„Mein Kleid will noch nicht ins Bett!“

Foto: Julia Malik
Kleider führen ein Eigenleben, das ist jetzt bewiesen. Ich wollte wirklich ins Bett gehen, aber mein Kleid hat nicht mitgemacht. Die Kleider wollen hinaus in die Welt, in die Nacht, da kann man ja gar nichts dafür. Ich wollte also gestern Abend nach Hause gehen. Früh. Ich wollte auch keinen Champagner mehr trinken. Ich wollte nach Hause. In die Badewanne. Kakao trinken. Und dann Zähneputzen und ab ins Bett. Dann acht Stunden schlafen. Gott, ich war so müde. Aber ich hatte dieses wunderschöne meeresblaue Kleid aus Samt von Perret Schaad angezogen und auf einmal schreit alles „Nacht!! Ausgehen!! Champagner!! Tanzen!! Gespräche!! Leute!!“ Das Kleid verlangte unbedingt danach, zum Defilee von Odeeh zu gehen, als wolle es die anderen schönen Kleider kennen lernen. Es wollte Limousine fahren und Limonade trinken. Nein, Spaß beiseite, dieses Kleid akzeptiert nur Champagner. Was soll man da machen? Es zerrte mich zu Bogner, und es war ganz wild darauf, ins Borchardts zu gehen zu Nicole Webers Dinner with friends.
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Foto: Julia Malik
Es ist aber auch besonders, dieses Kleid. Knöchellang und sehr weit, bis zum Hals geschlossen und mit langen Ärmeln. Dieses Blau, dieser Samt sind so schön, dass man es kaum aushält. Deswegen verleiht es Zauberkräfte. Dann ist man auf einmal nicht mehr müde, man ist schön und cool gezaubert worden und natürlich irrsinnig klug, ja, das vor allem, weil das Kleid alle herkömmlichen Hübschmacher absolut lässig ignoriert. Ja, also die Begeisterung für dieses Kleid führt zu Schlafverbot. Leider auch zu Selbstüberschätzung, was die Sache mit dem Alkohol angeht. Blauer Samt lehnt keinen kalten Champagner ab, das sollte man wissen. Er möchte sich auch unbedingt mit spannenden Leuten unterhalten. Auf einmal sitzt man also da. Fragt, antwortet, ist rasend interessant, eventuell sogar frech, aber blauer Samt bleibt charmant.
Es wird also immer lustiger, nur der Gedanke, wegen dieses Castings morgen nach Hause zu gehen, der hat sich in Rauch aufgelöst. Wahrscheinlich in dem einer herrlichen Zigarette. Ja, ja, so ein Kleid kämpft mit allen Mitteln, es weiß ja, wenn wir nach Hause gehen, muss es gleich wieder in den Kleidersack und morgen ab ins Atelier von Perret Schaad. Langweilig! Es macht mir Spaß, ein Kleid zum Leben zu erwecken. Also, dass mit ihm und mir zusammen etwas passiert, etwas Persönliches.

Das Chaos, die Arbeit, die Kinder und das Kochen schmecken viel besser, wenn man zwischendurch in Mode durchs Leben flackert.

