Zwischen Scham & Stolz: Was es bedeutet, sich als Trans*person am Strand zu zeigen

Die zwei Dinge, die mir als Trans*mensch dabei geholfen haben, meine ersten Male am Strand durchzustehen waren Alkohol und Laura Dern.
Das erste Mal war ich mit meiner Familie im Urlaub in Myrtle Beach, South Carolina, und hatte fürchterliche Angst. Ich steckte mitten in meiner medizinischen Transition, was bedeutet, dass mein Körper und meine Behaarung gerade ziemlich tiefgehende Veränderungen durchliefen, die zwar willkommen waren aber trotzdem auch etwas unangenehm. Meine Brüste wuchsen und ich konnte nicht länger als Cis-Mann durchgehen. Mitten in all dem fuhren wir an einen super konservativen Strand in den Südstaaten, was ich nur aushielt, weil ich größere Mengen Alkohol konsumierte, mich hinter meiner Familie versteckte und, wenn es gar nicht anders ging, im Hotelzimmer blieb.
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Der zweite Strand, an den ich fuhr war ganz anders: Jacob Riis Park in Far Rockaway, Queens. Riis ist schon seit langem als Auffangbecken für New Yorks LGBTQ Community bekannt und statt mich zu verstecken oder gegen meine Angst anzutrinken, schwamm ich oben ohne, in Shorts und einem Snapback Cap. Ich musste mich nicht darauf konzentrieren, meine Weiblichkeit zu performen oder als Cis-Mensch durchzugehen, um zu überleben. Ich erinnerte mich an ein Foto der Schauspielerin Laura Dern in Shorts am Strand, auf dem sie glücklich aussah und sich sichtlich wohl in ihrer Haut fühlte. So wollte ich am Strand aussehen. Tatsächlich fühlte ich mich an dem Tag so wohl, dass ich einen fürchterlichen Sonnenbrand bekam.
Jeder Mensch, der einen Körper hat, kennt das emotionale Triggerpotenzial von Stränden, Schwimmbädern, Seen und generell Orten, an denen es dazu gehört, Haut zu zeigen. Aber wir Trans*menschen haben noch ein paar Gründe mehr uns unwohl zu fühlen: Sind wir in Sicherheit? Entsprechen wir den cis-normativen Idealen, die uns auferlegt werden? Bringen wir uns in Gefahr, wenn wir unsere Körper zeigen?
Die Wahrheit ist, dass die Antworten auf diese Fragen in jeder Region, an jedem Ort und sogar an jedem Tag eine andere sein kann. Ein „Safe Space“ ist kein Sammelbegriff und obwohl es in großen, LGBTQ-freundlichen Städten wie New York Orte wie Riis gibt, müssen Trans*menschen an kleineren und konservativeren Orten ständig daran arbeiten und sich verbünden, um Safe Spaces zu finden und zu beschützen, Orte, an denen sie sie einfach sie selbst sein können, ohne den Erwartungen anderer gerecht werden oder Angst haben zu müssen.
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Um herauszufinden, welche Bedeutung Safe Spaces für Trans*menschen in den USA haben, ging ich im Frühling dieses Jahres auf einen Road Trip und machte Portraits von Freunden, neuen wie alten, an Stränden, Pools und Sonnenbadeplätzen in ganz verschiedenen Ecken der USA. Ich besuchte Connecticut, Georgia, North Carolina, Kansas City und Riis, und überall fotografierte und interviewte ich Trans*menschen.
Dieses Projekt machte mir mal wieder deutlich, dass ich als weiße Trans*person sehr privilegiert bin. Es ist ungerecht, aber als weißer Mensch genieße ich ein gewisses Level an Sicherheit, das nicht-weiße Trans*menschen nicht haben. Ich habe eine Stimme, die gehört werden sollte, die von meinen eigenen Erfahrungen berichten kann und in gewissem Maße auch von denen der Trans*community, aber ich möchte meine Geschichte, die einer weißen Trans*frau, niemals über die einer person of color stellen.
