Belästigung am Arbeitsplatz: Wir sprechen darüber, ohne jemals etwas zu sagen

Foto: Jessie Webster.
Es war mein erster Job nach dem College und ich war gerade sechs Wochen angestellt, da geschah es: Ein Kollege nahm mich bei einer Betriebsfeier am Arm, sagte „Lass mich dich heute nicht küssen!“, und tat anschließend genau das. Ich wünschte, ich könnte an dieser Stelle erzählen, dass ich genau dann einen Meter zurückgesprungen bin und ihm befohlen habe, sich zu verpissen. Stattdessen blieb ich einfach stehen, während er seinen Mund auf meinen legte, vor Kunden und Kollegen, und mir den Geschmack von schalem Bier auf die Lippen drückte. Er küsste mich, und ich ließ es zu — zum Teil auch, weil mein Verstand nach ein paar Gläsern Wein etwas verzögert reagierte. Aber vor allem auch deshalb, weil er mein Vorgesetzter war und die Zügel in der Hand hatte.

Als mein Verstand endlich meinen Mund eingeholt hatte, zog ich mich zurück — und er tat es mir gleich. Wie in einem Film sagte ich ihm, dass ich gehen müsste, und rannte aus dem New Yorker Nachtclub. Die Musik aus dem Innenraum verblasste zu einem gedämpften, pulsierenden Wummsen, als ich in die kalte Luft hinausging. Anflüge von Panik überkamen mich. Ich rief eine der wenigen Frauen an, die ich in der Firma kannte. Sie hatte die Party vielleicht eine Stunde vor mir verlassen. „Werden sie mich feuern?“, fragte ich panisch. Ich hasste mich selber dafür, nicht besser mit der Situation umgegangen zu sein. Was zum Teufel stimmt nicht mit mir? Wie ist das passiert? „Oh mein Gott“, sagte sie. „OK, du folgst jetzt genau meinen Anweisungen: Du rufst ein Taxi, schläfst dich aus, und morgen tust du so, als sei nichts passiert. Es wird ihn umhauen!“

Doch das tat es nicht. Ich war eine von nur wenigen Frauen unter 25, die in diesem sehr traditionellen Medienunternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitern angestellt waren. Meine Schätzung ist, dass nur 15% der Angestellten Frauen waren — keine davon in führender Position. Vielleicht hätte ich von der Reaktion auf den Kuss nicht überrascht sein sollen. Am nächsten Tag kam ich ins Büro und fand drei meiner vier Chefs — allesamt Männer Mitte Dreißig — an einem ihrer Arbeitsplätze vor. Sie sahen mich nicht, doch ich konnte hören, wie sie verdächtig flüsterten. Ich saß an meinem Schreibtisch, rot angelaufen, zitternd, und lauschte nervös ihrem Getratsche. Gelegentlich hörte ich meinen Namen. Einige Minuten später bemerkte mich einer von ihnen und rief laut „Hallo“, als wollte er die anderen warnen wollen, dass ich schon da war. „Guten Morgen“, sagte ich, und hob den Blick kaum von meinem Bildschirm. In meinem Kopf gingen Alarmglocken los, doch ich wusste nicht, wie ich sonst darauf hätte antworten sollen.
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ER WAR MEIN CHEF, UND ER HATTE DIE ZÜGEL IN DER HAND.

Ich dachte über eine E-Mail an die Personalabteilung nach, aber das erschien mir zu riskant; der Chef, der mich geküsst hatte, war beliebt und das Unternehmen hatte den Ruf eines Männerclubs. Außerdem brauchte ich den Job, auch wenn er schlecht bezahlt war. Ich war gerade erst zu einem weiterführenden Studiengang angenommen worden (ich besuchte nur Abendvorlesungen, um Vollzeit arbeiten zu können), und ich lebte in Manhattan bereits weit über meine Verhältnisse (trotz drei Mitbewohnern und einem 30$-Wochenbudget für Lebensmittel). Ich atmete einige Male durch und sagte mir, dass das nur ein einmaliger Vorfall war. Oder? Dieser Vorfall war ja quasi außerhalb des Büros passiert, auch wenn es eine Firmenfeier war. Und natürlich hatte ich auch getrunken, was mir vielleicht auch einen Teil der Schuld gibt. Aber das rechtfertigt die Situation nicht. Nicht in meinem Kopf. Es fühlte sich so falsch an.