Ich ziehe eine senfgelbe, lange weite Hose an, da sagt Johanna von Perret Schaad zu mir, also sie würde ja immer nur mit so einer Hose rumlaufen. Und einem T-shirt. Wenn sie so groß wäre wie ich. Aha. Na gut. Ausreden gibt es immer. Aber was ist mit meinen Leggins? Aber ihre tolle Hose muss ich einfach anziehen, ich fühle mich wieKatherine Hepburn und das ist ein gutes Gefühl. Und darüber aber noch ein langes enges Strickkleid, weil sie machen so viele schöne Sachen, wenn man jedes Mal nur eins von denen anzieht, kommt man da nie hinterher. Als ich am nächsten morgen zur Anprobe bei Dorothee Schumacher will, ist mein Sohn krank. Er hustet erbärmlich, ansonsten ist er aber extrem fidel. Er sagt: „Mama, so kann man nicht in die Kita gehen, die denken sonst, du kümmerst dich nicht.“ Er müsse jetzt für immer bei mir bleiben. Ich nehme ihn einfach mit. Ich weiß, Dorothee liebt Frauen mit all ihren Leben, alles gehört dazu, Kinder, Tiere, sie traut sich, glaube ich, alles.
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Foto: Julia Malik
Ich nehme den Nadelstreifenanzug. Anzüge sind meine Leidenschaft. Ansonsten probiere ich nichts an. Faulheit. Sieht aber toll aus mit dem Karomantel darüber. Mein Sohn hopst schlagartig gesundet auf dem Sofa. Hinter ihm, was ist das? Ein Fussballschal? Nein, sagt die Stylistin, das sei eine Decke für Hundebesitzer und Hunde, man kann sich drauf setzen oder sie sich umwickeln, beim ewigen Draußensein mit dem Hund. Dorothee hat eine Hundekollektion gemacht. DOG PARK steht auf dem dicken Stoff. Ich mag diese Decke. Ich werde sie mir umlegen, mit einem dicken Gürtel festgehalten und tailliert. Das sieht lustig aus. Auch toll. Nur lustig wäre ja auch blöd. Ich werde die weißen Mules dazu anziehen. Sonst braucht es nichts. Darf es auch nichts. Zuviel fühlt sich angestrengt an. Als ob man sonst gar nichts zu tun hätte im Leben, als sich um sein Aussehen zu kümmern. Es zu fütttern und auszuführen wie ein Tamagotchi. Also bloß nicht zu perfekt. Diese Gefahr besteht bei mir aber sowieso nicht.
Foto: Julia Malik
Es hat zu schneien angefangen und der Weg nach Hause, den wir jetzt laufen, wird zum großen Schneeballschlachtfeld. Ich habe Schnee im Kragen und in den Stiefeln. Dann zum Aufwärmen zu Hause eine Dunkelparty, die Rollos im Kinderzimmer sind unten und wir pogen zu Neuer Deutscher Welle. Die neueste Entdeckung meiner Kinder. Entweder bin ich noch verschneit oder schon verschwitzt, auf jeden Fall nicht perfekt, als ich zum Berliner Modesalon gehe. Das ist das pralle Herz der Berliner Fashion Week, alle da, toll, man kann rumlaufen und sich alles anschauen und ganz viel reden, es ist inspirierend. Ich bin von vielem dort hingerissen und gehe hinterher mit schwerer Tasche, so viele Karten von tollen Designern, die man alle mal tragen möchte. Aha, die Mode hat mich wieder.
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Wenn man in Federschuhen und blauem Samt unterwegs ist, besteht die Welt aus Gefahren und Hindernissen.

Danach komme ich aber unbedingt wieder zur Dunkelparty zurück, versprochen! Auf einmal freue ich mich wieder darauf, Mode anziehen zu dürfen. Darin, ich selbst zu sein. Und damit zu spielen. Dies beides schließt sich nur auf den ersten Blick aus, für mich gehören sie zusammen. Mit spielen meine ich vielleicht, etwas auszuprobieren, Tragegewohnheiten zu brechen, manchmal fällt einem das nur ganz spontan ein, während man das Haus verlässt. Und dann stimmt es. Doch lieber die grünen Birkenstocks zum pinken Overall als die rosa Pumps. Oder eben die Hundedecke als Schärpe.
Foto: Julia Malik
Mir gefällt ja gerade das Nichtfunktionieren dieser beiden Welten. Also das nicht miteinander funktionieren. Ich hüpfe mit meinen Federschuhen durch die Wohnung, die Federn sind Beute für die Katzen und meine Kinder, die langsam eigentlich ins Bett gehören. Draußen versuche ich, zu dem leisen schwarzen Auto zu gelangen, das mich abholt. Hundekacke, jeden Tag riesiger werdende Pfützen, dann noch herumliegende Weihnachtsbäume, ganz toll. Ich bin eingekeilt. Wenn man in Federschuhen und blauem Samt unterwegs ist, besteht die Welt aus Gefahren und Hindernissen. Im Wagen erstmal die eigene Verspätung innerlich entschuldigen. Dann der Verabredung schreiben, dann den Lippenstift anziehen. Ich bin jetzt schön. Ruhe. Augen zu. Träumen. Ich merke, das Chaos, die Arbeit, die Kinder und das Kochen schmecken viel besser, wenn man zwischendurch in Mode durchs Leben flackert. Kakao und Champagner schließen sich nicht aus, im Gegenteil! Alles hat seine Zeit.
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