Lange vor Schiffer & Klum: „Ich war eines der ersten Topmodels aus Deutschland"

1968. Hippie-Glam à la Uschi Obermaier, Weltverbesserung à la Alice Schwarzer. Es gibt keine andere Jahreszahl, die mehr für den Kampf für Freiheit steht: Sexuelle Revolution, Bürgerrechtsbewegung, Vietnamproteste, der Ost-West-Konflikt – es brodelte weltweit und die Menschen gingen auf die Straße, um ihre Stimme zu nutzen, um ihre Zukunft selbst zu gestalten. Es ist auch 1968 als Studentin Bettina Hagen beschloss, ihre Zukunft selbst zu gestalten: Sie setzte sich in den Kopf, als Fotomodell das Studium zu finanzieren und bewarb sich direkt bei der Zeitschrift Brigitte. Absage. Ihr Typ sei in Deutschland nicht gefragt. Sie sei zu sehr der Pippi-Langstrumpf-Typ und könne es vergessen, hieß es in der Redaktion. Beim Casting erzählte ihr allerdings ein anderes Mädchen mit großen Augen von Paris, dass dort junge Frauen ganz andere Chancen hätten Fotomodell zu werden. Also buchte sich kurzerhand ein Ticket nach Paris und stellte sich bei Models International vor. In der renommierten Agentur kam sie sofort an, noch am gleichen Tag sollte sie nach Mailand fliegen und shootete ihr erstes Editorial. Alles was folgte, klingt wie der mondäne der Stoff eines Modefilms.
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2017. Wir besuchen die Hamburgerin in ihrer Wohnung, heute lebt sie in Harvestehude: „Hi, kann ich du sagen?“, fragt die 70-Jährige mit den Chucks an den Füßen die 30-Jährige. Coole Braut, coole Wohnung: Die vier Zimmer sind gespickt mit Gemälden von Bettina, heute ist sie Künstlerin. An den Wänden hängen ihre Malereien von Fausts Mephisto, von Freud, aber auch bunte Landschaften und wilde Blumenbilder in Acryl. Überall in der Wohnung findet man kleine farbige und besondere Souvenirs aus einem bewegten Leben.
Da wäre zum Beispiel der Louis-Vuitton-Weekender aus ihrer Modelzeit Ende der 60er, an dem die Handgepäcketiketten der Fluggesellschaften noch an den Henkeln prangen. Ein Stück persönliche Geschichte. „Ich habe das Reisen geliebt: Marokko, Karibik, Amerika…Durch das Modeln durfte ich die schönsten Orte sehen. Fliegen war in der Zeit ja etwas ganz besonderes, es gab keine Touristenflieger wie heute“, sagt sie. Auch die alte Modelmappe steht in ihrem Arbeitszimmer, ein Zeugnis ihres Erfolgs.
Sie zeigt uns Bilder mit Yves Saint Laurent, unzählige Titel und Kampagnen. „Ich bin während der Maiunruhen 1968 nach Paris gegangen, da erinnere ich mich daran als wäre es gestern gewesen. Ich musste über Brüssel anreisen und alle Passagiere haben einen Kanister Benzin mitgebracht, denn in Paris gab es zu der Zeit keines.“ Ihre Geschichten sind für uns kaum vorstellbar, aber faszinierend. Sie lebte nach der Vorstellung in der Agentur Models International fortan in Paris, Mailand, London und New York. Liiert war sie mit Leonard Cohen, bekannt mit der Frau von Ringo Starr von den Beatles.
Bei unserem Gespräch fallen ständig Namen, die jedem Modestudenten oder jeder Modestudentin den Mund offen stehen lassen: Bettina arbeitete mit Fotografen wie Frank Howart, David Montgomery, Sarah Moon oder Patrick Demarchelier und schoss Kampagnen mit weltweit bekannten Models wie Gunilla Lindblad, Ingmari Lamy oder Ingrid Boulting. Die Modelmappe bezeugt all das: Vogue, Elle, Marie Claire, Harper's Bazaar – sie hat kein Modemagazin ausgelassen. „Reich wurde man damals damit nicht, aber ich habe Geld verdient und hatte ein sehr gute Zeit. Mir ging es immer mehr um die Reisen und die tollen Menschen, die ich durch den Job kennenlernen durfte“, resümiert sie.
