#MeToo: „Konzentriert euch nicht nur auf die Promi-Schwänze!“

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Es fühlt sich an, als wäre das Meiste zur #MeToo-Thematik bereits gesagt. Und doch ist eine Komponente im Verlauf des Gesprächs meiner Meinung nach abhanden gekommen: Der öffentliche Diskurs scheint sich immer mehr um berühmte Täter zu drehen, Alltagssexismus wird weiterhin großzügig belächelt, die Folgen für nicht-prominente Täter und Opfer scheinen in den Schatten der Hollywood-Eliten zu rücken. Dabei gibt es sie, die grauenvollen Geschichten, und sie sind nicht weniger schlimm, nur weil sie nicht ebenso medienwirksam sind. Eigentlich möchte ich brüllen: „Konzentriert euch nicht nur auf die Promi-Schwänze!“
Sollte ich vielleicht die Geschichte erzählen vom Comedian, der mich ankündigen sollte und, bevor er irgendetwas anderes sagte, erwähnte, ich sei „zu heiß, um witzig zu sein“? Oder über den Betreiber eines Comedy-Clubs, der dem Publikum lauthals erzählte, er würde nach meinem Auftritt erst mal an meiner „Pussy riechen“ wollen? Sollte ich darüber schreiben, dass mich ein Club nicht mehr buchte, weil „solche Sachen immer dir passieren, Eliza“? Oder darüber, dass mir nach meinen Shows regelmäßig gruselige Gestalten teilweise bis nach Hause folgen? Sollte ich erwähnen, dass ich meist die einzige Frau in solchen Runden bin? Muss ich auch erwähnen, dass eine Freundin schon einmal keinen Auftritt bekam, weil sie nicht „fickbar“ genug sei? Oder die Geschichte einer anderen Freundin, die mit ihrem Schicksal häuslicher Gewalt an die Öffentlichkeit ging, während ihre Kollegen und männlichen Mitstreiter hinter ihrem Rücken verbreiteten, dass sie das lediglich ihrem Karriereaufstieg zuliebe tat? Oder muss ich explizit erwähnen, dass eine Comedy-Kollegin seltener gebucht und privat bedroht und beleidigt wird, weil sie in ihren Acts zu oft über Diskriminierung als lesbische Frau spricht?
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Ich möchte, dass wir jeden einzelnen Menschen zur Verantwortung ziehen, der beteiligt ist – nicht nur Hollywood-Produzenten und -Schauspieler.

Ich befürchte, dass sich niemand für diese Stories interessiert, weil keiner der Täter einen berühmten Penis besitzt. Aber die Schicksale sind dieselben, und ich möchte, dass wir uns nicht nur auf berühmte Täter konzentrieren, sondern dass wir unser eigenes Umfeld auch ganz genau unter die Lupe nehmen. Jede und jeder von uns.
Ich möchte nicht noch eine Geschichte über einen berühmten Mann schreiben, der seine Assistentin, seinen Praktikanten, seine Kolleg*innen oder sonst wen belästigt, vergewaltigt oder beleidigt hat. Ich möchte, dass wir uns auf die Frauen konzentrieren, die ihre Geschichten erzählen. Ich möchte, dass wir jeden einzelnen Menschen zur Verantwortung ziehen, der beteiligt ist – nicht nur Hollywood-Produzenten und -Schauspieler. Wir sollten über die Frauen sprechen, die einander zur Seite stehen und unterstützen, die sich Nachrichten und E-Mails schreiben, einander glauben und sicherstellen, dass jede von uns weiß, sie ist nicht alleine. Wir sollten über die Frauen sprechen, die Belästigung öffentlich anprangern, damit vor Gericht gehen, und ihren Job trotz Unglaube und Missgunst des Arbeitsumfelds weiter ausführen. Und über solche, deren Karriere nach öffentlichem Anprangern blockiert wurde und aufgrund dessen ein Ende fand.

Wir sollten darüber sprechen, dass wir immer wieder dazu aufrufen, Gewalt und Missbrauch zu melden, den meisten Opfern jedoch nicht glauben, wenn sie es dann tatsächlich tun.

Eine Minute lang soll es nur um Frauen gehen.
Ich bin wütend – wütend darüber, dass wir so viele Frauen nie sehen werden, weil sie ein Problem angesprochen und es deshalb nie bis ganz nach oben geschafft haben. Ich bin wütend auf mich selbst für jedes Mal, wenn ich stillschweigend dabei zugesehen habe, dass jemand eine Frau „verrückt“ oder „kompliziert“ genannt hat, obwohl ich wusste, dass das nur der Code war für „sie hat etwas nicht so gemacht, wie es jemand anderes wollte“. Ich bin wütend auf all die Männer, die mich öffentlich „verrückt“ und „kompliziert“ genannt, sich später unter vier Augen entschuldigt, somit aber nicht geholfen haben, den Schaden in der Öffentlichkeit wieder wett zu machen.
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Es macht mich auch wütend, dass es keinen eleganteren oder eloquenteren Weg gibt, über so etwas zu sprechen. Es fühlt sich an wie ein Spinnennetz aus Traumata. Ich möchte darüber sprechen, warum es uns als westliche Gesellschaft plötzlich kollektiv so umhaut, wenn es um berühmte Männer geht, die sich an anderen vergehen, wir aber dennoch weitestgehend still bleiben, wenn es um häusliche Gewalt geht. Wir sollten darüber sprechen, dass wir immer wieder dazu aufrufen, Gewalt und Missbrauch zu melden, den meisten Opfern jedoch nicht glauben, wenn sie es dann tatsächlich tun.
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Ich möchte auch darüber sprechen, dass die Comedy-Szene immer noch männlich dominiert ist. Und dass immer noch viele Männer weibliche Comedians nicht lustig finden, dabei verstehen sie vielleicht einfach die Witze nicht, aber auf die Idee kommen nur die wenigsten. Es gibt eine ganze Menge sehr erfolgreicher, männlicher Comedians, deren Humor ich nicht teilen konnte, ganz einfach weil ich nicht in ihrer Welt lebe und die Dinge nicht aus ihrer Sicht wahrnehme.
Ich möchte darüber reden, dass Frauen so lange so systematisch aus sämtlichen leitenden und nicht-leitenden Positionen rausgehalten wurden, dass wir uns erst den Weg bahnen und dann nach oben arbeiten mussten. All das, während wir weiterhin belästigt, bedroht, beleidigt und durch Neid und pure Frauenfeindlichkeit am verdienten Erfolg gehindert wurden. Ich möchte darüber reden, dass wir uns erst mal aus der männlichen Perspektive lösen und eine eigene entwickeln musste und noch immer müssen. All das braucht Zeit. Es braucht Zeit, bestehende Strukturen zu hinterfragen, Gedanken zu formulieren, etwas eigenes auf die Beine zu stellen. Und es braucht verdammt noch mal Zeit, den Mut zu entwickeln, etwas öffentlich anzuprangern. Und es braucht vor allem jemanden, der einfach zuhört und glaubt, was da gerade gesagt wird.
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Wenn du also noch einmal eine Geschichte hörst über Missbrauch oder Belästigung, denke nicht nur an die berühmten Gesichter. Denke an dein Umfeld, hinterfrage, was dort tagtäglich passiert. Denke an all die Frauen, die dich umgeben, und die wahrscheinlich auch schon die eine oder andere Form von sexueller Belästigung erleben und erleiden mussten. Und das Wichtigste: Höre ihnen zu und glaube ihnen.
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