Victoria Van Violence über ihre Depression

Es ist an der Zeit, das Schweigen zu brechen.

Lange habe ich es regelrecht geheim gehalten, mich öffentlich bewusst nicht geäußert. Ich hatte Angst. Angst vor Ablehnung, vor dem großen Stempel, vor Reaktionen und Angst „Schwäche“ zu zeigen. In einer Leistungsgesellschaft wird Leistung erwartet. Stärke. Perfektion. Und Schönheit. Doch was machen, wenn du dich plötzlich schwach fühlst, das Aufstehen schwerfällt, die Selbstversorgung zum täglichen Spießrutenlauf wird? Die Frage „was stimmt mit mir nicht“ ist omnipräsent und du redest aus Scham mit Absicht nicht über deine innere Abwärtsspirale.

„Sollte ich mal zum Arzt gehen? Hmm. Nein. Anderen geht es sicherlich schlechter als mir“, jeden Tag die gleichen Fragen und am Ende bleibt das Bett der beste Freund. Im Winter wird es schlimmer, aber auch der Sommer kann wahnsinnig frustrierend sein. So oder so kommt irgendwann der Tag, an dem es nicht weiter geht. Einige nehmen sich an diesem Tag das Leben, andere geben sich selbst auf oder suchen sich Hilfe. Ich habe Letzteres getan. Am Tag X, oder meine persönliche Stunde null, bin ich um 4 Uhr nachts in ein Taxi gestiegen und habe mich in eine Klinik fahren lassen. Selbsteinweisung. „Haben Sie Suizidgedanken“, fragte der Arzt in der Notaufnahme im routinierten Ton. „Nein“, erwiderte ich und dachte dabei „ich erzähle mal besser nichts von den Fenstersturzfantasien". „Dann bringe ich Sie jetzt hoch auf Station 21“, sprach der Arzt und bat mich ihn zu begleiten. Station 21 war nun also mein Zuhause für die kommenden vier Wochen.

Die Nachtschwester nahm mich sehr nett in Empfang und geleitete mich in ein dunkles Dreibettzimmer. „Legen Sie sich bitte in das mittlere Bett, um 7 Uhr wird geweckt und später kommt auch der Stationsarzt“, flüsterte sie. Alles dunkel, die beiden anderen Betten waren belegt. Rechts schnarchte es, links säuselte Musik aus einem Kopfhörer. Es war inzwischen 5 Uhr oder schon 5.30 Uhr. Ich saß auf meinem Bett und starrte mein Handy an. Um 7 Uhr wurde geweckt, die Zeit bis dahin schien unendlich.

Es war Ende Oktober und bis zur Weckzeit blieb es stockdunkel in diesem doch eher trostlosen Raum voller fremder Menschen. Als die Schwester morgens das Zimmer betrat, saß ich durchnächtigt in einem Meer aus Taschentüchern und stammelte „ich würde gerne wieder gehen, mir geht es gar nicht so schlecht“. Sie setzte sich zu mir und erwiderte mütterlich sorgend „Frau M., das ist ganz normal, dass Sie nun gehen wollen. Die ersten Tage sind immer ungewohnt, das neue Umfeld, die anderen Patienten. Bleiben Sie noch ein bisschen bei uns und Sie werden sehen, es geht Ihnen bald besser“. Die Worte der Schwester führten dazu, dass ich noch bis 12 Uhr mittags geduldig blieb, um den Stationsarzt zu sprechen.

„Mittelgradige depressive Episode“ lautete seine Diagnose. Ich kann mich weder an das Gespräch, noch an die folgende Woche erinnern. Man hatte mir ein Mittel zur Nervenberuhigung verschrieben und mich in ein ruhigeres Zimmer verlegt. Ich schlief 20 Stunden am Tag, aß ein bisschen und lief verpennt durch die Gegend. Auch an das erste Gespräch mit der Psychologin erinnere ich mich nicht.

In der zweiten Woche hatte ich erneut ein Gespräch bei ihr, sie notierte vieles, fragte oft nach. „Aha“ und „hmmm“ machten das Gros ihrer Antworten aus. Sie hörte zu und irgendwann erwiderte sie „ihrer Mutter ging es da ja ähnlich!“. „Woher kennen Sie meine Mutter?“, fragte ich schwerstens irritiert. „Na, Sie haben mir doch letzte Woche von ihr erzählt“, sagte die Psychologin in einem verständnisvollen Ton.

Die Tabletten. Wahnsinn, was so kleine Pillen alles bewirken können. Ich nahm eine Menge davon in der Zeit auf Station. Eine Pille gegen die Nebenwirkungen, Antidepressiva, dies und das. Genau wusste ich das nicht und die Nebenwirkungen waren ein Albtraum. Der Arzt sagte mir, das sei alles ganz normal. Ich konnte über eine Woche nicht aufs Klo, mir war übel, alles hat sich gedreht und sonst war es auch eher verheerend. Plötzlich wurde meine Nahrungsaufnahme akribisch dokumentiert, da der Verdacht auf „Essstörung“ geäußert wurde. Dabei war mir einfach schlecht. Schlecht, weil es mir schlecht ging und schlecht von dem Pillencocktail. Auf die Tabletten folgten mehrere Therapien; Ergotherapie, Sport, Gruppensitzungen, Einzelgespräche und immer wieder Pillen. Die Zeit ging schnell rum und ich hatte auch das Gefühl es ging mir besser. Ich lies mich nach vier Wochen entlassen und krempelte mein Leben um.

Ich gehörte zu jenen, deren Leben in Schieflage geraten war. Ein Problem gefolgt vom nächsten. Es fühlte sich an, als wäre aus einem kleinen Schneeball eine Riesenlawine geworden, die mich gegen eine Wand drückte. Kein vor, kein zurück. Schnell wurde mir klar, mir helfen Pillen nur temporär, Reden macht es langfristig besser, aber nur mein eigenes Zutun würde es dauerhaft ändern. Ich neige zu depressiven Phasen, bin ein sehr nachdenklicher Mensch, höre gerne The Smiths und halte mich gern drin auf.

Manche Menschen neigen dazu, andere nicht - treffen kann es trotzdem jeden. Die Auslöser und Ursachen sind so verschieden wie die Erkrankung selbst. Eins bleibt es aber in jedem Fall; eine Krankheit. Ich habe mir damals gewünscht, ein gebrochenes Bein zu haben. Jeder würde sehen, dass ich krank bin und mich entsprechend behandeln. Als Person mit einer psychischen Erkrankung, die man nicht sieht, hat man nicht nur mit der dunklen Wolke im Kopf zu kämpfen, auch mit der Umwelt, sozialen Interaktionen und vor allem der Stigmatisierung die damit einhergeht.

Es ist Zeit auch diese Themen offen zu besprechen, den Schleier des Schweigens zu lüften. Nachdem ich all das durchhatte, hat es fast zwei Jahre gedauert, bis ich mich „outen“ konnte. Ich habe nur wenige Freunde waren eingeweiht. Die Angst, dass jemand weitererzählt, wo ich die vier Wochen war, war omnipräsent. Doch irgendwann kam der Tag, an dem ich einfach nicht mehr schweigen wollte. Ich habe durch meine eigenen Erfahrungen gemerkt, wie viele Menschen tatsächlich betroffen sind und wie sie unter dem Stigma leiden. Der Chef, die Kollegen, die Mitschüler, Dozenten, Eltern oder Freunde sollen bloß nichts von der eigenen „Schwäche“ erfahren, obwohl man in diesen Stunden vor allem eins braucht; Verständnis, Hilfe und Beistand.

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