Wie Mode mein Leben verändert hat... mit Gerda Juenemann

FOTO: The good store
The Good Store in der Pannierstraße 31 in Neukölln gehört ohne Frage zu den besten Second Hand- und Vintagestores in Berlin. Von der super erhaltenen Azzedine-Alaïa-Jacke aus den 80er-Jahren über fast neue Acne-Sandalen bis hin zum einmal getragenen Seidenkleid von lala Berlin. Hier finden Traumstücke, die zuerst im falschen Kleiderschrank gelandet sind, ein neues Zuhause.
Das ist die größte Motivation von Store-Besitzerin Gerda Jünemann, deren ursprünglicher Karriereplan sie eigentlich in die Politik geführt hätte. Wie Mode aber letztlich ihr Leben verändert hat und warum sie sich für einen eigenen Laden entschieden hat, erzählt sie uns hier:
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Eigentlich habe ich mich immer für Mode interessiert. Schon als Kind hatte ich ganz klare ästhetische Vorstellungen. Da gab es zum Beispiel ein Paar Gummistiefel, das ich partout nicht anziehen wollte. Auch die stilistischen Fehlentscheidungen meiner Familienmitglieder konnte ich nicht einfach so hinnehmen. So musste ich bereits mit vier Jahren eingreifen und die hässlichste Hose meiner Mutter mit Filzstift verzieren, damit sie sie nicht mehr tragen konnte. Dafür gab es dann zwar Ärger, aber den war es wert.

Doch trotz meiner Leidenschaft für Mode und schöne Dinge, entschied ich mich nach dem Abitur nicht sofort für eine Karriere in diesem Bereich. Zunächst ging es für mich ein Jahr an die Ostküste der USA, wo ich als Aupair zunächst in der Nähe von Boston, dann in New York und schließlich in Washington gelebt habe. Zurück in Deutschland fing ich dann ein Studium in Leipzig ab. Meine erste Wahl war Philosophie, doch meinem Professor gelang es schnell, mich zu desillusionieren. Er betonte immer wieder, was für eine brotlose Kunst dieser Studiengang doch sei und das man damit sowieso nichts erreichen könne. Also habe ich mich ein Jahr später für Politik, Geschichte und Nordamerikastudien entschieden.

Mein Fokus lag auf internationalen Beziehungen und eigentlich konnte ich mir sogar vorstellen, in diesem Bereich zu arbeiten. Nach der Hälfte meines Studiums ging ich wieder zurück in die USA. Ein Jahr lang war ich dort bei dem Kongressabgeordneten Earl Blumenauer in Portland tätig. Das war eine sehr lehrreiche, spannende Zeit. Er ist ein wahnsinnig engagierter Politiker und arbeitet schon seit 1996 als Vertreter von Oregons drittem Bundeswahlkreis. In Portland gibt es zum Beispiel ein kostenloses öffentliches Verkehrssystem, das er mit verantwortet hat. Die Menschen werden dadurch aktiv motiviert, ihr Auto stehen zu lassen. Portland ist sowieso eine totale Fahrradstadt. Das Engagement, das Leben der Bewohner einer Stadt verbessern zu wollen, finde ich großartig. Ich habe das Gefühl, dass das in den USA besser und schneller umsetzbar ist als in Deutschland. Hier wird einfach unglaublich viel geredet, bevor etwas verändert wird und es eine echte Entwicklung geben kann. Das hat mich immer gestört. Dafür bin ich einfach zu ungeduldig.
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FOTO: The good store
Als ich nach Deutschland zurückkam, wechselte ich den Studienort und ging nach Berlin ans John F. Kennedy-Institut. Viele Kommilitonen hatten mir zwar davon abgeraten, weil so ein Wechsel das Studium natürlich verlängert, aber ich wollte es eben nach meinen Vorstellungen machen. An diesem Institut gibt es acht Teilbereiche für Nordamerikastudien und fühlte ich mich einfach perfekt aufgehoben. Ich wollte mein Studium richtig machen, nicht halbherzig. Da ich während meiner Zeit an der Uni aber auch immer nebenbei gearbeitet habe, hat es letztlich etwas länger gedauert. Aber beim Magisterstudium war das ja noch kein Problem.