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Sie erzählt auch von den ersten Modeschauen. „Zum Beispiel lief ich die erste Show für Kenzo. Es ging darum, dass wir alle Spaß haben. Wir durften hüpfen und Faxen machen. Das ist kein Vergleich zu heute“, sagt sie und springt auf, um den Laufstil heutiger Models zu imitieren. Sie stelzt durch ihre Wohnung, lehnt sich nach hinten und setzt ein gelangweiltes Gesicht auf. „Ich habe manchmal das Gefühl, dass es heute nicht um die Persönlichkeiten der Models geht, es ist eine Massengeschichte geworden und viele sehen gleich aus“, lautet ihr Urteil. Schlecht redet sie aber über niemanden, das ist nicht ihre Art. Die Frau mit dem schelmischen Lachen und den großen Zähnen versprüht lieber Freude. „Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich das alles in dieser Zeit erleben durfte. Ich weiß nicht, ob ich heute in dem Business noch eine Chance hätte. Es hat sich so viel verändert, stell dir mal vor, wie alt ich bin. Als die Ära der Supemodels in den 80ern losging, war ich schon weg vom Fenster.“
1974. Ihr Vater wird schwer krank, sie kehrt zurück nach Hamburg und lässt das Modeln langsam auslaufen. Nächstes Kapitel: Sie beschließt Modedesignerin zu werden und gründet zusammen mit ihrem Lebensgefährten Ralph Larouette das Stricklabel „Viva“. Schnell avancierte der Shop zum Laden des Vertrauens wenn es um Strickpullover ging. Ihre Kundinnen fotografierte sie, direkt im Laden, wenn ihr die Modelle gefielen. Andie McDowell war Kundin, oder Fotografin Ellen von Unwerth (siehe Foto, r.) in jungen Jahren. Auch wieder eine abgefahrene Geschichte.
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25 Jahre lang läuft das Geschäft und Bettina entwarf zwei mal im Jahr 50 Modelle. Doch Ende der 90er-Jahre war Schluss. „Plötzlich gab es Prada, Gucci und H&M. Wir lagen irgendwo dazwischen. Und auf diesen Markt hatte ich keine Lust, das Geschäft sollte immer Spaß machen und es sollte nicht darum gehen, irgendwo mithalten zu können", gibt sie ehrlich zu. „Ich habe zu der Zeit schon leidenschaftlich gemalt und dachte, dass dann der Zeitpunkt perfekt sei, mich darauf zu konzentrieren."
Obwohl sie als Künstlerin erfolgreich ist, denkt sie ab und an daran, wieder zu modeln. Wie Eveline Hall zum Beispiel, die mit 71 Jahren und ihrer grauen Mähne big im Business ist. Ja, es gibt durchaus wieder einen Markt für Schönheiten jenseits der 60. „Ich seh doch für mein Alter ganz ordentlich aus, oder?“, fragt sie zwinkernd. Und wie. Und getreu ihres Mottos „Einfach ausprobieren" hat sie sich schon wieder in einer Agentur beworben. „Ich träume ja davon eine Nivea-Kampagne für die reifere Frau zu machen. Weil ich selbst mein Leben lang nur diese eine Creme benutzt habe. Das passt doch.“
Vom 13. bis 16. Juli 2017 wird Bettina Hagen ihre Ausstellung „Bilder für die Seele & für die Sinne“ in der Fabrik der Künste feiern. Zum ersten Mal präsentiert sie zusätzlich zu ihren beliebten Großformaten auch 1400 bemalte Bierdeckel.
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