Bill Kaulitz: „Mode sollte kein Geschlecht haben“

Für Bill Kaulitz ist Mode ein Mittel, um die eigene Persönlichkeit auszudrücken. Er inszeniert sich selbst immer wieder neu – zuletzt wurde er von Bryan Adams in Stilettos fotografiert. Jetzt launcht er seine erste eigene Modekollektion, die auch als Fan-Merchandise bezeichnet werden kann. Bedruckt und bestickt mit den Heimatstädten der Band, spiegeln die Sachen Songtexte, Tourdaten und die unterschiedlichen Charaktere der Jungs wider.
Denn wenn es nach Bill gehen würde, ist seine Mode für jeden tragbar und nur durch die Art des Stylings unterscheidbar. Im Interview verrät der sympathische Sänger, wieso Magdeburg ihn modisch mehr inspiriert als L.A., warum Mode kein Geschlecht haben sollte und weshalb man besser keine Looks von Influencern und Bloggern nachstylen sollte.
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Deine Kollektion ist eine Männerkollektion. Oder können wir Frauen die Teile auch tragen?
Die Kollektion ist unisex. Ich wollte die Klamotten unbedingt auch an Frauen fotografieren, da bin ich bisher nur noch nicht zu gekommen. Wir haben alle Größen von XS bis XXL. Es ist also nur eine Frage der Größe, nicht des Geschlechts. Die Cuts sind alle so gemacht, dass sie für Frauen und Männer funktionieren.
Kaufst du auch in der Frauenabteilung?
Ich kaufe überall ein. Für mich ist Mode nur eine Stylingsache. Das habe ich selbst schon immer so gelebt, deshalb war es für mich auch klar, dass meine Kollektion nur in Größen kategorisierbar ist.
Du selbst spielst gerne mit Geschlechterrollen. Woher kommt diese Leidenschaft?
Ich weiß nicht, ich glaube für mich war der Übergang einfach schon immer fließend. Ich mag Mode und probiere super gerne neue Sachen aus. Außerdem liebe ich Veränderungen, ich brauche das einfach. Mode war neben der Musik schon immer meine große Leidenschaft. Schon als kleiner Junge habe ich viel skizziert. Ich hatte damals nie Kohle für Klamotten und habe mir meine Sachen selbst genäht, um etwas Besonderes zu tragen. Ohne Geld muss man eben kreativ werden. Durch meine Musik konnte ich mir viele modische Träume erfüllen und mit großartigen Fotografen und Magazinen arbeiten. Für mich war immer klar, dass ich irgendwann selbst einmal etwas entwerfen will. Jetzt habe ich mal mit den Bandsachen angefangen.
Was ist der Reiz an der Verwandlung?
Für mich ist das ein Freiheits- und Lebensgefühl. Ich weiß eigentlich nie, was ich morgen anziehen werde. Es gleicht eher einer spontanen Intuition. Durch Veränderungen fühle ich mich aber wahnnsinnig lebendig. Bei dem Shooting mit Bryan Adams war es eine ungeplante Idee, mich in Frauenkleidung zu fotografieren. Diese hohen Schuhe waren so wahnsinnig unbequem und außerdem noch viel zu groß. Auch im Video, in dem ich als Dragqueen verkleidet war, kam der Regisseur ganz spontan auf die Idee, den eingeplanten Schauspieler gegen mich einzutauschen. Ich war sofort dabei!
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Das Verfassungsgericht hat vor kurzem die Einführung eines dritten Geschlechts gefordert. War dieses Urteil deiner Meinung nach überfällig?
Ja, das war in der Tat längst überfällig. Ich finde, heute identifiziert man sich einfach nicht mehr über das Geschlecht. Für mich gab es nie irgendwelche Schranken und Grenzen. Das Allerwichtigste ist, dass man sich immer wohl fühlt und authentisch bleibt. Das war für uns als Band auch immer wahnsinnig wichtig. Wir sprechen uns nie ab, wir verändern uns gegenseitig nicht und bleiben wir selbst. Die anderen beiden sind modisch gar nicht interessiert, die ziehen an, was sie wollen. Oft passen wir optisch gar nicht zusammen. Dann stehen wir zum Beispiel auf dem Roten Teppich und die Farben unserer Outfits beißen sich. Die Freiheit sich zu kleiden und zu designen, wie man will, ist Gold wert. Dafür sollte niemand verurteilt werden.
