Warum wir uns selbst Homo, Schwuchtel, Kampflesbe oder Transe nennen

Photographed by Stephanie Gonot.
Ich war zehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal das Wort „Kampflesbe“ hörte. Das war ein paar Wochen, nachdem ich mit meiner Familie nach Kalifornien gezogen war, um näher bei meinen Großeltern zu sein. Ich saß auf dem Rücksitz des Autos meines Opas, während er uns zum „besten Mexikaner der Stadt“ fuhr. Als das Auto an einer roten Ampel zum Stehen kam, konnte ich zwei Frauen sehen, die beide ziemlich maskulin wirkten und gerade Händchen haltend die Straße überquerten.
Mein Großvater beugte sich über den Schoß meiner Mutter, um sein Gesicht so nah wie möglich an das Beifahrerfenster zu halten. Dann schrie er: „Scheißkampflesben!“
Ich weiß nicht mehr, wie die beiden Frauen reagierten – ob sie ihn ignorierten und einfach weitergingen, oder ob man einen Anflug von Schmerz oder Wut in ihren Gesichtern sehen konnte. Was genau ist eine Kampflesbe? fragte ich mich. Es schien etwas Schlimmes für ihn zu sein, wenn er dieses Wort mit so einer Wucht auf sie zu schleuderte.
Als ich meine Mutter später fragte, sagte sie mir, dass es ein Wort sei für Frauen, die andere Frauen liebten. Okay, dachte ich, es muss schlimm sein, wenn sich zwei Frauen lieben, wenn Opa das Wort, das sie beschreibt, so voller Hass sagt. Zehn Jahre später konnte ich nur schwer das Wort „homosexuell“ aussprechen, als ich meiner Familie und meinen Freunden erklärte, dass ich mich sexuell von Frauen angezogen fühle. „Lesbisch“ war noch schwieriger zu sagen, und „Kampflesbe“ schier unmöglich.
Menschen sagen oft, dass es uns Macht gibt, Wörter, die gegen uns verwendet werden, zurückzuerobern, und ich kann verstehen woher das kommt. Wenn wir selbst „queer“ oder „homo“ oder „Kampflesbe“ als einen zärtlichen Begriff benutzen, dann fühlt es sich so an als ob die Welt uns nichts mehr anhaben könnte. Es geht um die Umverteilung von Macht.
„Wenn du eine Beleidigung für dich beanspruchst, nimmst du der Person, die sie gegen dich verwendet, die Macht und behältst sie für dich selbst“, sagt Nicky Zamoida, eine lesbische Frau und Schriftstellerin aus Texas, die sich selbst wohl damit fühlt, sich als „queer“ oder als „Lesbo“ zu bezeichnen.
„Aber eine Community beansprucht Beleidigungen wie diese nicht über Nacht für sich, und manche von uns werden nie über die schmerzenden Erinnerungen hinwegkommen, die wir mit Wörtern wie ‚Kampflesbe‘, ‚Schwuchtel‘, oder ‚Homo‘ assoziieren.“ Sally McConnell Ginet, eine Linguistikprofessorin an der Cornell University, die für ihre Arbeiten über Gender und Sexualität bekannt ist, sagt, dass es zuerst Distanz von dem Wort selbst benötigt, um es erfolgreich zurückgewinnen zu können. Sie nennt als Beispiel „queer“. Für die jüngere Generation innerhalb der LGBTQ-Community ist es hart zu verstehen, dass queer einmal eine Beleidigung war. Das Wort wird nun sogar akademisch benutzt – mein Nebenfach in der Uni hieß Queer Studies – und es ist so allgegenwärtig, dass es nicht einmal hart klingt, wenn heterosexuelle Menschen es benutzen um ihre homosexuellen oder gendernonkonformen Freunde zu beschreiben. Ein paar ältere Menschen empfinden queer immer noch als ein beleidigendes Wort, weil es ihnen auf dem Spielplatz und auf dem Bürgersteig zugerufen wurde, um sie zurück auf ihren „richtigen“ Platz zu schicken.
Doch Beleidigungen sind nicht einfach zurückgewonnen, nur weil eine Generation weit genug davon distanziert ist, als dass sie ihnen hätte Schmerzen zufügen können. „Es gibt ein interessantes Statement von einer Person, die dabei geholfen hat ‚queer‘ zurückzufordern. Er sagte später, dass er sich nicht sicher ist, ob es das Richtige war, weil er viele ältere Aktivisten damit verärgert hat“, sagt McConnell Ginet. „Bei der Erfahrung, die sie mit dem Wort hatten, konnten sie sich nicht einfach so einer Protestbewegung anschließen, um gemeinsam zu rufen ‚Wir sind hier, wir sind queer‘. Es war einfach zu nah an persönlichen Erfahrungen dran, die sie im Laufe ihres Lebens gemacht haben“.
Und dann gibt es andere Menschen, die ein Wort nehmen, das direkt gegen sie verwendet wurde, und daraus etwas Kraftvolles schaffen. McConnell Ginet sagt, dass das Zurückfordern eines Wortes oft ein verbaler Mittelfinger für die Menschen ist, die das Wort voller Hass verwenden. „Es sagt „Schau, du kannst mich mit diesem Wort nicht verletzen““, sagt sie. „Es ist eine Trotzhandlung“.
Wörter zurückzuerobern, die uns einst suggerieren wollten, dass das, was wir fühlen und wer wir sind, falsch, krank oder ekelhaft ist, gibt uns Kraft. Doch der Weg dahin ist mit viel Arbeit und Mut verbunden. Noch bin ich nicht bereit dazu, aber eines Tages werde ich mich vielleicht hinstellen und sagen: „Hi, ich bin Kassie und ich bin eine Kampflesbe“.
Wir haben zwölf Menschen aus der LGBTQ-Community gefragt, was sie darüber denken, ehemalige Beleidigungen umzumünzen und für sich zu gewinnen. Das waren ihre Antworten.