„Küssen? Überbewertet! Ich habe lieber gleich Sex als zu knutschen“

Eigentlich bin ich bislang immer davon ausgegangen, ich wäre mutterseelenalleine mit meiner enormen Abneigung gegen das Küssen, aber als ich neulich an einem gelangweilten Wochenende mal Google bezüglich meiner Misere bemühte, um dort nachzuschlagen, warum ich eigentlich so merkwürdig gepolt bin, war ich plötzlich ziemlich überrascht: Ich fand nicht nur eine Unmenge an Berichten und Artikeln zum Thema, sondern auch erstaunlich viele sorgenvolle Fragen von „Betroffenen” in diesen dubiosen Frage-Antwort-Foren, die man sonst nach Möglichkeit eher meidet. Das alles deutete vermehrt auf ein bestimmtes Level an Verzweiflung hin. Meinerseits natürlich auch. Ich las mich also ein paar Stunden in die French Kiss Theorien von wildfremden Internetnutzern ein und kam dabei nicht nur zu der Erkenntnis, dass es vielen Menschen genauso so geht wie mir und dass dieses Phänomen recht normal zu sein scheint, sondern ich wurde auch um eine große Zahl hanebüchener Theorien darüber reicher, was der genaue Grund für meine Abneigung gegen das Küssen sein könnte.
Dabei ist der Ablauf in diesen Foren eigentlich immer der gleiche: Eine Person macht sich Sorgen, dass sie vielleicht irgendwie anders sein könnte als der Rest, der voll gerne küsst, und wendet sich ratsuchend an die Fragegemeinde. Die Antworten fallen dann in der Regel zahlreich aus und suggerieren immer, dass eine Art Error vorliegen müsste. Entweder bei einem selbst, oder möglicherweise beim Partner, denn Menschen können sich offenbar nicht plausibel erklären, warum man jemanden nicht so gerne küssen möchte, obwohl man ihn nach eigener Aussage innig liebt. In ihrer Logik liebt man die Person eben nicht genug, das scheint allerdings eher eine fälschliche Schlussfolgerung von Hobbypsychologen zu sein, als eine haltbare wissenschaftliche Theorie. Dabei sind die meisten Experten in diesen Foren vermutlich nichts weiter als 17-jährige Jugendliche, ohne nennenswerte Beziehungserfahrung, aber mit umso mehr Langeweile und dekonstruktiven Charakterzügen. In keiner Antwort kommt jemals einer von ihnen auf die Idee, dass diese Abneigung unter Umständen normal sein könnte und dass Menschen unterschiedliche Vorlieben und Interessen haben können. Können sie nämlich. So einfach ist das.
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Person 1: Meine Freundin küsst nicht so gerne!
Person 2: Hast du vielleicht ein Magenproblem oder schlechte Zähne?
Ich für meinen Teil könnte vermutlich eher mit einer fremden Person schlafen als sie küssen. Zu groß ist die Hürde und das Nichtzulassenwollen von Nähe meinerseits. Das hört sich vielleicht für Gerne-Küsser komisch an, ich weiß, und ich fühle mich aufgrund dieser Tatsache manchmal wie ein Alien, für das das Küssen eine ungewohnte, viel zu intime Kulturtechnik darstellt. Was soll denn der ganze Firlefanz um das Rumgespucke?

Ich für meinen Teil könnte vermutlich eher mit einer fremden Person schlafen als sie küssen. Zu groß ist die Hürde und das Nichtzulassenwollen von Nähe meinerseits.

Pia Kernig
Dabei scheine ich mit dieser Frage gar nicht so alleine zu sein, wenn man Studien Glauben schenken will, die nachgewiesen haben, dass jeder Zehnte nicht gerne küsst und ich somit amtlich beglaubigt kein Alien zu sein scheine, sondern ein vollwertiger Mensch, der einer gar nicht mal so kleinen Minderheit von 10% angehört. Soweit so gut, schwierig wird es jedoch natürlich immer dann, wenn gesellschaftlich eine Art Kusszwang besteht, weil sich die Mehrheit der Menschen in unserem Kulturkreis stillschweigend darauf geeinigt habe, gerne die Zungen aneinander zu schmiegen. Das kann woanders auf der Welt schon wieder ganz anders sein und andere Kulturen neigen nicht zwangsläufig zum Zungenkuss, sondern nutzen andere Gesten der Zuneigung, wie beispielsweise das Streicheln der Wangen oder das Aneinanderreiben der Nasen, um sich nahe zu sein. Geht mir voll rein!
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In der gleichen Studie gaben übrigens auch 63% der Frauen an, lieber auf Sex verzichten zu wollen, als aufs Küssen. Bei den Männer waren es nur 37%. Sehr sympathisch in meinen Augen.
Die Wissenschaft scheint sich derzeit nicht recht einig darüber zu sein, was der eigentliche Grund für einen Kuss ist. Man geht davon aus, dass der Kuss eine Art chemischer Test ist, der Faktoren wie Fruchtbarkeit oder das Immunsystem des Gegenübers auschecken soll. Und genauso trocken fühlt es sich für mich auch an. Ein reines Auschecken. Immunsystem abklappern? Ohne mich! Wieso sollte man denn dann überhaupt noch küssen, wenn man auch einfach fragen kann, ob jemand häufig krank ist. Ein fortschrittlicher Lifehack!
Wissenschaftler gehen außerdem davon aus, dass wir beim Küssen unsere Augen schließen, damit wir andere Umweltreize ausblenden können und uns nicht vordergründig auf den visuellen Sinn konzentrieren, sondern auf die beim Küssen stimulierten anderen Sinne, wie beispielsweise Geruch, Haptik und Geschmack. Hinzu kommt, dass der Mensch bei einem intensiven Kuss etwa 15 Kalorien verbraucht. Das geht auf Dauer ganz schön ins Geld, wenn man da mit Essen gegensteuern muss.

