Weihnachten bei den Eltern auf dem Kaff - eine Hassliebe

Es ist als würden wir eine Zeitkapsel betreten, wenn wir zu Weihnachten über die Schwelle des Elternhauses gehen. Sobald wir die Haustür von innen schließen, öffnen wir das Gedankengut unseres 16-jährigen Ichs. Hallo Teenager. Nur ohne Zahnspange und Pickel, aber mit den Eltern, ja den Erwachsenen von früher. Die Zeitreise wirkt sich so auf unser Gehirn aus, als hätte man in der Kapsel auf einen Knopf gedrückt, der uns vergessen lässt, dass wir nun eigentlich Großstadt können, mit (igitt) einem funktionierenden System, Job und Partner. Wir sind dann einfach wieder Kind. Haaaach, sagen da die meisten. Ich finde es haaaaach und gleichzeitig gruselig. Sehr. Hier kommt die Inszenierung meines ganz persönlichen Weihnachtsfilms „Jährlich grüßt das Teenie-Tier“.

Kollektion 2000-late
Die Fashion Week in meinem alten Kinderzimmer präsentiert natürlich die Winterkollektion aus dem Kleiderschrank des Vertrauens oder ehrlicherweise des Grauens. 2006 war mein „Pimp My Abi“-Shirt cool, heute ist es ein Indiz dafür, dass ich das Haus nicht verlassen werde. Genau wie mein Pyjama, klischeemäßig Flanell mit Teddybären. Ich frage mich, wie mein Vater bei dem Anblick beruhigt davon ausgehen konnte, dass ich mal einen Mann abbekommen würde.

Die heilige Schrift: der Busfahrplan
Wenn es mich danach gelüstet, meine Freundin zu treffen, steig ich einfach in die U-Bahn. Guter Scherz. In meiner Kleinstadt gibt es Busse – zumindest tagsüber. Ab acht Uhr abends gilt erhöhte Schwierigkeitsstufe, ab 22:00 Uhr Mission Impossible. Und da kommt es wieder das, das Déjà-vu von früher: „Papa, kann ich dein Auto nehmen?“ Begeisterung sieht anders aus.

Plötzlich IT-Prinzessin
Ich gehöre der Generation „Die muss es ja wissen“ an, zumindest wenn es meine Eltern und ihre Computerfragen betrifft. Jedes Weihnachten muss ich das Ipad konfigurieren, das neue Smartphone zum Laufen bringen, eine App wie der „Tankstellenvergleich“ runterladen oder den einen Familiencomputer (wie oldschool) auf Vordermann bringen. Ich habe keine Ahnung, was ich da tue, aber ich sehe gut dabei aus.

Die Ausgeh-Diskussion
Zwar bin ich mittlerweile schon so alt, dass ich schon gar keinen Drang mehr habe, an Weihnachten AUF JEDEN FALL auszugehen, aber wenn doch, ist die Reaktion vorhersehbar: Meine Eltern fragen dann entsetzt: „Du willst jetzt noch weggehen?“. Zweiter Akt: „Aber es ist doch Heiligabend. Da geht man nicht aus“ und zum Finale schmettern sie dann noch ein: „Da hat bestimmt gar nichts auf“. Oh doch! Und ich kann mit 30 Jahren nun wohl Jesu Geburt auf der Tanzfläche feiern, wenn ich das will.

Völlerei deluxe
In meinem Urlaub in die Kindheit würde jede Food-Polizei Alarm schlagen. Mama meint es gut und kauft all meine (früheren) Lieblingssünden auf einmal. Nutella, Zopfbrot, Schoko-Milchreis – eben alles, was ich aus meinem Erwachsenenleben so gut wie ganz verbannt habe. Auf die Idee, die Familie mit meinem etwas gesünderen Lebensstil einfach zu bekochkehren, komme ich dann nicht. Mama kocht und ich esse. Und esse. Und esse.

Frozen Onkel
Ich nehme mir immer wieder vor, für gewisse Menschen vorgefertigte Sprüche als Sprachnotizen auf meinem Handy abzuspielen. Mein Onkel ist so ein Kandidat, der das verdient hätte: „Und macht es dir noch Spaß, bei der Bravo zu arbeiten?“, höre ich einmal im Jahr von ihm. In meiner Antwort gibt es nur eine Variable, das Jahr X: „Das musst du die fragen, die da arbeiten. Ich kann dir einen Kontakt vermitteln. Aber ich arbeite da seit 9 Jahren nicht mehr.“

Das emotionale Augenverdrehen
Meine Eltern sind mir nicht peinlich, aus dem Ater bin ich nun wirklich raus. Der einzige klitzekleine Fremdschämpunkt ist, wenn sie mir in ihren Whats-App-Gruppen versaute Gags und Witz-Videos zeigen. Auf der einen Seite bekomme ich immer dieses ‚Mama-kann-WhatsApp-wie-süß'-Gefühl, auf der anderen Seite finde ich die Sex-Witze aufm Handy nicht so prickelnd.

Der Brudi-Bund
Wenn ich mindestens 400 Kilometer von meinem vier Jahre jüngeren Bruder entfernt bin, dann verstehen wir uns mega. Sicherheitsabstand sozusagen. Dann sind wir zwei Erwachsene, die freundschaftlich kommunizieren. Bringt uns die Zeitreise ins Elternhaus, gelten ganz andere Regeln. Wir sind dann im Wilden Westen und wir beide haben stets die Hand am Colt. Bereit fürs Gemetzel. Futterneid, Petzen – ja, ich liebe meinen Bruder sehr.

Das Klassentreffen
Seit dem Abi trifft sich mein Jahrgang wirklich jedes Jahr am 23. -warum? Man erzählt sich jedes Jahr die gleichen Geschichten, sie fangen an mit „Weißt du noch…“ und enden mit „Wie die Zeit vergeht“. Klar, dass ich mich da wie eine Ausgeburt der Vergangenheit fühle, wenn ich mir nur alte Geschichten anhören kann. Neue gibt es halt nicht, wenn alle in der Welt verstreut sind. Thats life!

Bei all dem Geläster, freu ich mich nun wahnsinnig auf meinen Flanell-Pyjama und meine großartige Familie. Zeitkapsel, ich bin startklar.

Dieser Text erschien auf www.brainbitch.com

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