Spar dir dein „Lach doch mal“: Wie ein Leben mit Depressionen wirklich ist

Illustration: Assa Ariyoshi.
So lange ich mich erinnern kann, war ich trauriger und ängstlicher als andere Menschen in meinem Umfeld. Dazu kommt ein Hang zur Hypersensibilität, was die ganze Schose nicht unbedingt leichter macht. Oft wurde ich deswegen verarscht und ich dachte sehr lange, mich für meine Schüchternheit schämen zu müssen, was aber totaler Quatsch ist!
In meinem Leben gab es gute und schlechte Phasen, es gab Zeiten, in denen ich monatelang die Wohnung kaum verlassen habe und Zeiten, in denen eigentlich alles ganz okay war. Das nennt sich rezidivierende Depression und bedeutet nichts weiter als ein ständiger Wechsel zwischen depressiven und guten – keine manischen! – Phasen. Leider hat dieser Wechsel mich lange in dem Glauben gelassen, ich würde diesen Mist schon alleine besiegen können und müsse mir keine Hilfe suchen. Mir ging es ja immer wieder gut und in den guten Phasen neigt man auch dazu zu verdrängen, wie mies es einem in einer depressiven Phase geht. Es ist ein verdammter Teufelskreis.
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Viele denken, depressiv sein, heißt traurig zu sein. Ich kann hier natürlich nicht für alle Betroffenen sprechen, aber eine Depression ist so viel mehr als „nur“ traurig zu sein. Depressiv sein heißt oft, mit einem Gefühl der absoluten Hoffnungslosigkeit konfrontiert zu werden und sich von einem Strudel der negativen Gedanken oft ins Bodenlose reißen zu lassen. Klingt ziemlich mies, ist es auch.
Mit der Angststörung verhält es sich etwas anders, denn die ist – zumindest in meinem Fall – sehr situationsabhängig.

Und es hat Boom gemacht

Vor gut anderthalb Jahren kam die Krise. Ich hatte einen Job, den ich hasste, eine sehr schwere Trennung hinter mir und somit den Liebeskummer meines Lebens und befand mich auf gutem Weg in einen Burnout. Ständig litt ich unter psychosomatischen Krankheiten, unter anderem Morbus Meniere, das ist eine Krankheit im Innenohr, in dem es immer wieder zu extremen Drehschwindelanfällen kommt. Da fällt man dann einfach um und übergibt sich mehrere Stunden lang. Als ich dachte, es kann nicht schlimmer werden, starb der Liebeskummer-Mensch völlig unerwartet.
Meine Welt brach sprichwörtlich zusammen, denn es folgten diverse Nervenzusammenbrüche und ich entwickelte eine soziale Angststörung. Das heißt, dass ich nicht mehr auf Menschenmassen klarkomme. Parties, Foodmärkte, einkaufen bei IKEA – all das bereitet mir größten Stress, begleitet von Schwitzattacken, Schwindel und Herzrasen. Als ich eines Tages in meinem Bett lag und völlig grundlos eine Panikattacke bekam, beschloss ich endlich, mir Hilfe zu suchen.
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Hilfe suchen, Hilfe finden

