Bewegende Fotos zeigen Kinderwitwen in Nepal

Photo: Courtesy of Poulomi Basu/VII Mentor Program.
Als sie 18 wurde, sagt die Fotografin Poulomi Basu, flehte ihre Mutter sie an, von zu Hause wegzulaufen und sich in einer weit entfernten Stadt ein Leben aufzubauen, um nicht „das gleiche Schicksal“ zu erleiden.

Sowohl Basus Mutter als auch ihre Großmutter waren jung verheiratet worden und früh verwitwet. In ihrem Heimatland Indien hieß das, fortan nur noch weiße Kleidung tragen zu dürfen und bis ans Lebensende büßen zu müssen.

„Witwen werden als böses Omen gesehen, als Hexen und ‘Männerfresserinnen’, die Unglück bringen“, sagt Basu im Gespräch mit Refinery29. „Sie bezahlen für Sünden, die sie in einem früheren Leben begangen haben. Die Veden, die heilige Schrift des Hinduismus, sind in diesem Punkt eindeutig.“

„Solange ich denken kann, hat meine Großmutter nur weiße Saris getragen, selbst noch auf dem Sterbebett”, sagt Sari. „Meine Großmutter war schon mit Ende 20 Witwe und nach dem Tod meines Großvaters hat es keinen einzigen Tag mehr gegeben, an dem sie bunte Kleidung getragen hätte. Sie führte auch verschiedene Bußrituale durch.”

Sie fügt hinzu: „Ich habe meinen Vater verloren, als ich 17 war. Nun musste auch meine Mutter die Rituale befolgen und Weiß tragen. Ich widersetzte mich diesen Regeln, denn ich wollte nicht, dass meine Mutter Weiß trägt und für Sünden büßen muss, die sie gar nicht begangen hat. Ich war wütend und sorgte dafür, dass sie sich nie penibel an die Regeln hielt. Aber sie trägt niemals Rot, auch diese Farbe ist Witwen verboten.“

Erst als Basu später Fotojournalistin wurde und durch Nepal reiste, lernte sie andere Witwen kennen, die das gleiche Schicksal erlitten hatten. Doch diese Witwen sind – Kinder.

„Es sind Kinder, denen man die Kindheit und das Recht auf Selbstbestimmung genommen hat”, erklärt Basu. „Die Frauen sind so jung, wenn sie verheiratet werden, sie ahnen nicht, was sie erwartet. Wir haben mit einer jungen Frau gesprochen, die freute sich auf die Musik und den Tanz bei ihrer Hochzeit. Aber sie hatte keine Vorstellung, was danach kommt, was es heißt, ‘Ehefrau’ zu sein. Geschweige denn, was es bedeutet, als ‘Ehefrau’ in einem solch patriarchalischen Umfeld zu leben.“

Weltweit leben nach Angaben von UNICEF mehr als 700 Millionen Frauen, die vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet wurden; jede dritte dieser Frauen wurde vor ihrem 15. Geburtstag verheiratet. Häufig werden Mädchen gezwungen, bedeutend ältere Männer zu heiraten und die Schule abzubrechen. Hier kannst du mehr über das Leid von Kinderbräuten lesen, unter anderem auch die Geschichte eines 14-jährigen Mädchens, das um seine Scheidung kämpfte, um seine Schulausbildung fortsetzen zu können.

„[Kinderwitwen] sind im Zusammenhang mit Kinderheirat ein Phänomen, über das wir weniger gut Bescheid wissen“, sagt Basu. „Es ist eine besonders schlimme Ungerechtigkeit. Erst beraubt man Menschen ihrer Kindheit und dann ihres Lebens danach. Für Kinder, die ältere Männer heiraten, ist es ein Teufelskreis, der zu einem Leben mit einem Stigma führt, falls der Ehemann stirbt.“

„Die Aufgabe von Kinderwitwen ist es, zu bereuen und zu büßen“, so Basu weiter. „Ihr Leben verläuft praktisch ohne jede Freude und sie dürfen bis auf Weiß keine anderen Farben tragen. Sie müssen auf Schmuck, Fleisch, Fisch und soziale Treffen verzichten, sogar mit ihrer Familie. Zu Tempeln haben sie keinen Zutritt und sie dürfen nicht wieder heiraten. Sie dürfen das Haus nicht verlassen und Männern nicht in die Augen schauen, denn es heißt, der Blick einer Witwe bringe Unglück.“

Seit 2013 dokumentiert Basu im Rahmen ihres Projekts „A Ritual of Exile” das Leben dieser Kinderwitwen. Ihre Arbeiten hat sie unter anderem im Guardian, im New Yorker und im NPR-Hörfunk veröffentlicht. Darüber hinaus war und ist sie für Menschenrechtsorganisationen wie UNESCO, Save the Children, WaterAid und Crisis Action tätig. Refinery29 hat mit Basu während ihres Einsatzes in China gesprochen.

Bildkommentar: Anjali Kumari Khang, ein 12-jähriges Mädchen, das im Distrikt Saptari in Nepal lebt. „Ich bin nicht glücklich, ich will nicht heiraten. Hoffentlich findet mein Mann eine Arbeit in einer Stadt im Ausland. Dann kann ich zurück zu meiner Mutter und so lange bei ihr bleiben, wie ich will.“

Die Praxis, Kinder zu verheiraten, greift in diesem Teil Nepals immer mehr um sich. Mädchen werden als Last empfunden, als zusätzliches hungriges Maul, das es zu stopfen gilt. Viele Dorfbewohner verheiraten ihre Töchter schon vor deren erster Periode, denn es herrscht der Glaube, dass dann die nächsten Verwandten ins Paradies kommen.