Auf meiner Reise hatte ich das Glück, die Geschichten einiger wunderbarer Menschen zu hören, die ich euch hier vorstellen will.
Anna Maltby führte die Gespräche. Die Interviews wurden redaktionell bearbeitet und gekürzt.
Anmerkung der Redaktion: Aus Gründen der Authentizität wurde der Begriff „Safe Space“ nicht ins Deutsche übersetzt, da er von jenen, die ihn auch im Alltag gebrauchen, auch in deutschsprachigen Regionen oft im Englischen belassen wird. Ein Safe Space ist ein expliziter Schutzraum, in dem sich marginalisierte Gruppen und Minderheiten sicher und aufgehoben fühlen können.
Jacob Riis / NYC
Foto: Lia Clay.
Foto: Lia Clay.
Sawyer DeVuyst, Künstler und Model in Los Angeles
„Meine glücklichsten Kindheitserinnerungen sind Momente beim Schwimmen oder in der Natur irgendwo am Wasser. Ich habe es immer geliebt, meinem Papa dabei zuzusehen, wie er an der Küste von Jersey in die Wellen gesprungen, dann wieder aufgetaucht ist, seine etwas spärlichen Haare zurückgeworfen und wie ein Wal das Wasser aus seinem Gesicht geprustet hat. Als ich nach meiner Brust-OP das erste Mal am Strand war, sprintete ich über den Strand, stürzte mich in die Wellen und kam lachend wieder hoch. Ich lief zu meinem Handtuch zurück und wiederholte das, bis meine Knie einknickten. Dieses Gefühl der Freiheit und Freude war etwas, das ich so noch nie gefühlt hatte. Fünf Jahre später ist es immer noch das erste, was ich tue, wenn ich am Strand bin.
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Ich strenge mich sehr an, eine positive Einstellung zu meinem Körper zu haben. Seit ich ein Teenager war, kämpfte ich mit unterschiedlichen Essstörungen. Ich habe immer noch schlechte Tage, aber ich glaube, dass es mir geholfen hat, in meine Trans*identität hineinzuwachsen, um mit diesen Gefühlen umzugehen. Selbstverwirklichung ist so wichtig: zu lernen, dass ich nicht mein Körper bin, sondern eine Seele, die in diesem, zufällig meinem Körper wohnt. Mein Körper ist einfach ein komplizierter und ziemlich beeindruckender Klumpen Haut, Knochen und Muskeln, der mir ein Zuhause gibt und es mir erlaubt, mich von A nach B zu bewegen, die Welt zu erleben, Menschen zu lieben und ihnen zu helfen. Festzustellen, dass ich auf diesen Körper aufpassen muss, damit meine Seele länger existiert, also Sport zu machen, zu essen und zu schlafen, um mich gut zu fühlen – das ist was zählt, nicht ob ich ein Sixpack habe. Warum muss ich so genervt von meinem Körper sein? Er funktioniert doch eigentlich ganz gut.“
Foto: Lia Clay.
Foto: Lia Clay.
Jorgie Cowan, Künstler und Aktivist in Amsterdam
„Der Strand sollte sich wie ein Zuhause anfühlen. Ich sehne mich danach, zur Erholung, aber auch spirituell. Aber wie viele Orte, die für mich ein Zuhause sind, wurde er kolonisiert. Das Ausmaß an Negativität in den sozialen Dynamiken macht es noch etwas schlimmer, wenn ich mich eh schon verletzlich in meinem Körper fühle oder unsicher damit, wie ich mich an diesem Tag präsentiere. Ich übe mich in Body Positivity und der Akzeptanz meines Körpers, und es ist leicht, das für andere ausstrahlen zu wollen, vor allem, weil ich selbst eine schwierige Reise mit meinem Körper hinter mir habe. Aber viele von uns müssen konstant versuchen unsere Körper von den Resten von Trauma und Selbsthass zu befreien.