Ich war elf Wochen lang in einer Klinik für Psychosomatik. Klinik, das klingt ja erstmal ziemlich krass, aber es war ganz ehrlich gesagt gar nicht so schlimm. Ich habe dort sogar Freunde fürs Leben gefunden. Ich war in einer Klinik, in der hauptsächlich Depressionen, psychosomatische Krankheiten, Burnout und Angststörungen behandelt werden, keine Psychosen. Die Zeit dort hat mir sehr geholfen und ich habe viel über mich gelernt: Gruppentherapien sind ätzend und ich kann ziemlich gut töpfern.
In Deutschland Hilfe zu bekommen ist ziemlich einfach und doch ziemlich schwer. Das Gute ist, dass prinzipiell die Kosten für eine Therapie von der Krankenkasse übernommen werden. Das Blöde ist, dass man sich aber selbst kümmern muss. Wer schon einmal in einer waschechten Krise gesteckt hat,weiß, wie unmöglich es ist, sich dann um sich selbst zu kümmern oder auch nur einfach ein Formular auszufüllen.
Es kann in Großstädten auch sehr mühsam sein, einen Therapeuten und eine Therapeutin zu finden. Kleiner Tipp, googelt einfach „psychologische Vermittlungsstelle” und eure Stadt. Dann findet ihr in der Regel etwas. Ruft dort an, denn die können euch helfen. So habe ich es auch gemacht, denn die Engel beim BIPP in Berlin haben mir die Klinik empfohlen und mir auch die Angst davor genommen. Ihr könnt aber auch eure Hausärztin fragen, was zu tun ist. Die kennen sich aus und haben oft auch gute Kontakte zu Psychologinnen. Wichtig ist nur: Auch wenn es sich so anfühlt, ihr seid nicht allein.
Wenn ihr eine Therapeutin gefunden habt, mit der ihr arbeiten wollt, habt ihr fünf Testsitzungen, in denen festgezurrt wird, welche Art der Therapie für euch passend ist. Dann müsst ihr euch einen Wisch bei der Hausärztin holen und die Therapeutin wird eure Therapie bei eurer Krankenkasse beantragen. Ein unabhängige Gutachterin wird dann entscheiden, ob eure Therapie genehmigt wird. Das klingt gruselig, denn diese Gutachterin hat euch ja nie gesehen und entscheidet nur aufgrund eines Berichts, den eure Therapeutin verfasst hat. Aber sagen wir mal so: Die weiß schon, was sie da reinschreiben muss. Wer Hilfe braucht, wird auch Hilfe bekommen. Ich renne jetzt übrigens für die nächsten zwei Jahre zweimal die Woche zur Therapie und quatsche über meine Gefühle.
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Depression und Freunde

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Seien wir ehrlich – Freunde treffen ist schwierig. Besonders mit meiner sozialen Angststörung, denn Freunde wollen sich gerne in Bars oder hippen Restaurants treffen. Da sind viele Leute, es ist laut, also ist das meine persönliche Vorhölle. Ich sage auch sehr oft Verabredungen in letzter Sekunde ab, weil ich plötzlich überfordert bin oder Angst bekomme oder müde bin oder mir plötzlich einrede, dass die mich ja eh nicht treffen wollen. Besonders die letzten 10 Minuten bevor ich das Haus verlasse, sind unerträglich. Auch wenn ich wirklich große Lust habe, meine Freunde zu sehen, setzt mich der Gedanke daran, gleich einen ganzen Abend DA DRAUSSEN abhängen zu müssen, unter großen Stress. Herzrasen und der Reflex abzusagen übernehmen dann das Kommando und gewinnen nicht selten den inneren Kampf.
Meine Freundschaften existieren teilweise nur noch theoretisch, denn nach dem dritten Mal absagen fragen die meisten nicht mehr, ob ich mich treffen mag. Einige haben aber nicht aufgegeben, sondern fragen kontinuierlich nach und diese Freunde treffe ich auch ab und zu. Ich denke aber nicht, dass das meine „einzig wahren“ Freunde sind, sondern dass sie einfach besser mit den ständigen Absagen meinerseits umgehen können. Wenn ihr depressive Freunde habt: Gebt nicht auf und fragt weiter! Auch wenn es Monate dauert! Die meinen es nicht böse. Und Sprüche wie „Es läuft doch eigentlich alles ganz gut bei dir”, „Lach doch mal!“ und „Geht es dir noch immer nicht besser?“ kann man sich auch sparen. Depressive Freunde sind übrigens durchaus in der Lage, richtig die Sau rauszulassen. Nur manchmal werden sie vielleicht ganz schnell sehr müde oder überfordert und müssen sich eine Runde hinlegen.