Ist das auch die Message deiner Kollektion?
Ja, ich glaube das ist die Message unserer ganzen Band. Das ist auch das, worüber wir viel in unserem Album singen. Der Songtext von Boy don’t cry steht ja auch auf einem Ärmel. Authentisch und frei zu sein ist das Allerwichtigste.
Gibt es Menschen oder Momente, die dich für deine Kollektion inspiriert haben?
Natürlich meine Band. Gerade weil wir alle so unterschiedlich sind, war es für mich die wichtigste Aufgabe, Stücke zu designen, mit denen wir uns alle wohlfühlen und identifizieren können. Ich wollte es relativ urban und simpel haben, tolle, weiche Materialien verwenden und trotzdem nicht zu teuer werden. Und ich habe es tatsächlich geschafft, dass wir alle die Kleidung gerne tragen. Wir stylen sie natürlich ganz unterschiedlich, aber sie funktioniert tatsächlich für jeden von uns.
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Wie würdest du deinen eigenen Stil beschreiben?
Extrem schwierig. Dafür bräuchte ich jetzt wahrscheinlich 10.000 Wörter. Auf jeden Fall total anders und rebellisch. Ich trage einen kleinen Rebellen in mir, der gerne Sachen ausprobiert. Das zieht sich schon immer durch meinen Kleiderschrank. Da ist dann auch meistens was dabei, wo andere Leute die Stirn runzeln und sagen „Das kann man doch nicht anziehen“.
Was rätst du Leuten, die ihren Stil noch nicht gefunden haben?
Wohlfühlen ist die oberste Priorität. Wenn man einfach blind Sachen von Bloggern, Influencern oder Prominenten nachstylt, funktioniert das nicht. Es passt nicht alles zu jedem. Gustav zum Beispiel kann ich auch nicht das Gleiche anziehen wie mir. Das Wichtigste ist, dass man rausgeht und ein bestimmtes Selbstbewusstsein entwickelt. Klamotten sollen ja die Persönlichkeit unterstützen. Man sollte sich nicht verkleidet fühlen. Den Rest muss man einfach ausprobieren.
Welches Kleidungsstück aus deiner ersten Kollektion liegt dir am meisten am Herzen?
Ich liebe die Bomberjacke. Das war ein komplizierter Prozess, die zu machen, weil ich wollte, dass man sie von zwei Seiten anziehen kann und sie hat zudem sehr viele Details. Man kann zum Beispiel die Patches vorne auswechseln. Das war die größte Challenge, diese Jacke so hinzukriegen, wie ich mir das vorgestellt habe. Auf die bin ich echt stolz. Und den Schal, den liebe ich auch.
In Magdeburg aufgewachsen, in L.A. angekommen und in Berlin nun der Launch deiner ersten Kollektion. Was haben dir die Städte jeweils modisch mitgegeben?
Magdeburg hat diesen sehr prolligen Style, der gerade zurückkommt. Daher kommen diese sehr steifen Stoffen in meiner Kollektion, die fast schon wie Neopren wirken. L.A. ist aus modischer Sicht für mich keine inspirierende Stadt. Da laufen ganz viele einfach in kurze Hosen und Flip-Flops rum. Es geht mehr um dieses Herkunfts- und Heimatgefühl, das wir in den beiden Städten gefunden haben. Berlin hingegen ist modisch wahnsinnig inspirierend, weil sich hier alles mischt. Hier dreht man sich ständig auf der Straße um, weil sich die Leute was trauen und viele Kulturen aufeinander treffen. Ähnlich wie in New York hat man in Berlin auch eine bestimmte Affinität zu Fashion. Außerdem muss man sich in Berlin für die Kälte rüsten und seine Klamotten layern. Das kann man mit meinen Sachen auch ganz gut.
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Können wir uns auf weitere Kollektionen von dir freuen?
Ja, auf jeden Fall. Das ist nur der Anfang. Ich werde regelmäßig ein paar Teile hinzufügen, aber keine neuen Kollektionen produzieren. Das wird mehr so eine Sammelgeschichte.
Die Kollektion ist im The Store im Soho House Berlin und online erhältlich.
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