kräutertee zu dir nehmen!“ Genau dasselbe Bild wird übrigens auf sämtlichen sozialen Plattformen propagiert. Wer Pizza fanatisch liebt, der muss bei regelmäßigem Konsum fünfmal die Woche zum Crossfit und zweimal die Woche schwimmen gehen, um weiterhin so auszusehen, wie es 90 Prozent der Menschen auf diesen Bildern und an den Sets tun. Genauso geht es nämlich vielen Schauspielerinnen: Sie sollen perfekt, makellos und strahlend aussehen – dürfen aber auch das Stück Pizza nicht ablehnen, weil man ihnen sonst Allüren nachsagt. „Hey, lächel doch mal! Pizza macht Spaß! Pizza macht glücklich! Sei happy! Iss Pizza!“

Nein.
Scheiß' auf Spaß.
Scheiß' auf Pizza.
Sei kompliziert, hab deine Allüren.
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