Ich war bei einem Geisterheiler – und es hat funktioniert (aber nicht so, wie ihr jetzt denkt)

Dieser Artikel erschien zuerst bei HuffPost 
Gott ist tot. Aber die Geister leben.
Während die etablierten Kirchen im Leben der Deutschen eine immer kleinere Rolle spielen, erfahren esoterische Ideen – wie eben die von Geisterheilern – einen immer größeren Aufschwung.
Ich war schon immer davon fasziniert, dass es Menschen gibt, die fest an nicht messbare Schwingungen, Engel und Geisterheilung glauben – ohne je einen wissenschaftlichen Beweis gesehen zu haben und die dafür von ihren Mitmenschen belächelt werden. Was bringt sie dazu, trotzdem an so einem Glauben festzuhalten? Brauchen sie eine Ersatzreligion? Was suchen sie?
Um zu verstehen, wieso Spiritualität und Esoterik so beliebt sind, habe ich das Seminar eines Geisterheilers besucht.
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Wir sollten in einen Trancezustand versetzt werden und er würde uns „mit seiner Gabe“ behilflich sein, eine „Geisterheilung“ durchzuführen. Ich war gespannt, wie so ein Treffen aussehen würde.
Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht.
Zu Beginn sollte sich je ein Teilnehmer auf einen Tisch legen und in eine Decke gewickelt werden, während die anderen Mantras für ihn singen. Mantras sind Verse, die im Buddhismus zum Meditieren benutzt werden.
Durch die Mantras sollen Schwingungen und Energie entstehen, die der in der Mitte liegende Teilnehmer dann empfängt . Oder so ähnlich.
Ich war von dem monotonen Gesinge erst genervt und dann müde.
Ich finde die Idee absurd, dass man sich in einem Kreis um jemanden stellt, um ihm durch Singen Energie zu geben. Der Heiler stupste mich an. „Den Kopf heben und tief atmen“, rügte er mich. Ich atmete ein paar Mal tief ein und ließ es dann wieder sein, weil es so mühsam war.
„Okay, jetzt gehen wir zu dem Teil, in dem ihr euch in eine spirituelle Wachtrance versetzt. Bei so einer Trance werden Blockaden gelöst und Energien freigesetzt. Manche von euch werden zu Weinen und Schreien anfangen, das ist aber ganz normal. Es ist bisher noch niemanden was passiert,“ erläuterte er feierlich.
Er schaltete das Licht aus, nur noch ein paar Kerzen brannten und ich konnte die Gesichter der anderen Teilnehmer nicht mehr erkennen. Eine von ihnen begann, nervös mit den Füßen zu scharen.
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Ich bekam eine leichte Gänsehaut.
Er wies uns an, die Augen zu schließen und uns in Gebetspose aufzustellen. Dann berührte er uns nacheinander an den Köpfen und wir sollten uns hinlegen. Ich war nun wirklich müde und rutschte hin und her, um in eine bequeme Position zu gelangen. „Tief ein- und ausatmen,“ sagte der Leiter. Brav atmete ich tief ein und aus.
Mein Atem wurde flach und ich merkte, wie mein Geist ruhig wurde. Ich entspannte mich nun wirklich und auf einmal floss Wärme durch meinen Körper. Ich fror nicht mehr und ich fühlte mich auf einmal viel ruhiger.
Offensichtlich hatten die Entspannungstechniken des Geisterheilers ihre Wirkung getan.
Nicht nur bei mir: Der Mann neben mir begann zu wimmern, während zwei andere Frauen heftig husteten. „Es lösen sich weitere Blockaden“, diagnostizierte der Geisterheiler. Er machte das Licht wieder an und ich blickte in die erschöpften, aber zufriedenen Gesichter der anderen. Ihnen ging es genauso wie mir.
Natürlich glaube ich nich, dass ich meinen Geist in diesem Raum „geheilt“ habe. Was dort passiert ist, kann jeder zu Hause mit ein paar Kerzen und leiser Musik erreichen: Ich habe einfach mal einen Moment innegehalten und mich entspannt.
Dazu braucht man keine Magie, aber Zeit. Und die nehmen wir uns im Alltag viel zu selten. Vielleicht sind Geisterheiler-Angebote deshalb so beliebt. Sie setzen einen Kontrapunkt in einer Welt , die sich immer schneller dreht und erwartet, dass man sich mitdreht. Dabei ist es so leicht, kurz auszusteigen und zur Ruhe zu kommen.
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