Warum Frauen fischen: „Ich hatte Regenstiefel von Marc Jacobs, also ging ich angeln"

3,8 Millionen Menschen in Deutschland angeln, 95 Prozent davon sind männlich. Während in den Niederlanden, Lettland, Skandinavien, Kanada und den USA mehr Frauen die Angelrute in die Hand nehmen, nämlich 15-36 Prozent, ist der Fischereischein hierzulande doch nach wie vor ein Zeugnis einer Männerdomäne.
Jadu gehört zu den 5 Prozent der deutschen Hobbyanglerinnen, sie ist 28 Jahre und liebt das Fliegenfischen. Weil der Mann, in den sie sich verliebte, seit Jahren angelt, bekam sie auch Bock. Sie haben sich gemeinsam ein kleines Häuschen in der Mecklenburgischen Seenplatte gekauft, um den Berliner Stress hinter sich lassen zu können. „Wir sind direkt an einem wunderschönen Natursee, also haben wir uns ein kleines Ruderboot besorgt und dann jeden Tag rausgefahren, um unser Glück mit der Angel zu versuchen. Zusammen haben wir unsere Angelskills ausgebaut und täglich 8-10 Stunden auf dem Wasser verbracht", erzählt sie. Learning by Doing also. „Und so habe ich dann irgendwann meine ersten Barsche und Hechte gefangen."
Werbung
Die Musikerin sagt, sie sei Schönwetteranglerin: „Die raue See, hoher Wellengang – das ist leider nicht so mein Ding, ich bin einfach nicht seefest. Mir gefällt es am besten, wenn es schön warm und windstill ist, das ist für mich am entspannendsten. Man hört nichts außer Vögel, die Natur und dann hoffentlich das Plätschern, wenn der Fisch beißt."
Jadu reist sogar mit ihrer Ausrüstung um die Welt: Ihre schönste Angelerfahrungen hatte sie beispielsweise in Mexiko auf der Insel Holbox, als sie allein auf Reisen war und in den Mangroven auf Tarponjagd gegangen ist. „Zehn Stunden in der brütenden Hitze – es waren zwar leider nur Fehlbisse, aber trotzdem einer der unvergesslichsten Tage", resümiert sie.
„Einmal haben wir drei Tage in den Mountains von Neuseeland an kristallklaren Flüssen verbracht, um Forellen zu angeln. Hier bringt dich nur ein Helikopter hin, denn du kannst solche Orte auf keinem anderen Weg erreichen. Da kannst du dein Handy vergessen. Perfekt."

Das schöne beim Angeln ist, dass man den Kopf frei bekommt. Man muss sehr konzentriert bei der Sache sein

Jadu
In der Natur ist Jadu so bei sich, dass ihr Songtexte einfallen. „Angeln erdet. Man wird aber auch kreativ, denn man hat Zeit Gedanken zu verfolgen ohne abgelenkt zu werden."
Genau das ist der Grund, warum der Deutsche Anglerfischerverband einen Zuwachs an weiblichen Mitgliedern vorhersieht: „Angeln dient ja heutzutage vor allem der Erholung, deshalb entdecken auch immer mehr Frauen das Angeln für sich als Erlebnis in der Natur", sagt Marcel Weichenhan, der Sprecher des DAFVs & des Landesanglerverbandes Brandenburg e.V. Der DAFV hat etwa 700.000 Mitglieder, die richtige Adresse also, um nach den Ursachen für die ungleiche Geschlechterverteilung dieses Hobbys zu forschen. „Angeln ist noch sehr von Männern geprägt. Ich denke, das hat historische Gründe. Salopp ausgedrückt, liegt wohl das Jagen und Sammeln mehr in den Genen der Männer", so Weichenhahn.
Werbung

Viel Übung, Disziplin und vor allem Geduld sind erforderlich. Als Angler musst du immer positiv bleiben

Sihem
Auch Sihem, die 28-jährige Hamburgerin, zelebriert auf See und bei Instagram, dass Frauen eben auch – und sogar mit Style – ihre Angelrute auspacken.
„Ich habe mir damals in Paris Regenstiefel von Marc Jacobs gekauft und nach einer geeigneten Situation gesucht", scherzt die Stylistin. Auch sie feiert ihre Momente in der Natur, abseits von der Großstadt, abseits vom Modebusiness: „Ich liebe den Drill beim Fischen. Und genieße die tiefsinnigen, sozialkritischen und moralvermittelnde Gespräche mit meiner Besatzung."
Sie findet es schade, dass es so wenig Frauen mit untypischen Hobbys gibt. Ihrer Meinung nach kann man aus dieser Leidenschaft immer Vergleiche fürs Leben ziehen: „Technik, Köder, Montage und generell die Qualität des Equipments spielen eine große Rolle. Wenn du mit einem qualitativ schlechten Fluorcarbon angelst, bekommst du zwar mit dem richtigen Köder einen Fisch ran, aber der beißt dir nach einem 40 minütigen Drill die Schnur durch und du verlierst ihn." Genau das ist ihr beim ersten Mal auf See passiert. „Ich habe nach dieser Niederlage lange getrauert und währenddessen meinen Fischereischein gemacht. Viele Jahre und etliche Drills später, bin ich auf dem Weg der Besserung. Mit einer schlechten undurchdachten Technik bekommst du selbst mit dem besten Köder keinen Fisch an die Angel, eher verjagst du sie." Sihem erzählt, dass sie oft mit ihren Jungs neun Stunden auf dem Wasser war, dann bei drei Grad Celsius und Windstärke 24 km/h zurückgerudert sind und dabei „nicht mal einen Barsch im Boot hatten. That's life. Mal gewinnt man, mal verliert man. Was man daraus lernt – und das habe ich schon meiner 12-jährigen Nichte gepredigt: Finger weg von Fuckboys und schlechten Ködern. Du lockst damit nur kleine verzweifelte Fische an, die will und braucht keiner im Leben."
Werbung