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Teilzeitmädchen Berlins: Wenn aus Sebastian Jacky-Oh Weinhaus wird

Fummel und Kackstelzen, so nennt sie ihre Arbeitskleidung. Schwanzmädchen im kleinen Schwarzen, so nennt sie sich. Ohnehin sind ihre Begrifflichkeiten mal derb, mal bunt und lustig wie sie selbst.
FOTO: PHILIP Nu00dcRNBERGER
Wir treffen den 29-jährigen Sebastian in seiner Wohnung in Berlin Charlottenburg. 10:00 Uhr morgens, erst einmal Kaffee, bevor er sich in die edle Nachtgarderobe für uns schmeißt. Wir wollen dabei sein bei seiner Metamorphose, dabei sein, wenn er sich zu Jacky-Oh Weinhaus pinselt, tuscht und pusht.
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Seit 2008 fummelt er beruflich, erzählt er. Der Mädchenname erklärt sich leicht: „Am Anfang sah ich wie die originale Winehouse aus, mit Haarturm aus zwei Perücken und einer leeren Pepsi-Flasche und zwei schwarzen Strichen über den Augen. Der Name sollte ladylike sein, aber trotzdem kurz und keck. So kam das Jacky-Oh dazu."
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Transvestiten werden im Duden mit „Mann, der sich zum Lustgewinn wie eine Frau kleidet" erklärt. Sebastian ist ein schwuler Mann, der sich unter anderem berufsbedingt wie eine Frau kleidet. „Ich bin eine Berufstranse oder Funktionstranse", sagt er. „Die meisten Leute können mit dem Ausdruck Dragqueen etwas anfangen, ich selbst würde mich jedoch nicht so bezeichnen, weil ich dafür zu schüchtern angemalt bin. Unter dem Begriff Dragqueen stelle ich mir dann eher Olivia Jones vor. Figuren, die wirklich von oben bis unten Darstellung schreien. Die machen ihre Augenbrauen weg und lassen sich teilweise sogar Silikon in die Arschbacken polstern oder sowas. Ich dagegen mal mir einfach ein bisschen schwarzes Zeug um die Augen, meistens behalt ich auch meinen Bart und setze Plastikhaare auf."
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Und los geht's: Sebastian setzt sich an seinen Schminktisch, eine Vielzahl an Pinseln, Döschen, Fläschen, Kajal-Stiften, Lidschattenpaletten und Lippenstiften vor ihm. 45 Minuten wird es dauern, bis Jacky-Oh Weinhaus mit den langen Plastikwimpern in den Spiegel blinzelt. Zunächst grundiert er sein Gesicht, dann konturiert er und entscheidet, welche Farben er auf sein Lid streicht. Er zieht den Lidstrich bis zur Perfektion und krönt das Augen-Make-up mit den buschigen Fake-Lashes.
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„Travestie bedeutet steter Wandel. Das beginnt beim Make-up. Jedes Mal sieht es ein bisschen anders aus", flüstert er, nickt in den Spiegel und steht auf. Mit einem Treppchen geht es auf den Boden, den bekletterbaren Kleiderschrank: Auf einer Kleiderstange glitzern Kleidchen, in Schwarz, in Tiefgrün und dramatischen Pailletten. Daneben stapeln sich Kisten mit Accessoires und Perücken.
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Gerade liebt er den brünetten Bob – aber das ist eine Momentaufnahme. Mal sind die Haare rot, mal schwarz, mal gelockt. Sebastian greift nach dem kleinen Schwarzen, einer Nylonstrumpfhose, dem Bob, einem schwarzen BH und den Plastikbrüsten und steigt zufrieden das Treppchen zurück in sein Wohnzimmer.
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„Ich interessiere mich schon für Stoffe und Formen, manche Kleider sehen am Bügel schön aus, aber angezogen sehe ich einfach aus wie ein Mann im Kleid", sagt er lachend, greift sich in den Schlüpfer und versucht, seinen Penis zu verstecken. Er steigt in die Strumpfhose, zieht den BH an und polstert ihn aus. Weinhaus hat eine zierliche Figur und wunderschöne Beine, das schwarze Kleid und die voluminösen Locken vollenden ihren Look nun.
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Jacky-Oh ist witzig und kreativ, aber nicht oberflächlich. Auch wenn ihre Worte abstrakt oder ungewöhnlich sind, spricht sie ebenso ernste Themen an: „Fast täglich denke ich, ich befinde mich in einem ständigen Prozess, mich selbst zu finden. Bin ich gefangen als Mann, als Frau oder zwischendrin? Wo ist mein Platz?" So bezeichnet sie das Weibliche schon als einen großen Teil von ihr, das Männliche fände im Alltag allerdings ebenso statt. „Rein anatomisch lege ich Männliches an den Tag, auch wenn ich mich nicht als den Durchschnittsmann bezeichnen würde. Die Travestie hat mich gelehrt, dass es den schwulen Mann geben kann, der sich als Frau kleidet, aber in der Beziehung der Mann sein kann oder andersherum. Diese Welt ist eine glitzernde Wolke, die Spaß macht."
