Warum wir Millennials gar nicht so unvernünftig sind, wie unsere Eltern immer denken

Foto: Erin Yamagata
Vernunft ist ein guter Ratgeber. Stimmt das auch heute noch? Oder leben wir freier, wenn wir das Privileg haben, unvernünftige Entscheidungen treffen zu dürfen? In dieser Reihe erzählen Mütter, Selbstständige und Studentinnen, welche Rolle Vernunft in ihrem Leben spielt.
„Was ist das für 1 Life?“ fragen sich viele Babyboomer und beäugen ihre Nachfolgegeneration kritisch. Es geht um uns. Eltern, Tanten, Onkel und Chef*innen machen sich Sorgen, weil wir scheinbar kopflos durchs Leben ziehen. Realitätsfern, vergnügungssüchtig, konsumorientiert, privilegiert, politikverdrossen, desinteressiert.
Die Suchergebnisse bei Google zur Generation Y sind ernüchternd und zeichnen ein klares Bild einer verzogenen, irrationalen Jugend. Während unsere Elterngeneration mittlerweile die Lorbeeren in Form einer sicheren Rente für ihre harte Arbeit erntet, scheinen wir vor allem „todesdrauf“ und selbstverliebt durch die Clubs zu tingeln und Pillen wie Lutschbonbons zu schmeißen. Das tun zu können, ist ein Privileg. Die Lebensrealität von vielen von uns sieht anders aus. Trotzdem wurde genau das zum Image unserer Generation. Unvernunft scheint der Normalfall zu sein: Wenn wir uns nicht gerade vom Wochenendkater erholen, planen wir eine mehrmonatige Auszeit vom Studium in Südostasien, streamen die neueste Serie auf Netflix statt den Tagesthemen Aufmerksamkeit zu schenken oder shoppen bis der Insta-Feed den gewünschten Lifestyle transportiert.
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Man machte uns weis, dass wir etwas Besonderes seien, und man gab uns mit auf den Weg, dass wir nur das tun sollten, was uns glücklich macht.

Uns wird nachgesagt, stolz auf unser Lotterleben zu sein. Und das trotz der vielen Warnungen, dass wir ohne Vorsorgeleistungen unsere und die Existenz unserer Umwelt gefährden. „Gönn dir“ beschreibt besser als „cornern“ oder „tindern“, wie der meist diskutierte Teil unserer Generation tickt. Adaptiert wurde die Redewendung vom Song „Wie kann man sich nur so hart gönnen?“, in dem Fruchtmax und Hugo Nameless rappen, wie sie sich dem Rausch hingeben und nach Lust und Laune leben. Aber sind wir Millennials wirklich so unvernünftig, selbstzerstörerisch und selbstgerecht, wie man es uns vorwirft?
Fangen wir bei den Babyboomern an. Vernunft hatte bei unserer Elterngeneration noch einen ganz anderen Stellenwert. Zwar wurden sie erst nach dem zweiten Weltkrieg und der Finanzkrise geboren, dennoch waren sie verantwortlich dafür, ein gesellschaftliches Grundgerüst zu schaffen, das zu unserem Wertesystem passt und die Grundrechte verteidigt. Ihre Eltern predigten ihnen, dass sie mit harter Arbeit zu finanziellem Wohlstand kämen und der wirtschaftliche Aufschwung der 70er bis 90er Jahre bestätigte das.

Die erste Instanz für Entscheidungen oder der Motor für unser Handeln war nicht die Vernunft, sondern das Gefühl, der Instinkt oder die Intuition.

Diese Entwicklung hatte zur Folge, dass wir, die zwischen 1980 und 2000 zur Welt kamen, häufig im gemachten Nest groß wurden. Man machte uns weis, dass wir etwas Besonderes seien, und man gab uns mit auf den Weg, dass wir nur das tun sollten, was uns glücklich macht. Wir sollten nach persönlicher Erfüllung streben. Immerhin taten sich mit dem finanziellen Wohlstand, der Globalisierung und dem technischen Fortschritt neue Möglichkeiten auf. Die Lebensentwürfe wurden flexibler. Die erste Instanz für Entscheidungen oder der Motor für das Handeln war von nun an nicht mehr die Vernunft, sondern das Gefühl, der Instinkt oder die Intuition. Damit sind wir groß geworden. Im Zentrum stand die Suche nach dem höheren Sinn für das Tun und Dasein mit dem Ziel der Selbstverwirklichung. Die Generation Y fragt nach dem „Warum“? Wir stellen diese Frage überdurchschnittlich oft, weil man uns dazu erzog, die Dinge nicht als gegeben hinzunehmen.
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Gern wird bei der Diskussion über uns als „missratene Jugend“ außer Acht gelassen, dass sich mit der veränderten Lebensrealität auch neue Herausforderungen aufgetan haben. Heute stehen Klimawandel, demographischer Wandel, Terrorismus, Geschlechtergleichheit, Massenmigration, Schutz unserer Grundrechte, Work-Life-Balance, ökologische Nachhaltigkeit und Political Correctness auf der Agenda. Gleichzeitig haben die Globalisierung, der technische Fortschritt und die steigende Bildung zwar für mehr Bewegungsfreiheit gesorgt. Doch diese Entwicklungen stehen automatisch der eingebläuten Überzeugung entgegen, dass uns die Welt zu Füßen liege.
Hier beginnt das Dilemma. Denn der oder die Einzelne hat an Wert verloren und es wird immer schwieriger, sich unter steigender Konkurrenz und inmitten des Informationsüberflusses zu behaupten. Wie sollen wir also Realität und Erwartung in Einklang bringen? Indem wir priorisieren. Die Aufmerksamkeit für die Sache mag durch Reizüberflutung schneller verfliegen. Dafür ist es für unsere Generation selbstverständlich, Ad-Hoc-Interessengemeinschaften zu bilden, die sich einem Problem widmen. Dieses Phänomen war deutlich erkennbar beim Engagement in der Geflüchtetenpolitik.

Wir testen und loten Grenzen aus, um nicht später sagen zu müssen, dass wir unsere Möglichkeiten nicht wahrgenommen haben.

Während die wohlstandsverwöhnten Babyboomer ihrer Rente und dem damit verbundenen neuen Lebensabschnitt entgegenstreben, ist die Zukunft unserer Generation ungewiss. Deshalb haben wir uns entschieden, für den Moment zu leben, weil wir es uns oft leisten können und unser Geld in Dinge zu investieren, die für uns aktuell von Nutzen sind. So sparen wir lieber für die nächste Reise, statten unsere WG oder Wohnung mit neuen Möbeln aus, gönnen uns eine neue Garderobe oder ein Auto. Immerhin kann uns niemand mit Gewissheit sagen, dass sich unsere Zurückhaltung bezahlt macht und ohnehin sind die Regeln von damals heute kein Garant mehr für Erfolg.
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Unsere Generation ist deswegen nicht unverantwortlich. Mit Blick auf eine unsichere Zukunft versuchen wir nur, das bestmögliche aus unserer Realität zu machen. Wir testen und loten Grenzen aus, um nicht später sagen zu müssen, dass wir unsere Möglichkeiten nicht wahrgenommen haben als sie gegeben waren. Wir lernen aus Fehlern und entwickeln Mechanismen, die unserer Zeit gerecht werden. Dafür müssen wir uns Schritt für Schritt von unserer Elterngeneration abnabeln und erkennen, dass wir nicht von Natur aus so besonders sind, wie uns immer gepredigt wurde.
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