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Als Trans*- und genderqueere Personen kann jede unserer Interaktion mit der Welt extrem kompliziert werden, wenn wir feststellen, dass unser Körper und Geist und die Art wie wir in ihnen manifest werden keinen Platz in unserer Gesellschaft haben, wir uns unseren Platz also selbst erschaffen müssen. Allies müssen sich an diesen Orten ihre Privilegien vor Augen halten. Sogar mit den besten Absichten habt ihr es vermutlich nicht geschafft, jedes repressive Verhalten abzulegen. Eure Unterstützung sollte sich um diese Themen drehen: Das Leben von Trans*personen zu verbessern und uns dabei zu helfen, Raum für unsere eigenen Initiativen zu machen, damit diese blühen und gedeihen können. Bleibt diesen Themen treu und benutzt euer Privileg als eine Plattform, mit der Intention uns auf dieser Plattform auch wirklich miteinzubeziehen.“
Foto: Lia Clay.
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Pierce Hughes, 23, Makeup Artist und Designerin in Brooklyn
„Sich am Strand auszuziehen kann für jede*n eine unangenehme Angelegenheit sein, aber wenn dein Körper von Cis-Menschen auch abseits vom Strand wie eine Kuriosität behandelt wird ist es noch ein bisschen schlimmer. Ich liebe es, am Strand zu sein und zu schwimmen, also ist es wirklich ein Traum, einen Ort wie Riis zu haben, wo meine Freund*innen und ich den ganzen Tag am Meer verbringen können, umgeben von anderen queeren Menschen und mit dem Gefühl, an einem sicheren Ort zu sein. Es ist nicht gerade schwer, sich gut dabei zu fühlen halbnackt im Sand zu liegen, wenn man seine Community um sich hat.
Ein Safe Space ist für mich jeder Ort, den marginalisierte Menschen für sich geschaffen haben um nicht länger in der Minderheit zu sein; sie geben Menschen Sicherheit, die sonst in der Öffentlichkeit mit der ständigen Angst vor Angriffen leben; Safe Spaces erlauben es marginalisierten Menschen, sich in der Menge widergespiegelt zu sehen und an einem Ort zu sein, wo sie verstanden werden und die anderen verstehen.
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Ich wünschte, Cis-Menschen würden verstehen, dass Trans*personen schön sind. Behandelt uns wie Menschen, nicht wie ein Schauspiel das zu eurer Unterhaltung existiert. Wir brauchen eure Anerkennung nicht, nur euren Respekt.“
Foto: Lia Clay.
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Ashley R.T, Yergens, 25, Dance Artist und Development Associate in Brooklyn
„Als Trans* Dance Artist in New York habe ich das Glück, mich jeden Tag auf eine positive Art und Weise mit meinem Körper auseinanderzusetzen. Wenn ich performe und mich bewege, fühle ich mich mutig. Für mich liegt viel Sicherheit und Macht darin, den Blick anderer auf mich zu ziehen—unter extrem speziellen von mir und für mich entworfenen Bedingungen. Leider kann ich dieses Gefühl der Freiheit und Macht nicht immer finden, wenn ich mich in der Öffentlichkeit befinde. Ich glaube nicht, dass öffentliche Orte Safe Spaces sein können.
In puncto Verbündete – wenn wir euch sagen, dass eure Party, eure Veranstaltung oder euer Arbeitsplatz kein Safe Space für Trans*menschen ist, dann ist er das auch nicht. Du, als Cis Ally hast kein Recht mir zu sagen, wo mein Trans*körper in Sicherheit ist. Nur weil du mit mir über meine Sicherheit gesprochen hast bedeutet das außerdem nicht, dass du den Ort zu einem Safe Space für alle Trans*menschen erklären kannst. Wir haben unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche, genauso wie ihr. Wenn ihr euch nicht sicher seid, ob ein Ort queer und sicher ist, dann sei ehrlich – klebt keinen ‚Safe Space‘-Sticker an die Tür, nur weil ihr denkt, dass das so richtig ist. Es ist mir lieber, wenn ich weiß, dass ich einen Ort betrete, an dem ich aufmerksamer und mutig sein muss, weil ich ein ziemlich selbstständiger Mensch mit beeindruckenden self-care Fähigkeiten bin.“
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Foto: Lia Clay.