Ich suchte nach Ausreden, mit denen ich mich selbst beruhigen wollte, sagte mir immer wieder, dass die Realität so aussieht und dass ich mir eine dickere Haut zulegen sollte. Während ich versuchte, mich davon zu überzeugen, dass es bestimmt besser würde, begann mein Chef, offen darüber zu reden, dass er den Arbeitsplatz wechseln will. Plötzlich hatte er eine Menge an seinem derzeitigen Job auszusetzen. Er brauchte noch zweieinhalb Monate, um zu kündigen. Währenddessen verhielten wir uns meistens diskret. „Du musst mich für so ein Arschloch halten“, sagte er schließlich an seinem letzten Tag. So etwas würde man vielleicht von einem Jungen aus der Studentenverbindung erwarten, der Bier über deinen Schuh gekippt hatte — nicht von einem Manager, der jede Regel eines „Wie werde ich kein Widerling?“-Schulungsvideos gebrochen hatte.

Leider wurde nichts wirklich besser, nachdem er gegangen war. Einige Monate nach dem Vorfall mit dem Kuss kam ein weiterer Manager an meinen Tisch, um mir mitzuteilen, dass meine Universität eine „schlechte Ivy League-Uni“ sei. Er warf mir eine Zeitschrift zu, in der eine Freundin von ihm als Autorin aufgeführt war (ich kannte sie nicht nur, sondern mochte sie sehr.) „Und sie brauchte nicht einmal einen prestigeträchtigen Abschluss“, sagte er mir, und einige Tropfen Spucke trafen mein Gesicht. Mich erstaunte weniger die Belanglosigkeit seiner Bemerkung — hier war ein Mann Mitte vierzig, der in Gesprächen immer noch regelmäßig erwähnte, dass er im College Lacrosse gespielt hat — sondern mehr der Zorn in seiner Stimme. Er war beinahe doppelt so alt wie ich, mit einer Frau und Kindern und einem großen Büro. Was ging es ihn an, wo ich meinen Master gemacht hatte?

Ein weiterer ranghoher Manager unterhielt sich eines Tages mit einer Gruppe von Angestellten (einschließlich einer weiblichen Mitarbeiterin, mit der ich, ohne sein Wissen, befreundet war) darüber, wen ich date, und ob wir Sex hatten oder nicht; ein Mitarbeiter mittleren Ranges kam nach meiner ersten Beförderung auf mich zu und versuchte mir zu verdeutlichen, dass das bestimmt daran lag, dass ich mit dem Chef schlafe (der älter ist als mein Großvater); und zwei ältere, männliche Kollegen erwischte ich immer wieder dabei, wie sie Witze darüber machten, dass ich zu jung und dumm bin, um zu wissen, wie man ein Faxgerät bedient. „Bald müssen wir ihr zeigen, wie man ein Telefon bedient“, sagte einer von ihnen. „Und dann den Kopierer“, fiel der andere ein. Sie lachten, als wäre ich überhaupt nicht im Raum. Ich gab mir alle Mühe beim Anblick dieser zwei Typen, die ihre Schwanzlänge anhand von Faxgerät-Know-How messen wollen, während ich HTML, Avid und Final Cut beherrsche, nicht mit den Augen zu rollen.
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Ein Mitarbeiter verbreitete das Gerücht, ich würde mit dem Chef schlafen und nur deshalb befördert werden

Ich habe mich zwei Jahre lang mit solchem Mist rumgeschlagen. Ich konnte es mir nicht leisten zu kündigen, und eigentlich wollte ich es auch nicht. Der Job per se gefiel mir. Es war ein weltweit renommiertes Unternehmen, eines von denen, dessen Name die Leute wirklich beeindruckt, wenn man sagt, man arbeite dort. Der andere, große Faktor um zu bleiben war, dass ich dachte, das ganze Mad Men-Verhalten sei normal. Frauen müssen halt damit klarkommen, dachte ich. Ich nahm mir vor, fortan längere Röcke und kleinere Absätze zu tragen, um nicht die Büroversion der „darum bittenden“ Frau zu sein. Das habe ich wirklich gedacht!

Ich blieb auch, weil viele meiner Kollegen nicht nur schlau, sondern eigentlich auch respektvoll und ermutigend waren. Jetzt, fast zehn Jahre später und selbst in einer Führungsposition, weiß ich, dass das kein Zufall ist: Die talentiertesten Leute neigen dazu, nicht nur fair zu sein, sondern auch freundlich. Und sie müssen mit Sicherheit keine Mitarbeiter runterputzen, um ihre eigenen Egos zu unterstützen. Nur kleine Menschen nutzen junge Mitarbeiter aus, um sich selbst groß dastehen zu lassen. Ich wünschte, ich hätte mit 22 gewusst, wie krank diese Männer ein Jahrzehnt später auf mich wirken würden.

Warum habe ich jetzt erst darüber geschrieben? Vor einigen Monaten erzählte mir eine Freundin von einer jungen Frau, deren Mentor sie ist. „Sie wird von ihrem Chef runtergemacht.“

„Was hast du ihr gesagt?“, fragte ich.

