Hund oder Freund? Ich würde mich immer wieder für mein Haustier entscheiden

„Ich habe eine Zusage für die Wohnung. Wir müssen nur schauen, was wir dann mit dem Hund machen.“ – Acht Sekunden und zwei Sätze, mit denen mein Freund am Telefon es schaffte, meine jubelnde Freude in eiskalte Wut zu verwandeln.
„Wie, wir müssen ‚schauen‘?“, fragte ich.
„In der Wohnung sind keine Hunde erlaubt“, sagte mein Freund und sein Ton klang jetzt ziemlich bestimmt. „Ich will diese Wohnung wirklich gerne haben, und das geht mit dem Hund nicht.“
Hund oder gemeinsame Wohnung: Ich war offenbar vor die Wahl gestellt. Als gäbe es da überhaupt etwas zu wählen. Mich gibt es seit fünf Jahren nur im Doppelpack mit Poldi, meinen Hund aus dem Tierheim, den ich mit Anfang 20 bei mir aufgenommen habe. Das war eine Entscheidung, die ich damals nicht mal eben so traf, ich war mir der Verantwortung, 14, 15 Jahre lang für ein anderes Lebewesen da zu sein, sehr wohl bewusst. Die Entscheidung habe ich bisher nicht einen Tag bereut. Auch jetzt nicht, nachdem mich mein Hund meine Beziehung gekostet hat.
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Mein Ex-Freund war nie ein großer Fan von Poldi. Das zeigte sich schon beim zweiten Date, als Jannik nur angewidert die Mundwinkel verzog, als ich ihm erzählte, dass ich schon mehrfach Straßenhunde bei mir zur Pflege hatte und inzwischen einen Hund aus dem Tierheim hatte. Er konnte mit Tieren ganz offensichtlich nichts anfangen, was für mich aber zunächst einmal nicht weiter schlimm war; ich habe ja auch nicht zwangsläufig dieselben Hobbys und Interessen wie mein Freund. Als aus unseren Dates langsam eine Beziehung wurde, blieb Poldi meistens bei mir zu Hause, nur wenn ich über Nacht blieb, durfte er mit zu meinem Freund, wo er auf dem großzügigen Quadratmeter, der sich „Flur“ nennt, bewegungslos liegen musste. Laufen, spielen, strecken, sich schütteln, also alles, was ein Hund den lieben langen Tag so macht, war tabu. Er könnte ja seine Haare verteilen, oder noch schlimmer, den Boden zerkratzen.
Das war auf lange Sicht nicht die besten Voraussetzungen für eine Beziehung, deshalb fragte ich Jannik auch immer wieder, ob er sich überhaupt vorstellen könne, ‚den Hund‘ – er sprach von Poldi ausschließlich im Gattungsnamen und in der dritten Person – dauerhaft zu akzeptieren. „Na klar!“, war die Antwort. Dass es aber doch nicht so klar war, wurde spätestens während der Suche nach einer gemeinsamen Wohnung ziemlich deutlich: Statt über Lage, Einrichtung und Miete zu sprechen, diskutierten wir immer häufiger darüber, welche Bereiche Poldi in einer gemeinsamen Wohnung betreten dürfte. Jannik wollte Poldi ausschließlich den Gang zugestehen, alle anderen Zimmer sollten tabu sein. Schon mal super für ein Rudeltier. Es wurde aber noch besser: Nachdem wir festgestellt hatten, dass die meisten Wohnungen Holzfußboden haben, schlug Jannik erst vor, Poldi doch bitte Hausschuhe anzuziehen, als Prophylaxe gegen Kratzer, und fragte schließlich ernsthaft, ob man ihm nicht die Krallen ziehen könnte. Völlig irre. Warum den Hund nicht auch gleich noch rasieren, damit er nicht haart und die Stimmbänder ziehen, damit er auch nicht bellen kann? Wenn jemand ernsthaft überlegt, einem Hund die Krallen zu ziehen, kann es sich dabei nur um ein Arschloch handeln, das wurde mir bei dem Vorschlag schlagartig bewusst.