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Leo Sherman-Avedon, 18, Künstler und Student in San Francisco und New York
„Der Strand war für mich immer ein Ort an dem ich mich frei fühlte, egal, wie mein Körper ausgesehen hat. Aber wenn es um Orte wie Schwimmbäder geht, gibt es viel Druck sich anzupassen und entspannt zu sein, zwei Dinge die für genderqueere Menschen sehr schwer sind, vor allem wenn wir neben Cis-konformen Menschen stehen. Aber ich glaube, dass meine Einstellung zu meinem Körper viel positiver geworden ist, seit ich mit der Testosteron-Therapie angefangen habe. Und ich bin ein großer Fan von Body Positivity und davon, Dinge zurückzuerobern.
Ich wünschte, Cis-Menschen würde klar werden, dass Trans* zu sein gar kein so großes Ding ist wie sie denken. Jede*r weiß, wie es sich anfühlt, irgendwo nicht so richtig reinzupassen.“
Kansas City
Foto: Lia Clay.
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Ada Brumback, 27, Filmemacherin, Fotografin und Musikerin in Kansas City, MO
„Als ich zum ersten Mal in der Öffentlichkeit einen Badeanzug trug der zu meinem Gender passte, war ich an einem privaten Strand in Rhode Island. Es war eine surreale Erfahrung. Nachdem ich mich an öffentlichen Badeorten mein ganzes Leben lang unwohl gefühlt hatte, war ich auf einmal unglaublich erleichtert. Ich war mit einer Band auf Tour und der Keyboarder hatte einen Familienfreund mit einem Strandhaus in dem wir bleiben durften. Jetzt fühle ich mich an solchen Orten viel besser, aber ich bin immer noch angespannt. Je weniger Kleidung ich trage, desto weniger fühle ich mich wohl. Sich in der Öffentlichkeit im Badeanzug zu zeigen kann sehr verletzlich machen.
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Weil ich immer so wachsam bin, muss ich mir einen Ort suchen, der ein bisschen abseits liegt oder weniger überlaufen ist, und ich habe immer etwas dabei, das ich mir überwerfen kann, sollte ich mich auch nur ein kleines bisschen unwohl fühlen. Es ist wirklich wichtig für mein Selbstwertgefühl, den Mut zu haben an solchen Orten zu existieren und ich glaube ich werde immer mutiger werden. Ich strenge mich immer an, besser zu werden.“
Foto: Lia Clay.
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Teddy Tinnell, 26, Kansas City, MO
„An den Strand zu gehen sollte eine fröhliche und erholsame Angelegenheit sein, aber für viele Trans*menschen ist es eher anstrengend und dysphorisch. Also Allies, helft euren Trans*freunden dabei sich ein bisschen weniger Gedanken um alles machen zu müssen! Macht ihnen Komplimente wegen ihrer schicken Badeanzüge, nach denen sie vermutlich tausend Jahre gesucht haben. Reibt ihre Rücken mit Sonnencreme ein. Erkundet die Toilettensituation. Erinnert sie daran, ihren strahlenden Trans*körper mit Wasser zu versorgen, wenn sie den ganzen Tag in der Sonne verbringen. Achtet auf Creeps. Teilt eure Wassermelone mit ihnen. Ihr wisst schon: passt aufeinander auf. Generell müssen Allies eine Nulltoleranzstrategie gegenüber Trans*misogynie haben. Behaltet das im Kopf und lasst euer Handeln und die Art und Weise wie ihr Raum schafft davon motivieren.
