Wie es ist, einen Tag nach einem Terroranschlag an diesem Ort zu feiern

Foto: Cloudy Zakrocki
Eigentlich gibt es nicht Schöneres im Arbeitsleben, als an einem Freitagmorgen aufzuwachen – noch ein paar Stunden, dann steht das Wochenende vor der Tür. Eigentlich ist so ein Morgen noch schöner, wenn man weiß, dass man nachmittags in den Süden fliegt, um dort den 30. Geburtstag des besten Freundes zu feiern. Eigentlich ist das auch etwas, worauf man sich seit Wochen gefreut hat: Sommer, Sonne, Rosé olé. Eigentlich.
Richtig scheiße ist es, wenn am Abend zuvor ein Terroranschlag am Reiseziel verübt wurde. Noch beschissener, wenn die Geburtstagsclique, die bereits angereist war, nur 300 Meter von dem Ort des Geschehens saß und alles live miterlebt hat. Auch beschissen, wenn man sich auf einmal fragen muss, ob man überhaupt anreisen soll, oder es doch zu riskant ist.
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Ich fliege am Freitag nach Barcelona, wo am Abend zuvor ein Lastwagen in eine Menschenmenge gerast ist. 13 Menschen sind dabei ums Leben gekommen – Ort des Geschehens ist Las Ramblas, die Partymeile Barcelonas und auch ich steige in den Flieger, um dort Party zu machen. Mein bester Freund möchte dort mit einer kleinen Gruppe aus alten und neuen Freunden seinen 30. Geburtstag feiern. Ein Trip, der seit Wochen geplant war, ausgerechnet an diesem Wochenende. Für mich steht außer Frage, dass ich die Tage mit ihm verbringen möchte, trotz der Gegebenheiten.
Für meine Mutter ist das unverständlich. Mehrfach ruft sie mich am Freitag an, bittet mich, nicht zu fliegen. Viel zu gefährlich sei es dort. In dem Moment, als ich ihre zitternde Stimme am Handy höre, denke ich nur, dass es gerade wohl der sicherste Ort der Welt ist. Gefühlt kann es überall jeden Moment knallen, auch vor meiner Haustür in Berlin. Aber dort, wo gerade etwas passiert ist, wird so schnell nicht noch einmal etwas passieren. So meine Logik.

Gefühlt kann es überall jeden Moment knallen, auch vor meiner Haustür in Berlin. Aber dort, wo gerade etwas passiert ist, wird so schnell nicht noch einmal etwas passieren. So meine Logik.

Am Gate am Flughafen Tegel in Berlin ruft mich eine Freundin an. Auch hier Unverständnis, wie ich denn fliegen kann, um auch noch einen Geburtstag genau dort zu feiern, wo sich doch vor einigen Stunden eine Tragödie ereignet hat. Ich fühle mich schlecht, vielleicht aber auch, weil man sich für so etwas eigentlich schlecht fühlen muss. Tief in mir drin trage ich seit Monaten die Gewissheit, dass der Terror um uns ist, ob wir wollen oder nicht. Und dass wir ihm mal ferner, mal näher sind. Eine Gewissheit, die man wünschte, nicht fühlen zu müssen, die in der Zeit, in der wir gerade leben, allerdings leider unumgänglich ist.
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Tief in mir drin trage ich seit Monaten die Gewissheit, dass der Terror um uns ist, ob wir wollen oder nicht. Und dass wir ihm mal ferner, mal näher sind.

Im Flieger rattern die Gedanken. Ich will leben, ich will keine Angst haben oder sie zumindest nicht zeigen. „Negativem muss man mit Positivem begegnen,” sage ich mir, schließe die Augen und versuche zu dösen. Die letzte Ruhe vor dem Sturm.
Am Flughafen El Prat in Barcelona scheint alles wie immer. Wuseliges Treiben, Sicherheitsdurchsagen, dass man sein Gepäck nicht unbeaufsichtigt stehen lassen soll und Menschen, die sich bei der Ankunft freudig in die Arme fallen. Ich steige in das schwarz-gelbe Taxi und frage die Taxifahrerin, wie sie sich fühlt. „Es ist traurig, was passiert ist. Aber so ist die Welt heutzutage und das Leben geht weiter,” sinniert sie vor sich hin. Ich bin ihre letzte Kundin, sie freut sich auf ihre Familie zuhause. Als wir in die Stadt hineinfahren, rollt neben uns ein Linienbus vorbei. Auf dem Vierersitz sehe ich vier junge Frauen, sie sind vielleicht Anfang zwanzig und lachen und freuen sich, als sie sich gegenseitig etwas auf dem Handy zeigen. „Als wäre nichts gewesen,” denke ich. Es quetscht sich ein Roller zwischen uns und den Bus. Darauf ein Paar, das Mädchen sitzt hinten. Als wir an der Ampel stehen, klappen sie das Visier ihrer Helme hoch und lachen über etwas. Ein freudiger Anblick, wie auch in den Momenten zuvor, in denen viel Freude steckte. Wieder denke ich, dass man Negativem mit Positivem entgegen treten muss. Das Leben rollt weiter, genau wie mein schwarz-gelbes Taxi.
Auch ich freue mich, als ich auf meine Freunde treffe. Mein bester Freund freut sich besonders, dass ich für 48 Stunden extra angereist bin und ich freue mich, dass ich an diesem Wochenende bei ihm sein kann. Wir kennen uns seit 16 Jahren, er ist einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben und ich würde um nichts in der Welt seinen 30. Geburtstag verpassen wollen. Auch nicht wegen eines Terrorakts. Abends gehen wir am Hafen essen. Als wir oben auf der Dachterrasse sitzen und mit dem ersten Glas Wein anstoßen, erzählen sie mir, was sie am Abend zuvor erlebt haben.
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Wieder denke ich, dass man Negativem mit Positivem entgegen treten muss. Das Leben rollt weiter, genau wie mein schwarz-gelbes Taxi.

