Sex And The City hat mir unrealistische Vorstellungen vom Freelancen vermittelt

Foto: Photofest
Das Dokument mit dem Freelanceauftrag lag auf meinem Desktop in einem Ordner namens Wildlederoverknees. Sie kosteten um die 100 Euro, genauso viel, wie ich für einen meiner ersten, freien Texte verdiente. Damals ging ich noch zur Uni. Ich lebte in einer WG, die Miete teilten wir, ein Essen in der Mensa kostete drei Euro. Deshalb fuhr ich nach der Abgabe mit dem Fahrrad zum Schuhladen. Zehn Minuten später zog ich die Ladentür hinter mir zu. Äußerlich wirkte ich ruhig, in mir tanzten die Endorphine zu den Introklängen von Sex And The City und brüllten „Du bist Carrie Bradshaw!“
Ich war jung und sehr, sehr naiv.
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Wie die meisten Frauen meiner Generation bin ich mit Carrie, Miranda, Samantha und Charlotte aufgewachsen. Bei den Sexszenen in der Serie hofften meine Freundin und ich, nicht genau dann von ihrer Mutter nach den Hausaufgaben gefragt zu werden, wenn Samantha gerade auf jemandem saß. Wurde Carries Arbeit an ihrer Kolumne gezeigt, hing ich wie gebannt am Fernsehbildschirm. Sie ging mit ihren Freundinnen brunchen und trinken, beobachtete, wie sie sich glücklich und unglücklich verliebten, verliebte sich selbst und schrieb anschließend darüber.
Noch während meiner Studienzeit begann ich, als freie Journalistin zu arbeiten und selbst eine Kolumne für ein Magazin zu schreiben. Sie war vergütet. Geld für etwas zu bekommen, das ich liebte, fühlte sich an wie der Jackpot meines Lebens. Nun ist Berlin-Mitte nicht Manhattan und die Mensa nicht unbedingt das Balthazar, aber es ging schließlich um ein Lebensgefühl.
Ein Lebensgefühl, das eine fette Lüge transportiert.
An dieser Stelle wäre es einfach, vorzurechnen, wie unrealistisch Carrie Bradshaws Lebensstandard für eine freie Journalistin ist, die auch noch ausgerechnet an der Upper East Side lebt. Wer einmal einen Blick auf die Krankenversicherungsbeiträge geworfen, kurz den Mietspiegel überflogen und sich anschließend nicht panisch die Decke über den Kopf gezogen hat, werfe den ersten Designerschuh.
„Wie kann Carrie Bradshaw bitte dauernd draußen lunchen gehen, feiern, rauchen und in Gesellschaft von 48.000 Designerkleidern einmal pro Woche am Rechner sitzen?“ brüllen zu wollen, liegt nahe, wenn man nachts von seinem Dispo träumt und jeden Morgen einmal um den Mac tanzt, weil man Angst hat, dass sich die acht Jahre alte Mühle beim Hochfahren sonst versehentlich pulverisiert.
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Dabei wird ein Aspekt gerne übersehen: läuft bei Carrie. Wir wissen nicht genau, wie. Aber es läuft.
Werfen wir also unter diesen Voraussetzungen einen Blick auf die Zahlen: Thought Catalog schätzt ihr Honorar für die Kolumne im fiktiven Blatt The New York Star unter Berücksichtigung des New Yorker Arbeitsmarktes von 1998 auf umgerechnet 280 Euro pro Woche. Grundlage sind die damaligen Honorare des Observer, für den Sex And The City-Erfinderin Candace Bushnell schrieb.
Das ergibt 1.120 Euro pro Monat. Brutto. Man geht allerdings davon aus, dass Carrie im Hinblick auf ihre Steuern erstmal prokrastiniert.
Dann ist da noch der französische Architekt, der ihr in Folge 5 der ersten Staffel nach einem One-Night-Stand umgerechnet mehr als 900 Euro auf den Tisch legt.
Dem gegenüber stehen in Staffel 1 geschätzt folgende monatliche Ausgaben:
Zigaretten: 45 Euro
Cosmopolitans: 123 Euro (10,30 Euro pro Drink)
Brunch: 113 Euro
Schuhe 282 Euro
Taxi: 212 Euro
Telefon: 116 Euro
Gas: 56 Euro
Miete: 697 Euro (ja, 1998)
Noch nicht mit einberechnet: der Rest ihres Essens, Geschenke und Shopping.
So kommt Thought Catalog auf ein geschätztes Einkommen von aufgerundet 14.500 Euro in Staffel 1, dem umgerechnet ca. 20.500 Euro an Ausgaben gegenüberstehen.
Carrie Bradshaw war 1998 also im Minus. Überrascht uns das?
Natürlich hat sie sich den Titel Meisterin der Gönnung verdient. Carrie lebt über ihre Verhältnisse. Sie geht gerne mit Freundinnen aus, kauft sich den einen Drink zu viel und gibt Geld, das sie nicht hat, für ein Paar neue Schuhe aus. Klingt das wirklich so utopisch und fern? Oder führt Carrie Bradshaw nicht sogar ein Leben, das vielen von uns bekannt vorkommen dürfte?
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Thought Catalog führt das Rechenspiel weiter aus. Kreditkarten ohne Limit, die im New York der 1990er Jahre noch viel leichtfertiger vergeben wurden als heute, schaffen das Polster, das das Minus auf dem Konto für Carrie erträglich macht. Vermutlich sind sie sogar die Voraussetzung für ihren Lebensstil.
Dank sechs Staffeln und zwei Kinoabenteuern wissen wir außerdem, dass Carrie für ihr erstes Buch umgerechnet 23.250 Euro Signing-Bonus bekam. Jedes Buch war erfolgreich und es blieb nicht bei einem. Dazu schrieb sie in der Serie frei für die Vogue, wofür von Thought Catalog umgerechnet 3,70 Euro pro Wort anberaumt werden.
Charlotte streckte Carrie das Geld für ihr Apartment vor und sie hat ihr die Summe nie zurückgezahlt. Und dann wäre da am Ende noch die Hochzeit mit Mr. Big, dessen Kontostand auch nicht von schlechten Eltern ist. Das große Minus dürfte also nur von temporärer Dauer gewesen sein.
Das Problem ist nicht Carries Lebensstil, sondern ein Mindset, das Sex And The City begünstigt hat. Man könnte es Gönnung nennen und damit argumentieren, dass unsere Generation deshalb einfach nicht imstande ist, mit Geld umzugehen.
Doch es steckt noch etwas anderes dahinter. Sex And The City brachte den jungen Medienfreelancerinnen und -freelancern von heute das bei, was heute unter den Überbegriff FOMO (Fear Of Missing Out) fällt: Alles ist möglich, also kann ich mitmachen, obwohl ich es eigentlich finanziell nicht kann. Instagram trägt das Erbe vom erreichbaren Unerreichbaren weiter.
Was hilft? Sich klarzumachen, dass Traurigsein in einem Designerkleiderschrank nicht weniger wehtut als Traurigsein in einem mehrheitlich mit H&M- und Second-Hand-Kleidung gefüllten Kleiderschrank. Aber man fällt weicher. Und: Solange man sich entscheiden kann, sich die Vogue statt einem Abendessen zu kaufen, ist das Leben als Freelancerin oder Freelancer doch eigentlich ziemlich okay.
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