Ich glaube, dass der Begriff ‚Safe Space‘ irreführend ist. Kein Ort ist wirklich sicher. ‚Safe Space‘ beschreibt eine Art Vakuum, ein Raum frei von den Gefahren unserer misogynen, transphoben und rassistischen Welt. Aber die Standards für das, was ‚sicher‘ ist, werden oft den Empfindsamkeiten weißer Menschen entsprechend festgelegt. Ich versuche deswegen den Begriff zu vermeiden. Es ist extrem wertvoll, für und in der Trans*-Community Raum zu schaffen und zu halten, aber es gehört aktive Arbeit dazu, diesen Raum sicher zu machen. Es erfordert Wachsamkeit, Zuhören und Ehrlichkeit. Ich setze mich deswegen eher für eine sicherheitsorientierte Herangehensweise ein, aber da spricht vielleicht der Bash Back/EMT/Katzenpapa aus mir.“
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Connecticut
Foto: Lia Clay.
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Luan Joy Sherman, 24, Künstler in Brooklyn
„Seit ich angefangen habe, Hormone zu nehmen, fühle ich mich viel wohler in meiner Haut und nehme das Konzept der Maskulinität nicht mehr so wichtig. Ich mag es gar nicht, wie manche Cis-Menschen ihre Vorstellung davon, was es bedeutet ein Mann zu sein auf mich projizieren oder versuchen, mich wie einen Mann zu behandeln um mir Bestätigung zu geben oder weil sie nicht wissen, wie sie mit mir als Trans*mensch umgehen sollen. Ich sehe mich als Trans*mann, weil Trans* zu sein Teil meiner Realität ist. Ich habe kein Interesse daran, für Cis gehalten zu werden oder bestimmte Aspekte meiner Erfahrungswelt auszulöschen indem ich das ‚Trans*’ von meiner Genderidentität entferne.
Dies ist mein erster Sommer seit meiner Brust OP, es ist also das erste Mal, dass ich wirklich in der Lage bin schwimmen oder an den Strand zu gehen ohne mit Dysphorie zu kämpfen. Aber gleichzeitig habe ich diese Narben—die stören mich selbst zwar nicht, aber jedes Mal, wenn ich diesen Sommer schwimmen war, war mir sehr bewusst, wie Cis-Menschen auf meinen Körper reagieren. Ich weiß aber, dass die meisten so wenig darüber wissen, wie ein Trans*mann aussehen könnte oder was eine Mastektomie ist, dass es unwahrscheinlich ist, dass die Cis-Menschen, die mich anstarren eins und eins zusammenzählen können. Sie denken vermutlich, dass ich einen schlimmen Unfall hatte.
In dieser Hinsicht bin ich mir also darüber bewusst, wie sie meinen Körper als anders, als nicht ihren Normen entsprechend wahrnehmen. Ich bin stolz darauf, Trans* zu sein und spreche ziemlich offen über meine Erfahrungen, aber gleichzeitig weiß ich, dass mich das in Gefahr bringen kann, wenn ich an einem Ort als Trans* wahrgenommen werde, der cis-normativ und potentiell gefährlich ist. Ich sehe ihr Unwissen über meine Narben sogar als Segen, weil es mir viel lieber ist, dass sie mich verwirrt anstarren, als dass sie mich anstarren, weil sie wissen, dass ich Trans* bin und ihnen das nicht passt.
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Mein Körper ist inhärent queer und politisch. Es ist schwer, das jemandem zu erklären, der oder die nie viel über ihr Geschlecht nachdenken musste, sich an gegenderten Orten nie unwohl fühlte und in dieser Hinsicht den Normen entspricht.“
Savannah
Foto: Lia Clay.
Foto: Lia Clay.