Sie waren gerade beim Abendessen und saßen in einem gemütlichen Restaurant an Las Ramblas, haben über Gott und die Welt gesprochen und sich gefreut, dass sie im T-Shirt die Nacht genießen können, als auf einmal mehrere Menschen an ihnen vorbei rannten. Die meisten mit Handy am Ohr, alle mit aufgerissenen Augen. Sofort war klar, dass etwas passiert sein musste. Nur Minuten später rasten Polizeiautos so haarscharf an den Stühlen des Restaurants vorbei, dass es sie fast umgehauen hätte. Jetzt war klar, es ist etwas passiert.
Was genau erfuhren sie per Eilmeldung von deutschen News-Medien auf ihren Handys, kurze Zeit später auch vom Restaurantchef. Ein Lastwagen sei in eine Menschenmenge gerast, nur 300 Meter von dem Restaurant entfernt und die Einheimischen, Touristen und Gastronomen seien aufgefordert, nach Hause zu fahren und dort zu bleiben. Las Ramblas wurde komplett abgesperrt, nur Anwohner durften passieren, nachdem sie den Ausweis gezeigt hatten. Also zahlten meine Freunde, entschwanden dem Trubel, der Aufregung, dem ersten Schock und fuhren mit dem Taxi nach Hause.
Dem Schock gänzlich entfliehen konnten sie dort aber nicht, denn der saß tief. Den ganzen Abend über Stille, es wurde sich wenn dann nur leise unterhalten und nur über dieses eine Thema. Updates per Handy wurden sofort diskutiert und auch wenn die Gläser wieder mit Wein gefüllt waren, dachte keiner ans Anstoßen und Feiern.
Auch jetzt hier oben, auf dieser wunderschönen Dachterrasse, wird die Stimmung bedrückt, als sie es mir erzählen. Der Schock und das Unverständnis sitzt immer noch tief, so recht greifen, was da passiert ist, kann keiner. Die Gespräche lockern sich erst wieder, als zwei alte Kumpels aus der Heimat noch dazu stoßen, die später angereist waren. Sie bringen frischen Wind in die Runde und irgendwie sind darüber alle erleichtert. Wir trinken und reden und schnell ist es Mitternacht, der Kuchen mit Kerzen wird gebracht, die Kellnerin fängt plötzlich mit ihrer wunderschönen Stimme zu singen an und wir alle stimmen in ein freudiges „Happy Birthday” ein, fallen dem Geburtstagskind in die Arme und freuen uns, weil er sich so freut, weil wir alle hier zusammen sind und uns lieb haben.
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Später verlassen wir das Restaurant und laufen durch die verlassenen Gassen der Innenstadt Barcelonas zu einer Bar, die uns empfohlen wurde. Wir laufen durch eine Geisterstadt – kein Mucks, keine Musik, keine Menschen. Es herrscht absolute Stille, eine unangenehm drückende Stille. Auch in der Bar ist nicht viel los, aber die drei Barkeeper begrüßen uns freudig, es ist gemütlich und an den Tischen, die besetzt sind, lachen und freuen sich die Menschen. So richtig losgelöst sind wir aber trotzdem nicht, wir quatschen über dies und das, lachen auch mal, aber der steppende Partybär ist vergeblich zu suchen. Wir erzählen eher aus unseren Leben und von unseren Problemen, nur um dann schnell festzustellen, dass das gar keine Probleme sind, reden viel über Dankbarkeit, Familie, Freundschaften, Liebe und was wir uns für die Zukunft wünschen. Als irgendwann jemand aus der Gruppe wünscht, nach Hause zu gehen, gehen wir alle mit. Krawall und Remmidemmi ist heute nicht mit uns und das ist auch okay.

Wir laufen durch eine Geisterstadt – kein Mucks, keine Musik, keine Menschen. Es herrscht absolute Stille, eine unangenehm drückende Totenstille.

