Namastay At Home: Bitte hört auf, euch im Januar für meinen Sportkurs anzumelden

Foto: Winnie Au
Habt ihr euch schon mal gefragt, wer gemeint ist, wenn jemand „Immerhin habe ich noch mehr Würde als die Personen, die an der roten Ampel auf der Stelle joggen“ twittert? Ich zum Beispiel. Eine Joggerin, die drei Mal pro Woche vor einer vielbefahrenen Kreuzung neben wartenden Fußgängern auf- und ab hüpft und dabei auch noch ein Stirnband trägt. Schön, euch kennenzulernen.

Sport ist ein Hobby mit einem oberflächlich guten Image. Anders als bei Freizeitbeschäftigungen wie Backen oder Stricken, von denen das Umfeld profitiert, weil Kuchen warm ist und Wollsocken auch, lösen Sätze wie „Ich war heute Morgen beim Training“ allerdings in 90% der Fälle nur ein Gefühl bei dem jeweiligen Gegenüber aus: Schuld. Man sollte ja auch mal wieder. Sorgt Yoga nicht sowieso dafür, dass man nervige E-Mails viel ausgeglichener beantworten und außerdem exorbitant gelenkigen Sex haben kann? Sortiert sich die Acai-Bowl zum Frühstück quasi im Handumdrehen nach dem aktuellen Pantonefächer, sobald man vor Sonnenaufgang die Laufschuhe schnürt? Ach und überhaupt, der Rücken!

Diese Gedanken stapeln sich zu einem fragilen Jenga-Turm aus Gewissensbissen auf, der zwischen den Jahren mit einem Schlag von folgendem Entschluss zertrümmert wird: Im neuen Jahr wird alles anders. Ab dem 3. Januar um 8:00 Uhr, um genau zu sein. Dann beginnt mein Crossfitkurs. Statistisch betrachtet wird er von Februar bis Dezember um diese Uhrzeit im Schnitt von 4,2 Leuten besucht. Nur zu Beginn des neuen Jahres sind alle Plätze schon im Vorfeld restlos ausgebucht. Statt einträchtigem Schweigen beim Schuhe zubinden fühlt sich die Umkleide auf einmal wuselig an. Im Raum kämpfe ich um Matten und die Box, über die ich gleich springen soll. Mein Warm-up besteht daraus, bei Selfies im aufeinander abgestimmten Outfit nicht im Weg zu stehen. Später stehe ich vor den Duschen Schlange und atme tief ein und aus.

Dabei fällt mir zumindest auf, dass der Januar brutal und somit ein nur eingeschränkt empfehlenswerter Zeitpunkt ist, um überhaupt einen Vorsatz zu fassen – außer vielleicht, sich die Alltagsroutine Schritt für Schritt zurückzuerobern. Wer sich zwei Tage nach Silvester mit Dauerschlafmangel und einem zum Bersten vollen E-Mail-Postfach an den Schreibtisch geschleppt und sich bis zum Nachmittag geplant überkoffeiniert hat, um den ersten Bürotag des Jahres zu überstehen, weiß, warum.

Die Weihnachtsfeiertage sind das Berghain des Jahres und der Startschuss für zweieinhalb bis vierzehn Tage gezielte Eskalation. Ich glaube, dass die übermäßige Zufuhr an Kohlenhydraten, genügend Schlaf, mindestens einmal Dirty Dancing und ein gut gefülltes Glas kurz vor Sonnenuntergang am Nachmittag im Gehirn eine Reaktion auslöst, die die eigene Zukunft in eine Motivationswolke hüllt. Erholt, satt und leicht angetrunken kann man sich wahnsinnig gut vorstellen, ab nächster Woche eine Stunde vor der Arbeit ein schweißtreibendes Workout über sich ergehen zu lassen oder mit Stirnlampe zu joggen.

Dabei wird unterschätzt, dass das neue Jahr einfach nur die nächste Staffel ist. Die Geschichte geht weiter, die alten Charaktere bleiben und werden nur ganz, ganz selten eine generalüberholte Persönlichkeit. Wer sind wir eigentlich, dass wir uns dabei ein schlechtes Gewissen einreden lassen? Wieso soll eine Eins im Kalender der Startschuss in ein besser organisiertes Leben sein? Wenn man morgens lieber siebenundvierzig Mal snoozt, statt dieselbe Anzahl an Sit-Ups, Burpees und Boxjumps zu absolvieren, ist das vollkommen okay – solange man sich gut dabei fühlt.

Wer sich trotzdem mehr bewegen möchte, kann auch kleiner anfangen. Warum nicht einmal in der Woche zu Fuß von der Arbeit nach Hause oder zwei Bahnstationen extra gehen statt direkt ein Jahresabo im Fitnessstudio abzuschließen? Von dem gesparten Geld leistet man sich dann etwas, das wirklich glücklich macht. Eine Reise zum Beispiel. Oder eine kleine Auflage eines ironischen Sprüchekalenders über Joggerinnen und Jogger, die an der roten Ampel auf- und abhüpfen. Alles kann, nichts muss!
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