Harper Cantrell (links), 21, Tätowierer in Savannah, GA
„Wenn ich schwimmen gehe, fühle ich mich noch unsicherer und dysphorischer hinsichtlich meines Geschlechts als sonst, weil Badekleidung weniger Haut bedeckt. Wenn ich vorhabe, schwimmen zu gehen, kann ich mich nicht in mehrere Lagen Stoff hüllen um die Körperteile zu verstecken, die meine Dysphorie auslösen. Bestimmte Dinge nicht verstecken zu können macht mir außerdem Angst. Was wenn die falsche Person, jemand voller Hass sehen kann, dass ich Trans* bin? Diese Gedanken habe ich in der Öffentlichkeit immer, aber noch stärker sind sie, wenn ich meinen Körper nicht verstecken kann. Ich wünschte, Cis-Menschen würde klar werden, dass mein Körper und mein Geschlecht nicht das Gleiche sind. Wie mein Körper oder der irgendeiner anderen Person aussieht oder welche Körperteile er hat legt nicht fest, wer wir sind.“
Cole Cameron (links und rechts), 20, Student*in in Savannah, GA
„Ich sehe meinen Körper als geschlechtslos—was befreiend ist und es leichter macht, meine physische Form als makellos zu akzeptieren. Es gibt keine Konventionen, an denen ich mich orientieren muss—genau so wie ich bin ist es richtig für mich. Alles an mir ist non-binary. Es ist egal, was andere denken; ich bin die Summe aller meiner verschiedenen Bestandteile.
Trotzdem fühle ich mich in der Öffentlichkeit oft unsicher und denke viel darüber nach, wie ich wahrgenommen werde. In den ersten Jahren, in denen ich lernte, mich mit meiner Genderidentität zurechtzufinden vermied ich es, mich am Strand oder im Schwimmbad aufzuhalten. Ich hatte das Gefühl, in der Öffentlichkeit gemustert zu werden und wusste außerdem nicht, was Attraktivität für mich bedeutete, weil nur die binären Geschlechter Standards haben anhand derer entschieden wird, welche Kleidung und welcher Style konventionell attraktiv sind. Aber seit ich mit letzterem klarkomme, empfinde ich mehr Trotz als anderes. Ich will, dass Menschen verwirrt sind—aber je offener ich mich in der Öffentlichkeit als Trans* zu erkennen gebe, vor allem an Orten, an denen man nur wenig Kleidung trägt, desto weniger sicher fühlte ich mich, vor allem hier in den Südstaaten.“
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Foto: Lia Clay.
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Rainé Rainé, 25, Perfomerin bei House of Gunt und Einkäuferin bei Civvies Reclaimed Clothing in Savannah, GA
„Ich war sehr jung, als ich das erste Mal am Wasser war und verbrachte in meiner Kindheit viel Zeit dort. Meine leiblichen Eltern akzeptierten, dass ich mich nicht an Geschlechter-Konventionen hielt. Der größere Druck, mich anzupassen kam von anderen Kindern. Ich war anders, weil ich behaart und etwas dicker war, einen Schnurrbart und kurze Haare hatte. Ich wusste, dass ich Trans* war, aber mir fehlten die Begriffe um zu erklären, wie mein Äußeres meine Identität beeinflusste. Jetzt weiß ich, wie ich mit diesen Dingen, die einen großen Teil meiner Sichtbarkeit als Trans*person ausmachen umgehen kann. Ich bin Widder und eine ziemliche Angeberin, sogar wenn ich mich bemühe nicht so zu rüberzukommen. Wenn ich also irgendwo bin, wo ich das Gefühl habe nicht akzeptiert zu werden, bin ich oft noch flashier. Als eine Person, die als Cis-Mensch durchgeht ist meine Ästhetik ein wichtiger Teil meiner Trans*identität. Ich bin eine Trans*person, prä-Hormontherapie und prä-Operationen, die Sexarbeit leistet und es liebt, schwimmen zu gehen und in der Sonne zu liegen, die alles was zum Leben am Strand oder Pool dazugehört liebt, also macht es mir Spaß, in einer nicht-sexuellen, sonnigen, nassen Umgebung knappe Kleidung tragen zu können.
