Die eine Sache, die ich vor dem Sex machen muss, damit ich mich fallen lassen kann

Foto: Natalia Mantini.
Die Sex-Checkliste für die meisten sieht so aus: Parfüm drauf, Mascara drauf, die weiße Baumwollunterwäsche gegen IRGENDWAS anderes eintauschen, Miguel in die Playlist schieben, Kerzen anmachen.
Ich persönlich brauche gar nichts davon. Das Schlafzimmer verunsichert mich nicht mehr, und auch die Haare auf meinen Armen und mein hässlicher Riesenzeh können daran nichts ändern. Das einzige, was ich noch vor Sex mit einem Typen machen muss, ist jedes bisschen Make-up von meinem Gesicht zu entfernen. Egal ob es sich dabei um einen One Night Stand oder eine Langzeitbeziehung handelt, ich ziehe mich komplett aus (im Gesicht).
Das fing nach meinem ersten Mal an. Ja, der Sex war kurz und komisch, aber deshalb war es nicht schlimm. Stattdessen begrüßte mich nach meiner Entjungferung geschmolzenes Farbchaos im Gesicht. Foundation ruiniert, Mascara flockig, überall dunkle Flecken vom Eyeliner. Ich schämte mich so sehr. Ich wollte wie Marilyn Monroe, nicht Marilyn Manson aussehen. Also habe ich beschlossen, dass das nie wieder passiert.
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Wenn ich Freunden von meiner Null-Makeup-Toleranz erzähle, sind die immer völlig irritiert und entsetzt. Ich bin wahrscheinlich nicht die einzige Frau, die sich das Gesicht vorher wäscht (die meisten tragen doch überhaupt kein Make-up), und es gibt mit Sicherheit keinen richtigen oder falschen Weg, um Sex zu haben. Aber es gibt auf jeden Fall eine sehr weite Diskrepanz bei den sexuellen Vorlieben in meinem Freundeskreis.
Für mich sind Rouge- und Eyelinerabdrücke auf den Laken eine persönliche Form der Hölle; für andere sind sie die nötige Prise Selbstbewusstsein.
Bisher hat erst ein Sexualpartner mein Ritual kommentiert. Ein ehemaliger Freund hat sich darüber beschwert, wie lange es dauert, bis ich das Makeup abgemacht habe, und ist in der Zwischenzeit eingeschlafen – aber das hat mein Sexleben kaum beeinflusst. Tatsächlich haben mir die meisten Männer sogar Komplimente für die Sommersprossen gemacht, die normalerweise unter einer dicken Schicht Foundation verborgen liegen, oder meine langen Wimpern bemerkt. Ich brauche diese externe Validierung natürlich nicht, aber ich meine, schaden tut es mir auch nicht.
Es gibt viele Fetische, Gewohnheiten und Befindlichkeiten auf der Welt. Manche Leute lieben das Fitnessstudio, ich liebe es halt, kein Make-up beim Sex zu tragen. Ich glaube, weil die Handlung an sich schon so verletzlich und intim ist, will ich mich voll und ganz darauf einlassen. Ich will, dass mein Partner mich in meinen verwundbaren Momenten sieht, und das leichte, rosa Glühen auf meinen Wangen zu schätzen weiß.
Der große Vorteil von Sex ohne Makeup? Man muss sich danach nicht das Gesicht waschen und verkürzt somit nicht unnötig die Kuschelphase. Naja, aber aufstehen muss man trotzdem – verstopfte Poren sind ja eine Sache, aber Blasenentzündungen sind noch viel schlimmer.
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