Nach 28 Jahren sind meine Grundschulliebe und ich ein Paar

Sechs Jahre lang saßen wir zusammen in einem Klassenzimmer. Er: Der weißblonde Junge mit dem schüchternen Lächeln. Ich: Die Streberin aus der ersten Reihe. In der Grundschule hatten wir nichts gemeinsam. 28 Jahre nach unserem ersten Treffen sind wir ein Paar.
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Wie wir wieder zueinander fanden? Ausgerechnet über die Dating-App Badoo – und das, obwohl wir auch schon seit Jahren über Facebook vernetzt waren. Eigentlich war ich gar nicht auf der Suche nach einer neuen Liebe, er übrigens auch nicht. Meine letzte Beziehung war im März erst in die Brüche gegangen. Warum ich mich trotzdem auf Badoo angemeldet habe? Um zu schauen, was da draußen so los ist. Dass ich knapp einen Monat später über das Profil von Chris stolperte, war wohl Schicksal.
Ich hatte nach Leuten in meiner Umgebung gesucht – und plötzlich war er aufgetaucht. Interessiert schaute ich mir seine Bilder an, las mir seinen Profiltext durch und erfuhr, dass er Vegetarier war. Soweit, so gut. Und dann klickte ich das Profil versehentlich weg. Ups. Finden konnte ich es danach nicht mehr. Zum Glück aber wurde ihm angezeigt, wer sein Profil besucht hatte – und plötzlich hatte ich eine Nachricht in meinem Postfach. „Wen man hier so alles findet“, schrieb er mir im April. Das war der Beginn unserer zweiten Chance.
Wir tauschten sofort Nummern aus. Angst hatte ich keine, schließlich war er kein Fremder – auch wenn wir uns seit Jahren nicht gesehen hatten. Es folgten unzählige WhatsApp-Nachrichten und Sprachnotizen. Irgendwie war es komisch, nach all den Jahren seine Stimme zu hören. Aber er klang gut, erwachsen und dennoch überraschend vertraut. Ich erfuhr, dass er mich nie vergessen hatte.
„Du warst damals mein erster Kuss“, offenbarte er mir in einer Nachricht, die mein Herz zum Klopfen brachte. Erinnern konnte ich mich daran nur dunkel. Es war wohl in der fünften Klasse gewesen, auf der Geburtstagsfeier einer Mitschülerin. „Das war so ein Spiel. Ihr Mädels habt in einem abgedunkelten Raum gewartet und die Jungs kamen dazu – und dann hat jeder sich im Dunkeln ein Mädchen ausgesucht und musste sie küssen. Ich hatte dich“, kurbelte Chris meine Erinnerung an.
Für mich war in diesem Moment klar: Ich wollte ihn treffen – und zwar am liebsten so schnell wie möglich. Am 15. April war es soweit. Ich hatte mir genau überlegt, was ich anziehen wollte: ein schwarzes Kleid, Lederjacke und Ankle-Boots. Natürlich wollte ich hübsch aussehen, aber nicht übertrieben aufgedonnert.
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Das erste Treffen: Irgendwie fühlte es sich seltsam an. Verrückt, aufregend und so schön. Der Plan war es, gemeinsam spazieren zu gehen. Chris holte mich von zu Hause ab. Als ich in sein Auto stieg, klopfte mein Herz. Da saß er nun: Der Junge, den ich vor so vielen Jahren das letzte Mal gesehen hatte. Auch wenn der attraktive Mann, der mich da in Empfang nahm, mit dem schüchternen Jungen von damals nicht mehr viel gemeinsam hatte – zumindest äußerlich.
Ich umarmte ihn kurz, fing an zu plappern: „Schon verrückt, dass wir uns zuletzt vor 22 Jahren gesehen haben. Damals waren wir noch so klein und nun fährst du Auto.“ Er nickte und grinste – dabei kamen die wohl süßesten Grübchen der Welt zum Vorschein. (Hatte er die schon immer?)
Wir fuhren ans Wasser, spazierten und redeten. Alles ganz normal. Eigentlich. Denn immer wieder kam mir dieser Gedanke: Ist das hier wirklich real? Bist du wirklich auf einem Date mit Chrissy aus deiner Grundschule?