Als ich jünger war habe ich viel stärker mit meinem Körperbild gekämpft als heute. Ich hatte lange Zeit ein gestörten Essverhalten, wollte immer dünner sein. Erst vor kurzem habe ich einen gesünderen und bewussten Weg eingeschlagen, um den Kreislauf der Schuldgefühle, der zu meinem verzerrten Körperbild beigetragen hat zu durchbrechen. Mit meiner Trans*identität ins Reine zu kommen hat es mir ermöglicht, auch die Teile meines Körpers als Anlass zur Selbstliebe zu sehen, die ich jetzt noch nicht oder vielleicht auch niemals ändern kann. Ich weiß nicht, ob ich mich mit Body Positivity identifizieren kann, aber Body Acceptance macht für mich Sinn. Ich denke, dass es als Trans*mensch wichtig ist, mir selbst den Raum zu geben, die Teile meines Körpers zu akzeptieren, die ich nicht mag, die mich verwirren, oder mit denen mich eine Hassliebe verbindet.“
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Foto: Lia Clay.
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taylor q, 21, Barista, Bäcker*in, Student*in in Savannah, GA
„Ich bin in einem extrem fundamentalistischen Umfeld aufgewachsen, weswegen es immer eine ziemlich anstrengende Erfahrung für mich war ins Schwimmbad oder an den Strand zu gehen, weil mir beigebracht worden war, Urteile und Sexualisierung auf meinen weiblichen Körper zu häufen. Als eine agender Trans*person ist es noch komplizierter, weil ich mich entscheiden muss, ob ich meine Körper verstecke oder zeige um so meine Genderdysphorie in Schach zu halten. Ich habe es auch noch immer nicht geschafft, die Gedanken an die Urteile anderer über meine Kleidung völlig abzuschütteln. Das kann ein ganz schön großer innerer Kampf sein und oft entscheide ich mich deswegen dafür, so ein Umfeld zu meiden.
Ich wünschte, Cis-Menschen würden verstehen, dass ‚mis-gendern’ nicht nur das Benutzen falscher Pronomen ist. Ich wünsche, Cis-Menschen würden verstehen, dass Trans* zu sein bedeutet, zu jedem beliebigen Moment in einen Kampf verstrickt zu sein und dass das so bleiben wird, bis Menschen verstehen, dass uns, unsere Identitäten und unsere Körper zu respektieren auch damit zu tun hat, wie sie ihre eigenen Körper sehen und mit ihrer Geschlechteridentität umgehen. Es fängt in unseren Herzen und Köpfen an, und kommt erst dann aus unserem Mund.“
North Carolina
Foto: Lia Clay.
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Kris, 22, Farmhelferin bei Bluebird Meadows, Carrboro, NC
„Meine Genderidentität ist fluid und ein bisschen steinig—genauso, wie die kleinen Seen in den Wäldern North Carolinas, an denen sich die Queer Community hier trifft. Ich glaube, dass das Konzept ‚Safe Space’ zu oft benutzt wird, aber zu wenig wertgeschätzt, weswegen es inzwischen kaum mehr als ein Buzzword ist. Was sich sicher anfühlt ist individuell unterschiedlich und erfordert von uns, zu unseren Bedürfnissen zu stehen und ehrlich darüber zu sein, was wir geben können. Ich persönlich bin inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem ich mich frage, ob ein echter ‚Safe Space’ überhaupt existieren kann. Aber vielleicht bin ich da zu pessimistisch. Wenn es so einen Safe Space wirklich geben sollte, wäre er in meiner Vorstellung völlig frei von binären Labels. Vielleicht stimmt in Gender-Fragen tatsächlich, dass man in der Menge geschützt ist—in der riesigen Menge verschiedener Genderidentitäten, denen man an queeren Orten begegnet. Sollte es ‚Safe Spaces’ tatsächlich geben, würde ich sie mir als einen Ort vorstellen, an dem jede Person sich verpflichtet, sich bewusst zu machen, dass die facettenreichen Identitäten jedes*r Einzelnen unterschiedliche Maße an Privilegiertheit mit sich bringen.“
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Foto: Lia Clay.