„Ich bin hin- und hergerissen, weil ich möchte, dass Sie in die Personalabteilung geht, aber ich auch Angst habe, dass sie das ruiniert. Sie könnten einen Grund finden, sie deswegen abzusägen“, antwortete sie.
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Diese zwei Typen wollten ihre Schwanzlänge anhand von Faxgerät-Know-How messen, während ich HTML, Avid und Final Cut beherrsche.

Ich dachte zurück an die Frauen, denen ich mich anvertraut hatte, die mir niemals rieten, die Vorfälle zur Personalabteilung zu bringen — nicht aus Achtlosigkeit, sondern wegen eines Konsens, dass es besser ist, mitzuspielen, als sich zu wehren. Und ich begriff, wie wenig sich in 10 Jahren verändert hatte. Ich dachte auch über die Ratschläge nach, die ich jungen Frauen in ähnlichen Situationen geben würde.

Erstens: Finde Unterstützung am Arbeitsplatz. Es muss keine andere Frau sein — einfach jemand, mit dem du vertraulich über berufliche Angelegenheiten reden kannst und dessen Meinung du schätzt. Wenn du so jemanden nicht in deinem Büro finden kannst (übrigens ein Alarmsignal), gehe zu jemand anderem in deinem Netzwerk. Zu einem Familienfreund, der im selben Bereich arbeitet, zu einem ehemaligen Professor, mit dem du in Kontakt geblieben bist, oder sogar zu einem ehemaligen Chef von einem Praktikum. Zweitens: Schaue hoch. Siehst du Frauen auf den höchsten Ebenen, dort wo du arbeitest? Falls ja, investieren sie in die Karrieren anderer Frauen? Wenn die Antwort Ja ist, super — frage einer der Frauen, ob ihr gemeinsam einen Kaffee trinken könnt. Wenn die Antwort Nein ist, ist das ein weiteres Alarmzeichen, und du solltest dich fragen, woran das liegt und ob du langfristig in einem Unternehmen arbeiten willst, in dem Frauen nicht auf der oberen Ebene vertreten sind.

Du musst dir außerdem vor Augen halten, dass du Möglichkeiten hast. Etwa zur Personalabteilung zu gehen, oder dir einen neuen Job zu suchen. Ja, ich habe es gesagt: Du könntest auch einfach gehen, obwohl du nichts falsch gemacht hast. Es ist Scheiße, aber der springende Punkt ist: Einen Job zu kündigen, in dem du schlecht behandelt wirst, ist kein Zeichen von Schwäche. Du musst nicht durchhalten, um jemandem etwas zu beweisen. Und letztendlich ist es am wichtigsten, zu wissen, dass die Alarmglocken in deinem Kopf aus gutem Grund läuten. Glaub mir: Wenn du dir schon die Frage stellen musst, ob das Belästigung war, dann war es das mit großer Wahrscheinlichkeit auch. Und es ist nicht in Ordnung.
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Man muss sich vor Augen halten, dass man Optionen hat

Ich wünschte, ich wäre vor einem Jahrzehnt mutiger gewesen, aber ich verstehe auch, warum ich es nicht war. Mit 22 lernte ich gerade noch den Unterschied zwischen Büroscherzen und aufdringlicher Belästigung. Ich wollte auch wirklich gemocht werden. Ich wollte nicht die arrogante Göre sein, die hysterisch heulend zur Personalabteilung rennt. Erst jetzt verstehe ich, dass ich genau das hätte tun sollen und dass mich das noch lange nicht arrogant oder hysterisch gemacht hätte. Nach etlichen Jahren in anderen Unternehmen, für andere Leute, und irgendwann selbst als Chefin, habe ich begriffen, wie abstoßend und gleichzeitig normal das alles war. Und ist. Ich habe dutzende Freundinnen, Kolleginnen und Bekannte, die über die Jahre genauso viele, wenn nicht noch mehr widerliche Geschichten erlebt haben. Zuerst war es erleichternd, zu wissen, dass ich nicht alleine bin. Danach war es deprimierend. Warum werden Monate oder Jahre der Belästigung als akzeptables Aufnahmeritual für erfolgreiche Frauen angesehen?

Was ich am meisten bereue ist, dass ich leise war. Nicht so sehr mir selbst zuliebe, sondern wegen der jungen Frauen, die nach mir kamen. Vielleicht würde es mittlerweile weniger verrückt wirken, wenn mal wieder eine 22-Jährige aufgebracht in die Personalabteilung kommt, und vielleicht würde ihr klar sein, dass das unangebrachte Benehmen eines Kollegen nicht ihre Schuld ist.
Die Autorin dieses Artikels möchte anonym bleiben, um ihre Privatsphäre zu schützen. Die Details der Erfahrung der Autorin reflektieren ausschließlich ihre eigene Meinung.
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