Große Aufregung dafür am nächsten Morgen. Wir sind alle ausgeschlafen, die Sonne scheint und wir haben eine große Überraschung für das Geburtstagskind geplant: Vier Stunden lang werden wir auf einem Katamaran verbringen, den wir gemietet hatten. Davon weiß der Neu-Dreißigjährige allerdings nichts, der mit Augenbinde ins Taxi gesetzt und ordentlich in die Irre geführt wird, bis sein Herzschlag vor lauter Aufregung fast seinen Brustkorb sprengt. Für uns anderen natürlich ein riesiger Spaß, den wir genüsslich auskosten. Als die Augenbinde dann vor dem Katamaran fällt, reißen wir die Hände in die Höhe und freuen uns, weil er sich so freut und die Überraschung gelungen ist. Der erste Schampus geht runter wie nichts, der zweite auch und beim dritten sitzen wir alle vorne am Bug des Katamarans, während wir aus dem Hafen hinaus schippern. Das Wetter ist traumhaft, die Sonne kitzelt uns auf und die leichte Brise um die Nase und wir sind glücklich, allesamt glücklich. Aus den Boxen läuft melodische Elektromusik, wir erzählen Anekdoten aus unseren Leben, wer wen wie von wo kennt, was wer wie wo erlebt hat und lachen und freuen uns des Lebens und des Moments.
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Die ersten drei Stunden vergehen wie im Flug, in der letzten Stunde, in der wir bereits wieder Richtung Festland zusteuern, setze ich mich an die vorderste Spitze des Katamarans. Der Wellengang ist nicht ohne und ich balanciere mit meinem Hintern auf gefühlt zwei Quadratzentimetern der Stahl-Seil-Konstruktion. Meine Beine baumeln freudig in der Luft umher, unter mir schwappen die Wellen an den Katamaran, vor mir liegt die Küste Barcelonas – und ich fühle mich frei. Selbst vom Meer aus liegt eine Ruhe über der Stadt, die mich selbst zur Ruhe bringt und mich in einen Strudel von Gedanken fallen lässt – über die Vergangenheit, die Zukunft, das Jetzt. Vor mir das glitzernde Blau und eine trauernde Stadt, in mir eine tiefe Dankbarkeit. Für alles, was bis zu diesem Moment war, für die Menschen, die alles bis zu diesem Moment geprägt haben und diejenigen, die vor allem mein Jetzt prägen und mir Kraft für die Zukunft geben.

Vor mir das glitzernde Blau und eine trauernde Stadt, in mir eine tiefe Dankbarkeit.

„Negativem muss man mit Positivem begegnen,” denke ich erneut und sehe auf einmal glasklar, dass das für mein eigenes Leben ebenfalls gilt. Ich schicke mentale Danksagungen ans Universum, fühle mich leicht und frei und erfreut. Das Leben ist schön, die Welt ist schön und jeder Mensch trägt eine innere Entscheidungsgewalt in sich, das Leben und die Welt noch schöner zu machen. „Darkness cannot drive out darkness, only light can do that. Hate cannot drive hate, only love can do that," sagte einst Martin Luther King Jr. und nie fühlte ich dieses Zitat so wie in diesem Moment. Es steckt in jedem von uns selbst, diese Welt zu einem besseren, schöneren und liebevolleren Ort zu machen. Und auch wenn das verkappt romantisch, naiv oder zu leicht daher gesagt scheint, so habe ich doch immer daran geglaubt, dass Liebe am Ende siegen wird und so will ich auch weiter daran glauben.
Den Abend verbringen wir wieder über den Dächern von Barcelona in einem neu eröffneten Member-Club. Es ist super gemütlich und wir sind von dem Tag auf dem Meer so tiefenentspannt, dass wir alle mit einem seeligen Lächeln quatschen, essen, trinken, lachen, sinnieren. Die Frage, ob wir noch ausgehen wollen, wird zwar gestellt, alle sind sich aber einig, dass der Tag genau so perfekt war und wir eine tiefe Zufriedenheit und ja, vielleicht auch Melancholie in uns tragen, die wir nicht zerstören wollen.
Am nächsten Morgen steigen meine Freundin und ich in ein schwarz-gelbes Taxi und fahren zum Flughafen Barcelonas. Schon vor dem Flughafengebäude müssen wir zwei Straßenbarrieren passieren, einer der Attentäter wird anscheinend noch gesucht. Im Flughafen scheint alles wie immer. Wuseliges Treiben, Sicherheitsdurchsagen, dass man sein Gepäck nicht unbeaufsichtigt stehen lassen soll und Menschen, die sich bei der Ankunft freudig in die Arme fallen. Als der Flieger später in die Luft steigt und Barcelona unter mir liegt, habe ich ein Lächeln auf dem Gesicht. Feiern ist an so einem Wochenende nicht möglich und das ist auch okay so, viele Menschen haben Angst und das ist auch verständlich. Aber Negativem muss man mit Positivem begegnen und das ist das, wonach ich lebe. Vielleicht wird sich diese Stadt und ihre Menschen nie von den Geschehnissen erholen, letztlich sind wir aber alle gemeinsam auf diesem Planeten, Negatives schweißt zusammen und zusammen ist man immer stärker als allein. Das Gute soll die Oberhand behalten, es liegt an uns.
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