Wie ich es schaffte, nicht mehr über die Urteile der Männer nachzudenken

Foto: Kristina Wilson.
Das erste Mal, als ein Mann beim Sex zu mir sagte, wie sehr er meinen Körper mochte, war ich so dünn, wie ich es noch nie zuvor als Erwachsene gewesen war.
Ich hatte gerade mein „Weight Watchers“-Idealgewicht erreicht, zum ersten Mal seit meiner Zeit als Turnerin in der Schule. Normalerweise hatte ich zwischen zehn und dreißig Kilo mehr auf den Rippen, aber in diesem Jahr war ich fest entschlossen mein Gewicht zu halten. Ich zählte jeden Punkt, aß braunen Reis und gegrilltes Hühnchen wann immer ich es finden konnte, ging fünfmal die Woche ins Fitnessstudio und nahm etwa 20 Kilo ab.
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Teddy* war ein stiller, grüblerischer Emo-Typ, genau die Art von Mann, zu der ich mich mit Mitte 20 hingezogen fühlte. Er war so still, dass ich mir im Rückblick nicht sicher bin, ob er überhaupt Interessen hatte, außer Bier zu trinken, Gras zu rauchen und mit mir zu schlafen. Woran ich mich aber erinnere ist, dass er ziemlich gut bestückt war. Mit 23 hatte ich zwar noch nicht viel zum Vergleichen, aber das tut nichts zur Sache.
Teddy ließ seine Hände über meinen Bauch wandern und sagte: „Ich mag deinen Körper so gerne.” Das hatte noch nie jemand zu mir gesagt. In diesem Moment fühlte es sich an, als hätte ich einen Preis gewonnen. Den Oscar für’s Dünnsein. Endlich passierte das, wofür ich so hart gearbeitet und buchstäblich gehungert hatte.
Es hatte nichts mit Teddy zu tun. Ich wusste noch nicht einmal wirklich, ob ich ihn mochte. Wie hätte ich das auch wissen können, der Typ redete ja nicht. Die Bestätigung vertiefte meine fehlgeleitete Überzeugung, dass mein dickes Ich dieses Kompliment niemals verdient hätte. Nur das dünne Ich könnte erfolgreich, liebenswert, begehrenswert und vor allem glücklich sein.
Einen Monat später weinte ich über das Lenkrad meines schäbigen alten Autos gebeugt, vor einem noch schäbigeren Einkaufszentrum geparkt. Ich war gerade von einem Weight-Watchers-Meeting gekommen; beim Wiegen stellte sich heraus, dass ich ein Kilo zugenommen hatte. Das Leben mit meinem Idealgewicht war von so kurzer Dauer, mein Versagen so offensichtlich. Die Fassade meiner dünnen Zufriedenheit zerbröselte vor meinen Augen. Teddys Worte klangen mir in den Ohren – nicht länger als etwas, das mir Selbstbewusstsein gab, sondern als schmerzhafte Erinnerung an das, was ich nicht aufrechterhalten konnte. Ich war nicht mehr dünn. Ich war eine fette Frau, die so tat, als ob sie dünn sei.
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Wenig überraschend war die Geschichte mit Teddy schnell vorbei. Nicht etwa weil ich zugenommen hatte, sondern wegen seiner generellen Abneigung zu sprechen, mir Wichtiges zu erzählen oder Pläne zu machen.
Danach wurden aus einem Kilo erst fünf, dann zwanzig. Es dauerte nicht lange, bis ich in einem Teufelskreis gefangen war: Ständig versuchte ich zu verstecken, wie besessen ich von meinem Gewicht war. Ich hatte gerade den Feminismus für mich entdeckt und dachte, ich dürfte niemals zugeben, dass ich mir Gedanken darüber machte, was andere, vor allem Männer, von mir dachten. Obwohl ich wieder dünn werden wollte, musste ich so tun, als wäre mir mein Gewicht total egal – so dachte ich. Einzugestehen, dass ich mich anstrengte oder mir zu viele Gedanken machte, wäre armselig gewesen.
Ich quälte mich, versuchte bei Weight Watchers zu bleiben und weiter ins Fitnessstudio zu gehen. Im Laufe der Jahre gab es mehr als einen Moment, in dem ich panisch wurde und zu ungesunden, ja, sogar gefährlichen Mitteln griff. Ich tat Dinge, die mir sowohl körperlich als auch psychisch schadeten. Dinge, die sich niemand selbst antun sollte.
Aber nichts wirkte. Es kristallisierte sich langsam heraus, wie verdammt schwer es einfach war, gegen Gene zu kämpfen, die Rundungen und einen Körper robust genug dafür vorsehen, meine 85G-Brüste herumzuschleppen. Als ich 2010 umzog, hatte ich etwa 35 Kilo zugenommen.
In meinem neuen Zuhause angekommen, schloss ich mich dem örtlichen Rugby-Verein an und lernte inspirierende Frauen kennen. Meine Mitspielerinnen waren die ersten wirklich body-positiven und unverfroren selbstbewussten Menschen, die ich jemals getroffen hatte. Ich hatte noch niemals Frauen getroffen, die sich nicht nur mit dem Prädikat „fett” identifizierten, sondern sogar stolz darauf waren und nicht daran dachten, etwas an sich zu ändern. Mich mit solchen Menschen zu umgeben, war einer dieser Wendepunkte, deren Wichtigkeit man im selben Moment noch nicht begreift. Rückblickend kann man sich dann nicht mehr vorstellen, wie das Leben ohne sie aussehen würde.