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Ich erwartete von meinem Freund gar nicht, dass er Hundefan ist. Allerdings ist es für mich ein unabdingbares Muss, dass man anderen Lebewesen mit Respekt begegnet, und zwar nicht nur in der Beziehung, sondern in allen Lebensbereichen. Wer sagt, er würde „Herpes“ vor lauter „Ekel“ vor Hundehaaren und dreckigen Pfoten bekommen, wie es meinem Freund am Telefon eingefallen ist, hat für meinen Geschmack definitiv ein bisschen zu wenig Einfühlungsvermögen in die Wiege gelegt bekommen. Wer meinen Hund nicht mag, der ja bekanntermaßen ein Teil meines Lebens ist, liebt auch mich nicht. Und kennt mich nicht: Ich war schon immer eine Tierfreundin, die als Kleinkind jedem Hund und jeder Katze hintergelaufen ist. Wenn sich früher Insekten in mein Kinderzimmer verirrt hatten, verbot ich meiner Mama, sie zu erschlagen. So bin ich und wenn mein Ex-Freund das in drei Jahren Beziehung nicht erkannt hatte, scheint er mich insgesamt herzlich wenig gekannt zu haben.
Insofern war es also nicht nur ‚der Hund‘, der zur Trennung führte. Poldi zeigte letztlich nur auf, was sonst alles nicht zwischen Jannick und mir nicht stimmte. Wobei ich auch nicht glaube, dass es in der Frage „Hund oder gemeinsame Wohnung“ überhaupt einen Kompromiss hätte geben können. Man gibt Hunde meiner Meinung nach nicht einfach ab. Man ‚kauft‘ einen Hund auch nicht, sondern nimmt ihn bei sich auf, behandelt ihn wie einen Freund und kümmert sich ein Leben lang um ihn. So sollte es sein, so sagen es die ungezählten Ratgeber, die einen schon vor der Anschaffung eines Hundes auf die besondere Verantwortung hinweisen. Der einzige für mich wirklich akzeptable Grund, einen Hund abzugeben, sind ganz schlimme Krankheiten, mit denen man den Alltag mit Hund nicht mehr gewuppt bekommt. Und selbst dann würde es mir emotional immer noch schwerfallen, von meinem Hund Abschied zu nehmen.
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Mein Ex-Freund war da anderer Meinung. Vielleicht lag es daran, dass seine Eltern früher für ein paar Jahre einen Hund hatten, den sie abgegeben haben, als keiner mehr mit ihm spazieren gehen wollte – und das wohlgemerkt nach drei, vier Jahren. Wer es vorgelebt bekommt, Lebewesen so zu konsumieren, als wären sie eine alte Winterjacke oder das Auto, das nicht mehr auf dem neuesten Stand ist, wird es wohl nie verstehen, wieso man sich freiwillig an ein Tier bindet. Wahrscheinlich versteht so ein Mensch aber auch nicht, wieso man sein Leben lang zu seinen Freunden steht, mit ihnen durch dick und dünn geht, Fehler verzeiht und es eine Person geben könnte, die „in guten wie in schlechten Zeiten“ zu einem hält. Mein Hund liebt mich bedingungslos. Auch wenn ich mit tiefen Augenrändern abgekämpft, schlecht gelaunt und übermüdet nach Hause komme, kommt mir Poldi wedelnd entgegen und stimmt einen wilden Freudengesang an. Ich bezweifle sehr, dass jemand, der es normal findet, Hunden die Krallen zu ziehen, sie zu konsumieren und wieder zu entsorgen, mir im Alltag so viel Wertschätzung entgegenbringt. Könnte ja sein, dass auch ich irgendwann Arbeit oder Dreck mache und aussortiert werden muss.
* Name(n) wurden von der Redaktion geändert