Mein Sohn hat mit 5 Jahren Besseres zu tun, als lesen zu lernen

Dieser Artikel erschien zuerst am 28. August 2017 bei HuffPost.
Schon kleine Kinder sind oft starkem Leistungsdruck ausgesetzt. Viele Eltern wollen ihre Kinder bestmöglich fördern, aber überfordern sie dadurch. Eine Mutter appelliert nun in einem Facebook-Post an die Eltern, ihren Kindern Freiraum zum Ausprobieren zu lassen
Schon kleine Kinder stehen in unserer Gesellschaft unter einem hohen Leistungsdruck. Sie sollen ein Instrument beherrschen, Sport treiben und intelligenzfördernde Spiele spielen. Am besten sollten sie schon lesen oder schreiben können, bevor sie überhaupt in die Schule kommen.
Viele Eltern wollen ihre Kinder eben so gut wie möglich fördern - aber überfordern sie nur. Davor warnen Psychologen, denn der Erwartungsdruck setzt die Kinder hohem psychischem Stress aus.
Werbung
Der Ansicht ist auch Crystal Lowery, die Comedian und Mutter ist. Sie erklärt auf Facebook, warum sie ihrem fünfjährigen Sohn nicht das Lesen beibringt. Denn es gäbe erst einmal wesentlich wichtigere Dinge für ihn zu lernen.
Sie schreibt: „Ich bringe meinem fünfjährigen Sohn nicht das Lesen bei.“
„Versteht mich nicht falsch, wir lesen ihm ständig aus Büchern vor. Wir haben uns vorgestellt, in Willy Wonkas Schokoladenfabrik zu sein und wir sind schon auf Seite 170 von Harry Potters Die Kammer des Schreckens. Wir bringen ihm bei, Spaß an Geschichten zu haben, sich in den Charakteren zu verlieren.
Aber wir bringen ihm nicht das Lesen bei. Noch nicht. Er ist zu beschäftigt damit, andere Dinge zu lernen.
Er lernt, ein fairer Sportler zu sein: Darauf zu warten bis er in Candy Land an der Reihe ist und nicht schadenfroh zu sein, wenn er es vor seiner Schwester schafft, am „King’s Ice Cream Castle“ zu sein.
Er lernt, etwas zu bauen. Aus Klötzen, Stöcken und Lego-Steinen. Er fühlt das Gewicht der einzelnen Materialien in seinen kleinen Wurst-Fingern und begutachtet die Beschaffenheit seiner Bauwerke ganz genau.
Er lernt, zu üben. Er jagt den Hund, spielt Fangen, klettert auf Spielplatz-Geräte, tanzt (gut) und macht Karate (schlecht). Er wird seinen Körper lange Zeit brauchen, also baut er durch seine Aktivität Muskeln auf, statt den ganzen Tag am Schreibtisch zu sitzen.
Er lernt, auf Dinge aufzupassen. Durch Herumprobieren hat er gemerkt, was es bedeutet, ein Buch draußen im Regen liegen zu lassen oder einen Klumpen Play-Doh auf dem Tisch über Nacht. Er lernt, was passiert, wenn er sich mit einem vier Kilo Pekinesen anlegt.
Werbung
Er lernt, kreativ zu sein. Seine eigenen Bilderbücher mit Monstern vollzumalen und ein erfundenes Raumschiff mit Amazon-Kartons zu bauen.
Er lernt etwas über Ökosysteme. Er schaut sich Käfer an, Blumen und Gewitter. Er lernt, wie Flora und Fauna zusammenwirken.
Er lernt, dass der Schlüssel zum Glück ist, sich auf das konzentrieren, was man hat, statt sich über das zu beschweren, was man nicht hat.
Er lernt, wie man sich entschuldigt. Seine eigenen verletzten Gefühle zu bewältigen und sich in andere Kinder hineinzuversetzen, wenn es einen Streit gab.
Er lernt, zu vergeben. Zu verstehen, dass jeder Fehler macht und, dass er andere trotz ihrer Schwächen lieben kann.
„Er lernt jeden Tag wichtige Lektionen. Aber er lernt nicht, wie man liest.“
Und obwohl er nicht am ersten Tag in den Kindergarten mit fortgeschrittenen Lesekenntnissen kommen wird, wird er mit so viel mehr in den Klassenraum kommen.
Die Fähigkeit, neue Dinge auszuprobieren, ohne frustriert zu werden.
Die Fähigkeit, Freunde zu finden, obwohl Freundschaft auch mal eine chaotische Angelegenheit sein kann.
Die Fähigkeit, anderen zuzuhören und Anweisungen zu folgen.
Die Fähigkeit, Probleme zu lösen.
Die Fähigkeit, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren.
Es gibt so viele Dinge, die unsere Kinder lernen, die nicht von einem standardisierten Test gemessen werden können. Und obwohl er irgendwann sehr viel Zeit mit Phonetik, Handschrift und Bruchrechnen verbringen wird, machen wir uns heute noch keine Sorgen darum.
Heute muss er wichtigere Dinge lernen.“
Ihr Statement hat viele positive Reaktionen hervorgerufen. Andere Eltern schreiben, dass sie genau derselben Meinung seien, denn: „Die Erwartungen an die Kleinsten sind total unrealistisch. Können Fünfjährige nicht einfach Fünfjährige sein?“, kommentierte ein Facebook-User.
Werbung
Experten warnen vor Freizeitstress für Kinder
Experten fordern schon lange, Kinder einfach spielen zu lassen. „Viele Eltern versuchen, ihr Kind über sein Begabungspotenzial hinaus zu fördern“, sagte Kinderarzt Remo Largo der HuffPost. „Das ist aber nicht möglich.“ Damit würden Eltern ihre Kinder überfordern und sie verunsichern.
Diese falsche Förderung führe zwangsläufig zu einer Überforderung in der Schule und diese wiederum zu Misserfolgen, warnte der Mediziner.
Wenn Kinder sich schon in ihrer Freizeit gestresst fühlen, ist es nicht verwunderlich, dass sie unter dem Erwartungsdruck der Eltern und der Gesellschaft leiden. Denn was Kinder in ihrer Freizeit vor allem tun sollten, ist spielen und sich ausprobieren.
Werbung