Jacky-Oh ist Dekoratöse im SchwuZ. Dem Schwulenzentrum, das seit 1977 den Facettenreichtum des Zwischenmenschlichen in Berlin feiert. „Als Ort des Aufbegehrens und der Emanzipation Schwuler und Tunten gegründet, arbeiten und feiern wir hier heute als Männer und Frauen oder nichts von beidem, als Queers, weiße Menschen, Bartmädchen, Butches und Femmes, Schwarze, Persons of Color, als Personen mit und ohne Behinderungen, Migrant_innen, Junge und Alte, Trans* und Inter*geschlechtliche und so viel mehr. Wir sind dabei schwul, lesbisch, bi- und a- oder vielleicht sogar auch heterosexuell", heißt es in deren Satzung. Mittlerweile bespaßt Jacky-Oh hier an einem Abend meist an die 1000 Gäste, trinkt Schnäpse und gibt das gut gelaunte Bartmädchen. Das SchwuZ ist ein Ort, der für und für den Weinhaus viel getan hat. Akzeptanz und Liebe tanzen dort mit.
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Ob das bunte Berlin nicht grundsätzlich ein freier und offener Ort für alle ist, wollen wir von Jacky-Oh wissen: „Selbst in Berlin ist man nicht vor Diskriminierung gefeit. Vor allem Typen in fetten Autos, pöbeln gern aus dem Fenster: ‘Blöde Schwuchtel, schwule Sau'. Im Sommer wurde ich bespuckt. Und ich lese das im Monatsrythmus, dass in Berlin an der Bar und Bahn Transen geschlagen werden." Sie selbst fährt im Fummel niemals alleine in der Bahn, das kann sogar in der extravaganten Hauptstadt gefährlich werden.
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„Mein ganzes Leben hier ist eine Anekdote: Berlin ist meine Perle und meine Hure zugleich. Es ist zehrend, zieht mir das Geld aus der Tasche und kann einen Leberschaden verursachen. Es ist aber auch vegan, hat die schönsten rosa Sonnenuntergänge und macht Spaß an der Spree", erzählt sie.
Sebastian kommt eigentlich aus einem Kaff. Aufgewachsen ist er zwischen Coburg und Bamberg im 5000-Einwohnern-Dorf. Hier wäre seine Lebenswelt undenkbar. Er hat ein gutes Verhältnis zu seinen Eltern, im Kleid haben sie ihn allerdings noch nie gesehen: „Spätestens dann bei der Hochzeit. Es ist ja sowieso klar, dass ich im Brautkleid feiere", sagt sie mit Glitzerwelt-Attitüde.
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Schon als Kind empfand es Sebastian als spannend, Sachen zu tragen, die dem Urteil der Gesellschaft nach mehr dem weiblichen Geschlecht zugeordnet werden. „Mit 3 Jahren habe ich mich zu Fasching als Ballerina verkleidet und wenn man von Klischees redet, könnte man diese Tutu-Erfahrung natürlich schon als Anzeichen sehen. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir noch nicht, dass ich Männer interessanter finde als Frauen – daher hab ich auch nicht gefragt: Ist mit mir etwas nicht in Ordnung?", holt Weinhaus aus. „Später gab es dann schon diese Beschimpfungen, weil ich nicht dem Stereotyp eines heterosexuellen Jungen entsprach. Ich spielte keinen Fußball, fand jedoch Barbiepuppen toll."
PHILLIP Nu00dcRNBERGER
Heute lebt und liebt sie, wie sie will, gehört im SchwuZ zum prachtvollen Inventar, travestiert in Kopenhagen, Wien oder gar Tel Aviv und bekommt die Aufmerksamkeit und Bewunderung, die sie braucht. „Solange du im Kleid bist, bist du der Star und alle lieben dich. Du hast Getränkebons und Gästeliste und erfüllst Musikwünsche", erzählt sie über ihren Job, der so schillernd ist – und gleichzeitig zehrend: „Vollzeit-Damendarstellerin wäre aber nichts für mich. Das wäre mir zu anstrengend. Man bekommt Rasurbrand, die Füße sind immer viel zu groß für die Schuhe, der Kopf schwitzt und juckt, die Titten rutschen und das Korsett ist zu eng, aber man liebt’s trotzdem."
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