Depression und Beziehung

Kaum zu glauben, aber in dem ganzen Wust aus blöd fühlen und Panikattacken habe ich tatsächlich die Liebe gefunden. Nicht so ein Notnagel, sondern richtige Liebe. Eigentlich wollte ich mich auf mich und meine Genesung konzentrieren und dann kommt da einfach der perfekte Mann auf seinem blöden weißen Pony angetrabt und es war um mich geschehen.
Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich depressiv bin. Das war eine persönliche Entscheidung und soll keinesfalls eine Outingwelle auslösen. Für mich hat es sich richtig angefühlt und ich wollte niemanden kennenlernen und mir später anhören müssen, ich sei ja so kompliziert und dass ich das ja ruhig früher mal hätte sagen können. Bei mir gibt es keine Katzen im Sack, ich bin ein offenes Buch, das echt schwierige Passagen hat, aber manchmal auch leichte Lektüre ist.
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Ja, es gibt sie, die Momente, in denen ich an allem zweifle und am liebsten wegrennen möchte. Zum Glück habe ich einen sehr verständnisvollen Partner, der diese Zweifel und Heulattacken mit Rückenkrabbeln wegpuffert. Ich habe gelernt, dass eine offene Kommunikation über Ängste und Nöte hilft, Missverständnisse zu vermeiden und den negativen Strudel im Kopf nicht mehr strudeln zu lassen. Die Depression vernebelt nämlich manchmal den Blick und man phantasiert sich Beziehungsprobleme herbei, wo gar keine sind. In Beziehungen mit depressiven Personen wird es immer wieder Zeiten geben, die schwer sind. Diese zu durchleben lohnt sich aber.

Depression und Arbeit

Wie bereits erwähnt, hatte ich einen ziemlich blöden Job. Ich arbeitete für ein beinahe schon sektenartiges Startup, hatte unendlich viele Überstunden und war mit einer unlösbaren Aufgabe betraut. Irgendwann weinte ich jeden Tag an meinem Schreibtisch, woraufhin ich gefeuert wurde. Ich sei unglücklich. Aha. Ich habe diese Vögel natürlich verklagt und gewonnen.
Eine regelmäßige Lohnarbeit kann vielen Betroffenen helfen, da sie einen geregelten Tagesablauf ermöglicht und somit Struktur in den Alltag bringt. Ich habe es gehasst! Jeden Tag im gleichen Büro hocken und sinnfreie Arbeit zu machen war für mich unerträglich. Jetzt bin ich freiberuflich, arbeite wann und wo ich kann und bin viel glücklicher. Herauszufinden, was ich brauche, hat aber eine Zeit gedauert.
Der Schritt ins Ungewisse war sehr schwer für mich, da ich ja vor allem Angst habe. Das ist ein bisschen so, als würde man jemanden mit Spinnenphobie zwingen, eine Vogelspinne als Haustier zu halten. Nur eben ohne Terrarium und sie schläft mit im Bett. Zum Glück läuft es ganz gut, die Vogelspinne hat sich hervorragend eingelebt und ich bin nicht mehr so oft überfordert oder traurig. Ich kann selbst bestimmen, welche Aufträge ich annehme und welche nicht. Es war nach all den Jahren der harten Lohnarbeit einfach ein sinnvoller Schritt sich selbstständig zu machen. Ich funktioniere zu unchristlichen Zeiten am besten, nämlich ganz früh morgens. Da sind meine Akkus noch voll und ich bin nicht so ausgepowert vom Tag. Ich arbeite deswegen meistens von 7 Uhr morgens bis 16 Uhr mittags und danach ist Feierabend.
Ich habe außerdem neue Dinge gelernt und kann jetzt endlich das machen, was mir wirklich Spaß macht, auch wenn mir das eine Heidenangst einjagt. Aber ich sag mal so: Tschaka!
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