"Ich sehe jung aus, bin klein und verdammt gut: So nimmt mich mein Chef endlich ernst"

Illustrated by Anna Sudit.
Mit Mitte Zwanzig auszusehen wie ein Teenager bringt durchaus seine Vorteile mit. An manchen Tagen wird mir der Schüler- und Studentenrabatt im Museum oder Kino förmlich hinterhergeworfen. Außerdem sind Menschen oft sehr viel gnädiger, wenn man Mist baut. Doch es gibt auch Nachteile: Vor allem am Arbeitsplatz wird man oft nicht ernst genommen.

In meinen späten 20ern habe ich als Redakteurin gearbeitet und wurde oft für eine Studentin gehalten, die gerade ihr Praktikum absolviert. Das ist nicht unbedingt hilfreich, wenn es darum geht, ältere Kollegen und Kolleginnen zu beeindrucken. Es hilft auch dann nicht, wenn man als Stellvertretende des Unternehmens auf Konferenzen oder zu Interviews geht. Die Frage ist jedoch, ob es nur meine eigene Wahrnehmung ist oder ob sich das Verhalten der Menschen wirklich nach meinem vermeintlich ersichtlichen Alter richtet?

Untersuchungen ergaben, dass das Aussehen und Auftreten einer Person definitiv Einfluss auf das Verhalten des Gegenübers am Arbeitsplatz hat. Fast alle Studien ergaben, dass die Testpersonen umso besser behandelt wurden, je attraktiver sie wirkten. Eine Studie konnte sogar einen Zusammenhang zwischen der Körpergröße und dem Gehalt herstellen: je größer, desto mehr Geld. Hannah, 34 und Journalistin, erinnert, dass es ihr mit Mitte Zwanzig nicht geholfen hat, klein zu sein und jung auszusehen. Das Gegenteil war der Fall: Ein älterer Herr auf einer Arbeitsveranstaltung verstand sie zum Beispiel als Kellnerin des Caterings, anstatt sie als Vertreterin des Gastgebers anzunehmen. „Auf einer anderen Veranstaltung wurde ich gefragt, an welche Universität ich ginge. Zu dieser Zeit war ich 27 und stellvertretende Chefredakteurin.“

Stacey, 28, arbeitet im Marketingbereich und ist zuständig für die Koordination von Corporate Events. Ihr junges Aussehen können auch bei der Arbeit viele nicht einfach sein lassen, erzählt sie. „Sogar Kunden, und zwar nicht wenige, fragen häufig bei meinen Kollegen nach, ob ich nur Praktikantin sei oder noch zur Schule ginge. Es ist wirklich unangenehm“, sagt Stacey. „Ich habe mittlerweile sieben Jahre Arbeitserfahrung, ich würde das gerne einfach anerkannt bekommen.“

Als Führungskraft musste ich meine Position stärker rechtfertigen als jemand, der älter aussah.

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Doch abgesehen vom gelegentlichen zwischenmenschlichen Fauxpas, kann es einem wirklich schaden, jünger auszusehen als man ist? Dr. Joan Harvey, Psychologin und Dozentin an der Newcastle Universität, sagt, es sei nur allzu menschlich, einander anhand von non-verbalen Merkmalen zu beurteilen. „Man nennt das die ‚zwischenmenschliche Wahrnehmung‘“, so Harvey. „Ob man es nun will oder nicht, wir alle kommunizieren neben Worten auch mit Körpersprache, Aussehen und weiteren Mitteln. Viele Kulturen legen außerdem sehr viel Wert auf das Alter. Sieht jemand älter aus, bringt man ihm oder ihr wesentlich schneller und ungefragter Respekt entgegen.“

Außerdem beruhen viele unserer Urteile noch immer auf Stereotypen, erklärt Jonny Gifford vom CIPD, der das Verhalten am Arbeitsplatz untersucht. „Wenn wir Informationen verarbeiten, bauen wir quasi interne Verknüpfungen, eine Art Abkürzung, um die Lücken zu füllen. Diese Verknüpfungen basieren oft auf Vermutungen“, so Gifford. „Das ist zwar eine Fähigkeit, die uns erst die Möglichkeit bietet, einigermaßen gesund durchs Leben zu gehen, andererseits ist sie eben auch eine große Quelle von Klischees und Voreingenommenheit.“

Neha, 27, arbeitet im Bereich der digitalen Medien und findet, dass ihr junges Aussehen ihr Verhalten bei der Arbeit, vor allem in führenden Positionen, beeinflusst hat. „Als Führungskraft musste ich meine Position stärker rechtfertigen als jemand, der älter aussah“, erinnert sie. „Man muss härter dafür kämpfen und daran arbeiten, ernst genommen zu werden.“ Doch auch das ist nicht zwangsläufig schlecht: Hannah zum Beispiel findet, dass sie gezwungenermaßen extrovertierter bei der Arbeit sein musste, weil man sie sonst kaum bemerkt, geschweige denn ernst genommen hätte.

Menschen, die klein sind, werden oftmals als sprühende Energiebündel wahrgenommen. Das sollte man für sich nutzen.

Michael Guttridge, Businesspsychologe und Unternehmenscoach, meint, dass man das Kleinsein durchaus zum eigenen Vorteil nutzen kann. „Menschen, die klein sind, werden oftmals als sprühende Energiebündel wahrgenommen. Das sollte man für sich nutzen“, so Guttridge. Es ginge dabei vorrangig um den eigenen Auftritt und den ersten Eindruck, den man hinterlässt, findet auch Dr. Harvey. „Die eigene Wirkung zu kennen und sich der Mittel bewusst zu sein, die man hat, kann den Effekt eines unverhältnismäßig jungen Auftretens ausgleichen“, sagt sie. „Wer selbstbewusst und sicher auftreten möchte, sollte beispielsweise einen aufrechten, durchgestreckten Rücken haben, die Schultern unten und den Kopf gerade halten. Als würde man Bücher auf dem Kopf balancieren wollen. Das verändert unmittelbar die gesamte Haltung und wirkt sehr viel souveräner. Im Laufe der Zeit werden die Menschen es auch merken, mit wem sie es zutun haben, wenn man ihnen den Raum zum Angriff erst gar nicht einräumt.“

Und wenn alle Stricke reißen, dann können wir uns immerhin länger über Geburtstage freuen als alle anderen. „Ich liebe es, älter zu werden“, erzählt Hannah im Gespräch. „Die meisten fangen an, es irgendwann nicht mehr zu mögen und sich gegen das Feiern zu wehren. Bei mir ist das anders, weil ich endlich ein Gefühl von Freiheit und Reife erlangt habe, als ich 30 wurde. Mittlerweile sehe ich auch nicht mehr so viel jünger aus als früher – und darüber freue ich mich ungemein!“

Über ein paar graue Haare und die ein oder andere Falte sollte sich doch jede von uns auch freuen können, ganz egal ob klein oder groß. Ein weiterer Grund also, das Leben ab 30 erst recht zu genießen. Das einzige, was dabei vielleicht ein kleines bisschen fehlt, ist der Studentenrabatt.
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