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Sie erinnern mich jeden Tag daran, dass die besten Sportler*innen nicht unbedingt die gleiche oder gar die kleinste Konfektionsgröße tragen. Wenn man sieht, wie eine 90 Kilo schwere Frau schneller läuft, als man es selbst zu Schulzeiten gekonnt hätte, oder über ein ganzes Feld stürmt, während zwei halb so große Frauen an ihren Beinen hängen, fängt man an, die eigene verzerrte Vorstellung davon, wie „fit” auszusehen hat, in Frage zu stellen. Meine Mitspielerinnen zeigten mir Läden, die sich auf Plus-Size-Kleidung spezialisiert hatten. Danach verband ich einkaufen nicht länger mit Entsetzen und Beschämung, sondern mit Freude – und mit einem leeren Portemonnaie.
Ich habe seit mehr als sechs Jahren keine Diät mehr gemacht. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal auf einer Waage stand (was wirklich sehr zu empfehlen ist). Ich esse und trinke, was ich will (auch äußerst empfehlenswert). Ich bemühe mich, auf meinen Körper zu hören und sicher zu stellen, dass ich so ausgewogen und gesund lebe, wie möglich. Ich gehe viel zu Fuß; ich mache so viel Yoga wie möglich; wenn das Wetter schön ist und ich keine Angst haben muss, von einem Bus mitgenommen zu werden fahre ich Rad. Und in den letzten sechs Jahren habe ich schon beinahe gespenstisch konstant Kleidergröße 14 getragen. Noch niemals zuvor in meinem Leben als erwachsene Frau konnte ich so lange die gleichen Kleider tragen, weil ich nie länger als ein Jahr die gleiche Größe gehabt hatte. Mein Körper hatte endlich sein Zuhause gefunden.
Dank meines neu entdeckten Selbstbewusstseins ging es mir beim Daten nun nicht mehr darum, jeden Kerl der Interesse an mir zeigte zufriedenzustellen oder es als Auszeichnung zu sehen, wenn man mich als potentielle Sexpartnerin in Betracht zog. In der Welt, in der wir leben ist es eine verdammte Superkraft, sich mehr um sein eigenes Wohl zu kümmern, als darum, ob der Typ bei dem du gerade nach rechts gewischt hast deine Arme zu dick findet.
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Sid** war der erste Mann, der mich wissen ließ, dass er meinen Körper genau so mochte, wie er war. Er hatte das zwar nie gesagt, aber bestand darauf, beim Sex das Licht anzulassen—keine romantische Beleuchtung, sondern die ungedimmte Deckenlampe, furchtbar grelles Licht genau auf meinem fetten Hintern. Er ließ sogar seine Brille auf, um ja kein Detail zu übersehen.
WTF? Alter, es ist schon schwierig genug zu begreifen, dass ich selbst meinen Körper mag, ich bin mir ziemlich sicher, dass du nicht so sehr auf ihn stehen solltest. Aber er stand so sehr auf mich. Und, Spoiler Alert: Er war nicht der einzige.
Ich versuchte nicht länger, die Person zu sein, von der ich dachte, dass sie für Männer attraktiv wäre und fing an, Männer zu daten, die Frauen wie mich mochten. Ich zelebrierte meinen Körper und meine Body Positivity. Und ich bekam Aufmerksamkeit von Männern, die genauso body positive waren wie ich (auch wenn sie das Wort noch nie gehört hatten).
Für Sid und mich gab es kein filmreifes Happy End, bei dem ich euch jetzt erzählen würde, dass wir seit 20 Jahren verheiratet sind und eine Menge body positiver Babies bekommen haben. Er ging zurück in sein Heimatland und wir beide hatten seitdem andere Partner*innen. Aber obwohl wir nicht mehr zusammen sind ist er noch immer ein guter Freund. Es ist nun schon eine ganze Weile her, dass wir ein Paar waren, aber wir schicken uns ziemlich regelmäßig Nachrichten um uns gegenseitig zu unterstützen und aufzubauen. Ich finde das ist eine ziemlich tolle Version der „bis an ihr seliges Ende”-Geschichte.
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Wenn ich daran denke, wer ich vor sechs Jahren war und wie ich meinen Körper behandelte, wird mir klar, wie wichtig es ist, sich selbst uneingeschränkt zu akzeptieren und zu lieben. Damit habe ich zwar immer noch jeden Tag zu kämpfen, aber es ist mir nicht mehr wichtig, dass mein Körper von Männern—oder generell von anderen Menschen—akzeptiert wird. Und wenn mich jemand attraktiv findet, weiß ich, dass es wirklich um mich geht und nicht um eine Version meiner selbst, die ich nur sein kann wenn ich mir selbst schade.
Wenn mir ein Typ jetzt sagt, dass er auf meinen Körper steht, ist das keine große Offenbarung. Es ist einfach ein Punkt, bei dem wir einer Meinung sind.
* Nicht sein richtiger Name.
** Sein richtiger Name, denn er war unfassbar gut.
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