Man geht davon aus, dass der Kuss eine Art chemischer Test ist, der Faktoren wie Fruchtbarkeit oder das Immunsystem des Gegenübers auschecken soll. Und genauso trocken fühlt es sich für mich auch an. Ein reines Auschecken. Immunsystem abklappern? Ohne mich!

Pia Kernig
Der Therapeut Scott Gornto nennt 5 Gründe, warum Paare nicht küssen:
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1. Ein leidenschaftlicher Kuss kann intimer sein als Sex.
2. Der Orgasmus ist das eigentliche Ziel von partnerschaftlicher Interaktion. Gerade im Alltag steht die bloße Befriedigung meist im Vordergrund.
3. Der Wunsch nach Intimität taucht möglicherweise erst auf, wenn man intim miteinander wird. Ein Paradoxon.
4. Ein Partner hat möglicherweise „Sexwunsch”, wenn er küssen möchte. Ein Eingehen auf den Kuss könnte als Einverständnis dafür gewertet werden.
5. Ein Partner ist möglicherweise ängstlich, der Kuss könnte komisch werden und vermeidet ihn daher.
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Wieder andere Theorien sind ziemlich pseudo-deep und finden sich vor allem in Foren, in denen Hilfe suchende Menschen nach Traumdeutungen und psychischen Ferndiagnosen heischen. Klar, in diesen Foren sind die Leute irgendwie immer so überpsychologisierend und birkenstockig unterwegs und behaupten, dass jedem, der nicht gerne küsst, Mutterliebe gefehlt hat. Soweit so gut, liebe Hobbypsychologen, denn die fehlte mir natürlich auch. Aber unter uns, wem fehlte sie denn nicht? Ich kenne nicht eine einzige fucking Person, die von sich selbst sagt, dass sie genau richtig viel Mutterliebe hatte und alles töfte ist und deswegen den ganzen Tag rumknutscht und Immunsysteme auscheckt. Am Bedenklichsten find ich bei diesem Erklärungsansatz, dass es als Normalzustand vorausgesetzt wird, dass alle Menschen die gleiche Vorliebe teilen. Küssen ist nur eine unter vielen Techniken des Jemanden-Nahe-Sein-Wollens.
Aber was genau unterscheidet denn eigentlich nun Küssen von anderen Techniken des Zusammenseins, wie Analsex, bei dem es wie selbstverständlich respektiert wird, wenn jemand daran keinen Gefallen findet. Dann kommt keine Analsex-Polizei und sagt dir, du wärst komisch, wenn du es nicht magst. Beim Küssen werten wir anders: Wer nicht gerne küsst, macht sich schnell verdächtig!

Beim Küssen werten wir anders: Wer nicht gerne küsst, macht sich schnell verdächtig!

Pia Kernig
Wenn wir an unsere Kindheit zurückdenken, kann es sein, dass einige von uns sich an die Abwesenheit von Körperlichkeiten in der Familie erinnern. Es gibt solche und solche Familien. Ich zum Beispiel kenne das Gefühl schlichtweg nicht, dass Eltern mich anfassen. Oder streicheln. Oder wir miteinander kuscheln. Dennoch fühlt es sich für mich nicht wie ein Defizit an, sondern markiert einen Normalzustand. Ich vermisse nichts, was für mich nicht zu meiner Normalität gehört. Ich bin kein körperlicher Typ und ich will es auch nicht unter Zwang werden und vortäuschen müssen, dass mich ein Kuss auf irgendeine Art und Weise besonders toucht. Tut er nämlich nicht. Mich hingegen erschrecken Menschen, die sich ständig umarmen, anfassen und die körperlich sehr eng miteinander sind. In meinen Augen Weirdos!
Wieso empfindet aber ein nicht unwesentlicher Teil der Menschen Küssen intimer als Sex? Vielleicht liegt es daran, dass man beim Sex jederzeit weggucken kann. Man kann ebenfalls wegatmen oder weghören. Den Kopf einfach ausstellen. Beim Küssen funktioniert das Ausblenden für mich nicht gut, denn dann wird der Kuss schlecht oder einseitig. Küssen gibt einem das Gefühl komplett ausgeliefert zu sein und verlangt 100% Aufmerksamkeit und Leidenschaft. So viel bin ich aber nicht bereit zu geben. Das ist nicht mein Style.
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Dabei blicke ich eigentlich auf eine lange Kusshistorie zurück. Ob im Kinderzimmer mit stundenlangen Trockenübungen mit meinen Teddybär, meinen Paddy Kelly Postern oder mit meinem liebsten Kusspartner: Meiner Armbeuge! Niemand hat mich jemals so gut geküsst, wie ich mich selbst! Vielleicht mag ich aber auch einfach keine anderen Menschen auf den Mund küssen. Der Mund und die Überstimulation sämtlicher Sinne sind mein Problem. Die Lösung liegt nahe: Könnten wir uns nicht einfach gegenseitig die Armbeugen küssen und den Rest sein lassen?

Küssen gibt einem das Gefühl komplett ausgeliefert zu sein und verlangt 100% Aufmerksamkeit und Leidenschaft. So viel bin ich aber nicht bereit zu geben. Das ist nicht mein Style.

Pia Kernig
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