Schwanzvergleich läuft jetzt über das Badezimmer

Fotos: Pinterest 
Vor kurzem stolperte ich online über einen Artikel der Süddeutschen Zeitung. Der Titel lautete „Handseife als Statussymbol”, darunter ein Bild der allseits bekannten und beliebten Aesop Handseife (wer kennt sie nicht?). Herrlich, dachte ich bei mir, endlich spricht mal jemand aus, was mir schon die eine ganze Weile seltsam im Hinterstübchen festklebte: Wer heutzutage was auf sich hält, der hat mindestens eine Handseife von Aesop im aufgeräumten Badezimmer stehen. Es ist die nonchalante, subversive Art, allen Besuchern zu zeigen, wer man ist. Ein Mensch von Welt, mit gutem Geschmack und dem nötigen Kleingeld, um sich eine Drückerseife für 31 Euro auf den Waschbeckenrand zu stellen.
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Der Artikel widmete sich dann leider weniger diesem Phänomen, als mehr dem Produkt, doch mein Ehrgeiz war geweckt. Ich kramte Beobachtungen aus den tiefen meiner Synapsen hervor. Bilder der Badezimmer meiner Freunde erschienen vor meinem inneren Auge. Auch sie nicht selten Kinder der Branche, die genau wissen, wo der Frosch die Locken hat und mit welchen Artikeln sie ihre Gäste mit einem Gefühl der stilistischen Unterlegenheit aus ihren weiß gelfliesten Hallen entlassen. Alles ganz subtil, natürlich.
Da werden die hochpreisigen und stylischen Cremes und Tiegelchen auf Marmorplatten arrangiert. Daneben ein einsames Ginkoblatt in einem Apothekenfläschchen, das Toilettenpapier verschwindet in handgeknpüften Strohkörben aus dem Senegal. Die selbst gebauten Regale aus groben Treibholz beherbergen Drahtkörbe aus Kupfer, in denen, ordentlich aufgerollt, die Handtücher aus französischem Frottée untergebracht sind. Natürlich darf neben der Aesop Handseife die italienische Zahnpasta von Marvis nicht fehlen, in der Metalltube versteht sich. Vor dem Fenster baumeln kleine Sukkulenten in ihren Metallquadern vor sich hin und sehen einfach gut aus, während die Duftkerze von Diptique den Raum in einen olfaktorischen, aber natürlich ganz subtilen Traum von Zedernholz und Feigen taucht.
Wann sind Badezimmer eigentlich der Penis der Wohnung geworden, deren Vergleich zum immerwährenden Wettkampf ausgeartet ist? Ganz subtil, natürlich. Hose runter, Badvergleich, meine Freunde. Das Bad ist nicht mehr nur einfach der Raum, in dem du deine Hygiene betreibst und dein Geschäft erledigst, dein Bad ist der Spiegel deiner Seele und deines Geschmacks. Beobachtet doch auf Hauspartys mal die beeindruckten Gesichter derer, die gerade das Badezimmer verlassen haben. Man sieht es förmlich in den Köpfen rattern. Eine Mischung aus Anerkennung und Neid – den Onlinewarenkorb für's eigene Bad schon vor dem inneren Auge. Oder dieses wissende Funkeln in den Augen, dass da ebenfalls einer Teil der geheimen Handseifensekte ist. Die Aesop-Freimaurer.
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Ich kenne Menschen, die ihre leere Marken-Handseife mit Produkten aus der Drogerie wieder auffüllen und somit für wenige Euro die Illusion des Wohlstandes und guten Geschmacks aufrecht erhalten. Und wie ein Placebo bemerkt keiner den falschen Duft und Konsistenz der Kuckucksseife. Liegt es vielleicht daran, dass geschätzte 60 Prozent der Handseifen mit einer preiswerten Alternative gefüllt sind und eigentlich niemand mehr das Original kennt? Wir werden es vielleicht nie erfahren.
Nicht wenige Café und Bars müssen ihre Handseifen gar festschrauben, da frischgewaschene Langfinger diese sonst in ihre Taschen wandern lassen. Gleiches gilt für teure Duftkerzen. Die Kasse ausräumen war gestern, heute geht es dem Interior an den Kragen. Ganze Yelp-Bewertungen stützen sich gar auf die Ausstattung der Toilettenräume – da wird die Qualität des kulinarischen Angebotes schnell zur Nebensache.
Vor einer Woche ging es für mich nun endlich in die ersten eigenen vier Wände. Ich erwische mich dabei, wie ich Pinterest-Boards anlege und die Interiorshops nach passenden Produkten für mein neues Badezimmer absuche. Doch bitte verurteilt mich nicht. Ich bin ein Opfer der Umstände, denn auch ich muss nun mithalten. Mein Besuch soll sehen, hier wohnt eine Frau von Welt. Eine Frau, die Geschmack hat und die in der Modebranche arbeitet. Ganz subtil, natürlich. Ich bin ja kein Poser.
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