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Lia Clay, Fotografin in Brooklyn
„Ich bin eine Trans*frau und präsentiere mich auf eine Weise, die eher entspannt ist und nicht darauf angewiesen, jederzeit femme-Weiblichkeit zu performen, obwohl ich mich selbst als femme sehe. Es gibt viele Tage, an denen ich mich daran erinnern muss, dass ich einen Trans*-Körper habe und das total ok ist. Es passiert oft, dass ich Menschen verbessern muss, wenn sie Dinge fragen, wie ‚Wann lässt du dich denn operieren?’ Ich muss meinen Körper nicht verändern um mich vollständig zu fühlen. Manchmal habe ich außerdem das Gefühl, dass es ziemlich viel Druck gibt, body positive zu sein und den eigenen Körper zu akzeptieren—aber wir müssen uns bewusst machen, dass es auch ok ist, unsere Körper nicht zu akzeptieren und keine positiven Gefühle für sie zu haben. Das ist die Realität vieler Menschen und sie haben jedes Recht, das auszusprechen.
Ich wünschte, Cis-Menschen würden verstehen, dass wir nicht alle versuchen, einem cis-normativen Körperideal zu entsprechen. Mein Körper ist vielleicht anders als deiner, aber das gibt dir nicht die Erlaubnis mich oder meine Genderidentität anders zu behandeln, als du eine Cisgender Person oder ihre Identität behandeln würdest. Hört auf uns Fragen über unsere Körper zu stellen und den Fokus auf unsere Körper zu setzen. Wenn wir mit euch darüber sprechen wollen werden wir es auch tun.“
Foto: Lia Clay.
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Kris (rechts und oben), 22, Farmhelferin bei Bluebird Meadows, Carrboro, NC
Xander Stewart (links und rechts), 25, Farmarbeiterin, Floristin und Fotografin in Hillsborough, NC
„Ich glaube an dem meisten öffentlichen Orten, an denen ich mich aufhalte, kann ich mich sicher fühlen, weil ich für heterosexuell und Cis gehalten werde. Schwimmbäder und Seen bringen aber das Problem mit sich, dass sie die Merkmale enthüllen, die Fremden zu erkennen geben, dass etwas an mir anders ist. Egal ob es die größeren Mengen an Haaren sind, die aus meiner Boy Brief quellen oder das Tattoo auf meiner Brust. An solchen Orten ist es schwieriger, sich zu verstecken.
Glücklicherweise bin ich an solchen Orten oft von anderen Mitliedern meiner Community umgeben, die Gender non-konform, Trans* oder queer sind. Es fühlt sich rebellisch und empowering an, mit einer Gruppe Homos in Netzstrümpfen, Camouflage, Binder und Booty Shorts aufzutauchen, Platz zu beanspruchen und uns gegenseitig zu unterstützen. Ich bin dankbar dafür, dass ich in einer Kleinstadt in North Carolina leben, wo es unzählige kleine Seen gibt, die nicht sehr überlaufen sind und wo ich auch mal alleine im Wasser sein kann.
Um ehrlich zu sein glaube ich nicht daran, dass es wirkliche ‚Safe Spaces’ gibt. Und zu behaupten, dass es sie gibt ignoriert, wie Unterdrückung auf einer intersektionalen Ebene funktioniert. Für mich mag sich ein Ort sicher anfühlen, aber das reicht vielleicht überhaupt nicht aus, um einer Person, die meine Identität nicht teilt ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Ich glaube aber an ‚safer spaces’, an Orte, die sicherer sind, weil sie offen sind für die Bedürfnisse marginalisierter Personen, weil man an ihnen denen glaubt, die sexuelle Gewalt erfahren haben, Menschen in die Verantwortung genommen werden und da Feedback der Community ernstgenommen wird.“
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