Ich lebe in Berlin & habe trotzdem keinen Bock auf deine Party

Für lokal ansässige Berlinerinnen und Berliner gelten zwischen Freitag und Sonntag mehrere Naturgesetze. Wer aus der U1 steigt, ist dazu angehalten, milde zu lächeln, weil man gerade mal wieder Leute aus dem Matrix kommen sieht. Fortgeschrittene sagen: Ach, Touris. Dann wird auch schon tief Luft geholt und sich stillschweigend in die Schlange vorm Berghain gestellt. Mittags, beste Zeit!
Wer eher abends unterwegs ist, steigt wahrscheinlich aus der U8 und betont laut, Muttergefühle für die Kids mit den hippen Sneakern zu entwickeln („Bei uns gab’s damals nicht ma’ Smartphones!“). Dann reiht man sich vorbildlich hinter ihnen in der Schlange vor der Hip-Hop-Party im Prince Charles ein.
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Außer man arbeitet in einer jungen Agentur, die sich gerade der glutenfreien Revolution eines Lifestyleprodukts verschrieben hat. Dann steht man wirklich schon nach Feierabend in einer Schlange, und zwar vor einem winzig kleinen Laden, in dem genau ein Bild des neuen Bio-Wodka Aloe Vera ausgestellt wird. Aber nicht einfach so, sondern als abstrakte Illustration auf einer Leinwand! Das Produkt selbst? Gab’s ja eigentlich, die Bar ist nur leider wirklich schon leer.
Ich gehöre zu ihnen – und trotzdem ist die einzige Schlange, in die ich mich um 9, 19 oder 9 vor zwölf Uhr freiwillig stelle, die bei Lidl an der Kasse.

Kein Liebesleben zu haben ist so normal wie ein Sternzeichen. Wenn ich aber erzähle, dass ich kein Nachtleben habe, herrscht abrupt Stille.

Berlin ist die Stadt, in der Feiern nicht die Kür ist, sondern die Pflicht. Wer auf „Wo gehst du immer so hin?“ – „Auf meine Couch“ antwortet, wird mitleidig angeguckt. Von Zugezogenen, in Berlin Geborenen und Besuchern. Also eigentlich allen. Sogar die Schwiegereltern wirken irritiert. In der Hauptstadt darf man in Jogginghose ins Büro, ohne Socken in den Supermarkt und mit einem Pony in die Tram. Kein Liebesleben zu haben ist so normal wie ein Sternzeichen. Wenn ich aber erzähle, dass ich kein Nachtleben habe, herrscht abrupt Stille.
Ich bekomme tatsächlich selten Schnappatmung, wenn ich Montags noch keinen Plan fürs Wochenende habe. Oder gar den kommenden Mittwoch. Überhaupt ist Wochenende ein sehr dehnbarer Begriff mit viel Platz zum Interpretieren. Das meiner Freelancer-Freundinnen und -Freunde beginnt zum Beispiel am Dienstag und endet Montagmorgen.
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Ich in einem Berliner Club (Symbolbild).
Ich gelte als seltsam, weil ich mir, ohne gerne auszugehen, eine Stadt zum Leben ausgesucht habe, die die ganze Welt vorwiegend zum Feiern besucht. Nicht mal „Remus Lupin als Verteidigung gegen die dunklen Künste-Professor“-seltsam, sondern arrogant-seltsam.
Antworte ich Kolleginnen und Kollegen morgens an der Kaffeemaschine auf „Was hast du am Wochenende gemacht?“ einfach „Nichts“ und beneine „Warst du nicht einmal aus?“ nachdrücklich, scheine ich zu suggerieren, von Freitag bis Sonntag mit einem guten Rotwein und kritischer Miene in meinem Vitra-Original aus den 1970ern zu verweilen. Darin sitze ich der Vorstellung meiner Mitmenschen zufolge, höre Free Jazz und lese Das Unbehagen der Geschlechter – nur unterbrochen von einem gelegentlichen Blick in die Instagram Stories der anderen, um stirnrunzelnd zu verfolgen, wie hedonistisch es gerade mal wieder in der Griessmühle zugeht.
Dabei behaupte ich nicht einmal, dass ich etwas Besseres mit meiner Zeit anstelle. Ganz im Gegenteil: Während ihr feiert, mache ich einfach gar nichts. Mein ideales Wochenende ist eine herrlich unverplante Zeitspanne, in der mir niemand sagt, was ich zu tun oder zu lassen habe. Vielleicht gucke ich Netflix. Vielleicht eine Phoenix-Doku über die Windsors. Vielleicht rewatche ich die erste Staffel des Bachelors. Vielleicht sortiere ich meine Kissen. Oder ich stecke 40 Wochen tief in einem Instagram-Feed und versuche penibel, nichts zu liken. Manchmal mache mir auch einfach eine Limo auf und schlafe dann glückselig vor 22 Uhr mit der Dose in der Hand und geschminktem Gesicht ein. Wie ein Disco-Nap, nur ohne Disco.
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Manchmal mache mir auch einfach eine Limo auf und schlafe dann glückselig vor 22 Uhr mit der Dose in der Hand und geschminktem Gesicht ein.

Das kann sehr befreiend sein – gerade in der Hauptstadt, in der auf die üblichen 99 Mittzwanzigerproblemen auch noch 99 Optionen pro Stunde treffen. Das Gefühlschaos der Abendplanung gleicht Silvester, nur eben täglich: alles offen halten, weil ja immer noch etwas Besseres um die Ecke kommen könnte. Dabei kann allerdings schnell etwas Essentielles abhanden kommen: Wir verlernen, was es heißt, Zeit mit uns selbst zu verbringen, die nicht unter Quality im Kalender vermerkt ist.
Den Kreislauf der Fear Of Missing Out zu unterbrechen, fühlt sich wahnsinnig entspannend an. Macht ihr mal, Me, Myself & I treffen uns Freitagabend auf der Couch für ein Nickerchen. Wir haben dieselben 24 Stunden wie Beyoncé und es liegt an uns, sie auf jeden Fall entspannter zu gestalten.
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