Meine Nebenjobs hatte ich aber nicht nur wegen des Geldes, sondern weil ich zu dem sehr theoretischen Studium einfach einen Ausgleich brauchte. So arbeitete ich beispielsweise in einer Galerie, war Babysitterin, half als Stylingassistentin aus und war letztlich auch acht Jahre lang im Verkauf, unter anderem bei Kauf dich Glücklich, APC und COS. Die Zeit dort habe ich geliebt. Ich war von schönen Dingen umgeben und konnte mich mit den KundInnen austauschen. Meine Freunde sagten immer: „Gerda, irgendwann muss du deinen eigenen Store eröffnen!” So ganz vorstellen konnte ich mir das aber noch nicht.

Als ich mein Studium dann abgeschlossen hatte, stand ich vor der Entscheidung, entweder einen Job in der Politik zu suchen, meine Doktorarbeit zu schreiben oder tatsächlich einen eigenen Laden zu eröffnen. Spontan habe ich an einem Mittwoch bei Immoscout geschaut, was für Verkaufsflächen im Angebot waren. Am Donnerstag habe ich dann genau diesen Laden in Neukölln besichtigt und am Montag stand ich bei der Hausverwaltung auf der Matte. Alles ging plötzlich so schnell, dass ich gar keine Bedenken haben konnte. Zwischen der Unterzeichnung des Mietvertrags und der Eröffnung lagen gerade mal acht Wochen. Ich hatte weder einen Businessplan, noch kam ich dazu, einen Gründerzuschuss zu beantragen. Ich hatte zwar mal beim Arbeitsamt angefragt, aber die riefen mich erst drei Monate nach der Eröffnung des Stores zurück.
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Das Konzept für den Store hatte ich vorher schon im Kopf. Abgesehen davon, dass ich Second Hand immer toll fand, wollte ich eine Möglichkeit finden, bei der ich finanziell nicht zu sehr in Vorleistung gehen musste. Normalerweise muss man ja erst mal seine Marken finden und sie in Mengen einkaufen. Dafür braucht man ein großes Startkapital – und das war mir zu riskant. Generell habe ich schon immer viel Second Hand gekauft und hatte den Eindruck, dass viele Stücke nicht ansprechend genug präsentiert wurden. Das wollte ich ändern, um Second Hand einfach attraktiver zu machen. Es hat ja jeder Stücke im Schrank, die er vernachlässigt, die für andere aber total gut funktionieren würden. So bekommen die Teile ein erfülltes, zweites Leben. Die erste Auswahl in meinem Store kam dann tatsächlich größtenteils von FreundInnen und KollegInnen.

Meine Eltern waren natürlich ein wenig schockiert, als sie das erste Mal von meinen neuen Plänen hörten. Niemand in meiner Familie ist selbstständig. Aber mittlerweile kaufen sie auch bei mir ein und sind sehr stolz auf mich. Der Plan mit The Good Store ist einfach aufgegangen. Wir hatten direkt ein positives Pressefeedback und wurden von den KundInnen gut angenommen. Mittlerweile fragen KundInnen sogar, ob es nicht bald einen zweiten Shop gibt. Irgendwann könnte ich mir das sogar vorstellen. Momentan bin ich aber wahnsinnig glücklich mit dem Store und liebe es, dass ich auch im Verkauf eingebunden bin. Ich bin jeden Tag da, werde aber mittlerweile von zwei Kolleginnen unterstützt. Im ersten Jahr habe ich alles komplett allein gemacht. Das war irgendwann einfach zu viel, weil ein Store natürlich mehr Arbeit macht, als nur der reine Verkauf. All die Büro- und Verwaltungssachen musste ich dann am Abend und am Wochenende machen. Jetzt ist die Zeitaufteilung besser gelöst.

Obendrein gibt es noch den Onlineshop. Bevor sie in den Laden kommen, schauen viele KundInnen dort erst einmal rein. Er funktioniert fast wie eine Visitenkarte und macht The Good Store zu einer runden Sache. Im Store und online kann man auch unseren Schmuck kaufen, von dessen Umsatz ein Teil gespendet wird. Als ich noch Politik studierte habe, war es immer mein Zeil, die Gesellschaft ein wenig besser zu machen. Jetzt kann ich auf diesem Weg etwas Gutes tun. Und dann mache ich meine KundInnen ja auch noch jeden Tag mit Mode glücklich.
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