Denn das war es im Laufe des Abends geworden, ein Date. Und es lief gar nicht mal so schlecht. Ich erinnere mich, dass ich mich fragte, ob er sich wohl trauen würde, meine Hand zu nehmen. Er tat es nicht.
Dafür überraschte er mich am Ende des Abends mit einem flüchtigen Kuss, als er mich zur Haustür brachte. „Ich habe von dir meinen ersten Kuss bekommen – und jetzt vielleicht sogar den letzten“, sagte er und mein Herz fing erneut an zu rasen.
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Da standen wir nun: Der weißblonde Junge und die Streberin aus der ersten Reihe. Und das Prickeln zwischen uns war deutlich zu spüren. An diesem Tag bekam ich nicht nur einen Kuss, sondern auch die wohl süßeste Sprach-Nachricht aller Zeiten. Stotternd und nervös erklärte er mir, wie toll er den Abend gefunden hatte und dass er hoffe, wir würden uns bald wiedersehen. Da war er dann plötzlich wieder: Der schüchterne Junge – und ich wusste: Das mit uns könnte was werden.
Bis wir das Wort Beziehung jedoch offen aussprachen, vergingen noch einmal fast zwei Monate. Dabei trafen wir uns regelmäßig, lernten uns besser kennen. Es fühlte sich alles so vertraut an. Für meine Freundinnen war binnen kürzester Zeit klar: Ihr seid zusammen! Fast täglich hielt ich sie mit Updates und Screenshots unserer WhatsApp-Unterhaltungen auf dem Laufenden. „Wieso schreibt er mir nicht? Was, wenn er mich doch nicht mag? Und wieso war er gerade online und hat mir nicht geantwortet?“ Wie oft ich meinen Mädels diese Fragen gestellt habe – unzählige Male. Denn ich wusste genau, was ich wollte - Chris dagegen hat etwas länger gebraucht, um das ebenfalls zu erkennen.
Im Juni, einen Tag vor seinem Geburtstag, haben wir es endlich offiziell gemacht. Der Moment seiner Erkenntnis kam zwar im denkbar schlimmsten Augenblick aller Zeiten – aber zumindest wird er mir so ewig in Erinnerung bleiben. Ich saß an seinem Krankenhausbett in der Notaufnahme. Bereits am Abend zuvor hatte er mich gebeten, ihn ins Krankenhaus zu fahren. Der Grund: eine schwere Gallen-Kolik. Nun saßen wir erneut hier. Er mit Schmerzen, die ihm fast den Atem raubten, ich händchenhaltend und innerlich flehend, dass es ihm bald besser gehen möge.
Und dann war er da, dieser Moment. Mit Tränen in den Augen sagte er die Worte, die ich mir so sehr gewünscht hatte: „Es tut mir leid, dass ich dich so lange hab warten lassen: Willst du mein Baby sein?“ Von diesem Moment an waren wir ganz offiziell ein Paar.
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Seither hat sich viel getan. Ich habe seine Mutter kennengelernt, er meine Eltern. Die Überraschung war auf allen Seiten groß. Denn weder er noch ich hatten bis zu diesem Moment über den jeweils anderen gesprochen. Doch mein Vater erinnerte sich an den blonden Jungen aus meiner Grundschulklasse. „Du warst ganz ruhig und schüchtern und hast doch im fünften oder sechsten Stock eines Hochhauses gewohnt, oder?“, fragte er ihn. Wie und warum er sich das all die Jahre gemerkt hatte? Es ist mir ein Rätsel.
In wenigen Wochen wagen Chris und ich den nächsten Schritt. Seine Wohnung hat er bereits gekündigt – und das nach nur einem Monat Beziehung. Nun ja, zumindest offiziell.
Verrückt? Vielleicht. Wie es danach mit uns weitergeht – das wird die Zeit zeigen. Eine meiner besten Freundinnen sagte nach unserem ersten Date zu mir: „Ich habe ein gutes Gefühl bei euch. Wenn ihr mal heiraten solltet, werde ich seine Sprachnachricht auf eurer Hochzeit spielen.“ Ich wiegelte ab. Heiraten? Meinen ehemaligen Klassenkameraden? Das schien so weit weg, so völlig verrückt. Heute weiß ich: Verrückt ist manchmal gar nicht so verkehrt.